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Montag, 16. November 2020

Die Konzernverantwortungsinitiative: Es geht um Gerechtigkeit und um Freundschaft

Ein Gedanke

Ernst Hug und die "Mona Lisa" der Konzernverantwortungsinitiative
Foto © Jörg Niederer
Ich unterstütze die Konzernverantwortungsinitiative, weil die Schweiz und ihre Wirtschaft einen Ruf zu gewinnen hat.

Ein Bibelvers - Amos 5,14+15

"Sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr am Leben bleibt! Dann wird der Herr, der Gott der Heerscharen, bei euch sein, so wie ihr es immer gesagt habt. Hasst das Böse und liebt das Gute und bringt das Recht zur Geltung im Tor (vor Gericht)."

Eine Anregung

Ich bin konfliktscheuer geworden. Das Kämpferische ist einer gewissen Verunsicherung gewichen. Seit die Konzernverantwortungsinitiative lanciert wurde, habe ich sie unterstützt, und mich für sie eingesetzt. Ich halte deren Forderungen für eine Selbstverständlichkeit. So habe ich auch Postkarten verschickt, um Menschen in meinem Umfeld zu motivieren, Ja zu stimmen. Selbst die Evangelisch-methodistische Kirche hat sich mit einem Ja positioniert. Aber es gibt Christen, die sehen das ganz anders. Darunter sind auch Menschen, die ich sehr schätze. Ich stelle mir vor, dass das auch schon war bei der Haltung zur Sklaverei: Hüben und drüben achtenswerte Persönlichkeiten. Und so war es beim Thema "Gleichberechtigung von Mann und Frau". Und auch wenn es um die Vielfalt menschlicher Sexualität geht, ist es wieder nicht anders. Etwas hemmt mich, es mit Menschen zu verderben, die ich mag. Lieber gehe ich dabei den Konflikten mit ihnen aus dem Weg. Aber da sind auch die andern Menschen, unbekannt meist, deren prekäre Lebensumstände durch meine Konfliktscheue zementiert werden. Ihnen tue ich keinen Dienst, wenn ich um des lieben Friedens willen in meinem beruflichen und privaten Umfeld schweige. "Im Stich" lasse ich so oder so Menschen. "Freundschaften aufs Spiel" setzte ich so oder so. Solidarität geht auf die eine wie andere Art verloren. Das ist frustrierend. Und so suche ich eine Balance zwischen Aufdringlichkeit und Respekt. Zwischen Engagement und Rücksicht.

Gut gelungen ist diese Balance, so finde ich, meinem Berufskollegen Pfarrer Ernst Hug von der Evangelisch-methodistischen Kirche Lyss und Aarberg. Wieder im kirchlichen Lockdown gibt es dort statt Anlässe vor Ort ein "Wort vor Wuche". Im Videobeitrag greift Ernst Hug die Konzernverantwortungsinitiativ auf und verknüpft sie mit dem Anspruch der Bibel auf Gerechtigkeit. Das klingt bei ihm wenig reisserisch, ist sorgfältig überlegt. Der Beitrag hat meine uneingeschränkte Empfehlung: https://www.youtube.com/watch?v=lnKjbDCzP-I&feature=youtu.be. Und hier findet man noch mehr "Wort vor Wuche" von Ernst Hug: https://emk-lyss.ch/

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Donnerstag, 24. September 2020

Skandalöser Schuldenerlass

Ein Gedanke

Abendmahl in der Wesley Chapel in London
Foto © Jörg Niederer
"Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken." Mahatma Gandhi

Ein Bibelvers - Matthäus 18,23-27

"Darum ist es mit dem Himmelreich wie mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Als er abzurechnen begann, wurde einer vor ihn gebracht, der ihm zehntausend Talent (34'000 kg Gold) schuldig war. Weil er sie nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kind und seiner ganzen Habe zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da warf sich der Knecht vor ihm auf die Knie und flehte: Hab Geduld mit mir, und ich werde dir alles zurückzahlen! Da hatte der Herr Mitleid mit jenem Knecht und liess ihn gehen, und die Schuld erliess er ihm."

Eine Anregung

Mein Pfarrkollege Christian Hagen stellt in seinem Blog die Frage: "Kann Gott alles vergeben?" Unter anderem beantwortet er diese Frage mit der Feststellung, dass "Gottes Vergebungsbereitschaft skandalös" sei. Am Beispiel des nationalsozialistischen Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, unter dessen Herrschaft Millionen von Juden starben, und der sich später zu Christus bekehrt haben soll, fragt er, ob es nicht auch für Gott ein Zuviel an Schuld gäbe, so dass er sie nicht mehr vergeben könne. Hier seine persönliche und gut durchdachte Antwort: https://daskoenigreichgottes.com/2020/09/22/kann-gott-alles-vergeben/

Am kommenden Sonntag wird die Predigt zum Erntedankfest in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen wieder auf Youtube direktübertragen. Ab 10.30 Uhr beginnt es unter https://youtu.be/KLfggdkdH3A


Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Samstag, 15. August 2020

Teilen, bis es "weh tut"

Ein Gedanke
Brombeeren. Wie viele davon gibst du ab?
Foto © Jörg Niederer
"Zur Hölle wird der Himmel, wenn ich ihn mit niemandem teilen will." Nach einer Aussage von Ernst Ferstl

Ein Bibelvers - Lukas 3,11
"Johannes der Täufer antwortete den Leuten: Wer zwei Hemden hat, teile mit dem, der keines hat, und wer zu essen hat, tue desgleichen."

Eine Anregung
Teilst du gerne? In einer Fernsehwerbung heisst es, dass XY sein feines Fleisch nur in den Sozialen Medien teile. So ist Teilen einfach. Man gibt nur die Kopie ab, den Genuss behält man für sich. Vielleicht wird sogar Neid erzeugt, in dem man die Botschaft weitergibt: "Seht, so gut geht es mir!"
Heute habe ich ein Experiment kennengelernt.
Einer Person werden 100 Franken angeboten mit der einzigen Auflage: Sie bekommt das Geld nur, wenn sie einen Teil davon einer anderen Person schenkt. Das kann 1 Franken sein, das können 30 Franken sein, das kann die Hälfte sein?
Rein wirtschaftlich betrachtet müsste also jetzt jemand sagen: Ich gebe nur einen Franken ab, da für einen Empfänger das Angebot ja immer noch besser wäre, als wenn er es ablehnen würde. 
Was denkst du? Wie viel würdest du von den 100 Franken abgeben?
Und wenn dir Geld angeboten würde von den 100 Franken, wie hoch müsste der Betrag sein, dass du darauf eingehen würdest?
Welche Rolle spielt bei diesem Experiment der Neid?
Was wäre gerecht?
Nachdenkenswert, finde ich.

Am Sonntag, 16. August 2020 um 10.30 Uhr kann man die Predigt von Jörg Niederer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen auf Youtube mitverfolgen. Es geht um Dankbarkeit!
Siehe https://youtu.be/hlAhXf5jy50

Sonntag, 7. Juni 2020

Rassismus ist Sünde

Ein Gedanke
Black Lives Matter - Schwarze Leben zählen
Aus den Sozialen Grundsätzen: "Rassismus ist Sünde: er verdirbt und behindert unser Wachsen in Christus, weil er im direkten Widerspruch zum Evangelium steht…"

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 10,28:
"Und Petrus sagte zu ihnen: Ihr wisst, wie unstatthaft es für einen Juden ist, mit einem Fremden aus einem anderen Volk zu verkehren oder gar in sein Haus zu gehen. Mir aber hat Gott gezeigt, dass ich keinen Menschen gewöhnlich oder unrein nennen soll."

Eine Anregung
Martin Luther King Jr.: "Zentral im Kampf für Gleichheit ist nicht die Feindseligkeit unserer Gegner, sondern das Schweigen unserer Freunde."
Überleg dir, ob du zu den Menschen gehörst, die Unrecht deutlich beim Namen nennen! Was tust du, dass jeder Mensch erleben kann, dass er von Gott geliebt ist, und zwar ohne Ansehen der Person?

In der Live-Videomeditation von heute Sonntag ab 11 Uhr geht es um Rassismus und Gewalt, und wie wir Christen darauf reagieren können und sollen. Finden wir den Weg zu einem friedlichen Miteinander? Die Texte oben sind aus dieser Meditation. Das Bild ist schwarz als Zeichen dafür, dass Schwarze und Minderheiten nicht diskriminiert werden dürfen. Viele zeigen in diesen Tagen so ihre Solidarität mit den von Rassismus Betroffenen und besonders den Schwarzen. 
Live-Videomeditation: https://youtu.be/PEyeu_1hjMM

Montag, 2. Dezember 2019

Traust du dich?

Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/geralt-9301/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=4610699">Gerd Altmann</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=4610699">Pixabay</a>
«Schon ein bisschen naiv, so etwas zu glauben.»

«Jaja, immer ihr Jungen mit euren grossen Träumen...»

Diese Worte höre ich für einmal nicht von anderen Menschen oder lese sie in Facebook-Kommentaren, sondern sie kommen aus meinem eigenen Kopf. Sie unterbrechen meine Gedanken, als ich mich darauf konzentriere, wie ich mir denn eine Welt voll Gerechtigkeit vorstelle. Sie hindern mich daran, meine Kreativität voll freizusetzen, und schränken meine Träume ein. Was wir uns nicht vorstellen können, können wir unmöglich wahrmachen. Wir brauchen es erst gar nicht zu probieren. Brauchen wir also manchmal die oben genannten Statements vielleicht als Ausrede, gar nicht erst aktiv zu werden? Sind sie zu meiner Ausrede geworden, weil ich in meinem persönlichen Streben nach Gerechtigkeit schon zu oft versagt habe?

So einfach will ich nicht aufgeben und versuche erneut, mir eine Welt voll Gerechtigkeit vorzustellen - unabhängig davon, ob sie für Menschen unmöglich scheint. Langsam nimmt diese Welt in meinem Kopf Gestalt an.

Traust du dich mitzugestalten?

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 12/2019

Dienstag, 31. Juli 2018

Gerechtigkeit und Frieden der Weltgemeinschaft (Teil 3)

Der Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Schweiz-Frankreich-Nordafrika kommentiert an dieser Stelle in mehreren Blogbeiträgen den Entwurf der vollständig neu überarbeiteten Sozialen Grundsätze. Siehe http://www.umcjustice.org/sp2020!

Die nachfolgenden Bemerkungen von Marietjie Odendaal beziehen sich auf den
Abschnitt «The World Community» (Die Weltgemeinschaft).

Ich freue mich sehr, dass ich in einem Text der Kirche viele von meinen Anliegen wiederfinde. Da spüre ich, dass ich Teil einer Gemeinschaft bin, die am gleichen Strick zieht. Wenn ich die Neufassung der sozialen Grundsätze lese, begrüsse ich besonders die folgenden Aussagen:

    Die Sozialen Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche
  • Regierungen werden verantwortlich gemacht für das Wohlergehen aller BewohnerInnen (Abschnitt B).
  • Die globale Dominanz von ökonomisch mächtigen Nationen wird als Problem für schwächere Nationen anerkannt (Abschnitt C).
  • Krieg steht in Widerspruch zur Nachfolge Christi (Abschnitt E).
  • Zu Recht wird der dringend nötige Einsatz für Frieden (auf der Basis von Gerechtigkeit) beteuert (Abschnitt F).
  • Migration ist eine globale Frage, die Staaten und Regionen ganz unterschiedlich herausfordert. Die Kirche ist immer mittendrin, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. Ich würde die weltweite Migration (Abschnitt I) jedoch in dem Abschnitt C (National Power and Responsibility) integrieren.
  • Der neu hinzugekommene Abschnitt zur Kommunikation ist erfreulich aktuell (Abschnitt J).

In diesen Aussagen höre ich, dass wir Teil einer Weltgemeinschaft, und dass unsere Schicksale miteinander verbunden sind. Darum ist es wichtig, dass wir dort, wo wir sind, auf Gottes neue Welt für alle hinarbeiten.
In einigen Themenbereichen wünsche ich mir noch mehr Klarheit, und dass die Kirche als eine andere Stimme hörbar wird als die, welche uns sonst schon überall begegnen. So vermisse ich in diesem Entwurf folgendes:

Im Abschnitt D (Justice and Law) fehlt der Auftrag, Verstösse gegen Recht und Gerechtigkeit zu bezeugen. Damit das geschehen kann, muss sich jeder einzelne Mensch und im Besonderen die Kirche entsprechend informieren.

Zu Abschnitt E (War and Peace) fällt die theologische Begründung mager aus. Zu ergänzen wären:

  • Das Töten widerspricht Gottes Erlösungshandeln und der Einladung zur Umkehr. 
  • Jesus ruft zur Feindesliebe auf (vgl. die aktuelle Version der Sozialen Grundsätze www.soziale-grundsaetze.ch). 
  • Die frühe Kirche erachtete den Krieg als Widerspruch zur christlichen Nachfolge. Diese Klarheit ging im Laufe der konstantinischen Wende verloren, als die Kirche sich immer stärker dem Staat verpflichtete. Ist der Staat wichtiger als Gottes Reich?
  • Abrüstung müsste von grösseren Investitionen in die zivilen technischen Entwicklungen begleitet werden.

Weiter frage ich mich, ob das Thema der globalen Gesundheit (Global Health – Abschnitt G) nicht zu Abschnitt A (Human Dignity, Rights and Responsibilities) gehört? Das Thema ist jedenfalls aktuell und brisant. Ergänzt werden sollte, dass Gesundheit keine Ware ist und medizinische Versorgung nicht dem ökonomischen Profit geopfert werden darf.

Zu Religious Freedom (Religionsfreiheit – Abschnitt H) stellt der letzte Satz im zweiten Abschnitt eine steile Behauptung auf, die ich so nicht teile: dass die freiwillige und erzwungene Migration von Menschen Staaten vermehrt dazu führe, die Religionsfreiheit einzuschränken. Vielleicht reagieren Regierungen so, aber diese Reaktion ist nicht zwangsläufig und kann auf andere Weise einleuchtender begründet werden.
Es irritiert mich auch, dass die Lausanner Verpflichtung (im dritten Abschnitt) im Zusammenhang mit der Religionsfreiheit erwähnt wird. Hinter der Verpflichtung steht ja, gemäss eigenem Selbstverständnis, eine christlich-evangelikale Missionsbewegung.

Im Abschnitt J über Global Communication (Weltweite Kommunikation) fehlt ein kritischer Hinweis auf die flächendeckende Überwachung der Kommunikation und den daraus folgende Verlust an Privatsphäre.

Letztlich freue ich mich, dass dieses Gespräch über die neuen Sozialen Grundsätze öffentlich erfolgt, so dass ich mich daran beteiligen kann.

The World Community in der Version von 2017-2020: http://www.umc.org/what-we-believe/the-world-community
Die Sozialen Grundsätze (deutsch) in der Version 2017-2020: http://www.soziale-grundsaetze.ch


Dienstag, 24. Juli 2018

Gerechtigkeit und die politische Gemeinschaft (Teil 2)

Der Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika kommentiert an dieser Stelle in mehreren Blogbeiträgen den Entwurf der vollständig neu überarbeiteten Sozialen Grundsätze. Siehe http://www.umcjustice.org/sp2020!

The Social Principles of The UMC
Die Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) hat seit ihren Anfängen immer wieder mit den Fragen rund um den überdimensionalen Begriff «Gerechtigkeit» gerungen. Dem Ruf aus Micha 6,8 folgend ist die Aufgabe eines jeden Menschen unter anderem «Gerechtigkeit zu üben». Dieser Ruf gilt dem Einzelnen genauso wie jeder politischen Regierung. Gerechtigkeit muss dem Wohle der Gesellschaft dienen, die Armen und Ohnmächtigen schützen und Systeme entwickeln, die das allgemeine Gute fördern. Die Sozialen Grundsätze (Social Principles) rammen einige Grundpfeiler in diesen grossen Fragen- und Themenkomplex, an dem sich die Kirche in ihrer Auseinandersetzung mit der politischen Macht zu orientieren hat.

Der Text zur «V. The Political Community» (siehe http://www.umcjustice.org/sp2020!) ist (überraschend) prägnant formuliert und (weniger überraschend) theologisch fundiert. Besonderes Augenmerk wird natürlich der Rolle der Kirche im politischen Umfeld gewidmet. Kirche und Staat sollen voneinander unabhängig sein und bleiben. Aufgabe der Kirche ist es einerseits, für die Regierenden zu beten, und andererseits eine prophetische Rolle zu übernehmen und Missstände mit klaren Worten und Taten aufzuzeigen. Das spricht mir ganz aus der Seele. Ich schätze das Prinzip Freiheit über alles. Die Kirche darf sich nicht an die Bedürfnisse der Herrschenden anpassen, nur um wohlgefällig zu sein oder geduldet beziehungsweise gefördert zu werden. Kirche ist immer ein Stachel im Fleisch der Macht; so wie Jesus (und alle Propheten vor ihm) ein Stachel im Fleisch der religiösen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht war.

Dazu passt, dass die Sozialen Grundsätze eindeutig Stellung zu den Menschenrechten, inklusive Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit, dem Recht auf sauberes Wasser und Grundversorgung etc. nehmen. Besonders ins Auge stach mir dabei der Satz: «Bildung ist ein Menschenrecht». Dieser scheinbar einfache Satz allein birgt genügend Herausforderungen für uns als Gesellschaft in sich. Noch lange haben nicht alle Menschen dieselben Bildungschancen – auch nicht bei uns in der wohlhabenderen Hemisphäre.

Nach der Klarstellung dieser Sachverhalte stellt sich die Frage nach der Verantwortlichkeit der Regierungen. Beim Lesen des Textes musste ich lächeln. Kurios und gleichzeitig immer wieder erschreckend ist, dass gewählte Politiker/innen sich nicht selbstverständlich ihres Amtes gemäss verhalten. Stichworte hierzu sind: Verlässlichkeit, Offenheit, Transparenz. Ich schreibe diesen Text nur wenige Tage, nachdem der amerikanische Präsident das „Atom-Abkommen“ mit dem Iran einseitig für ungültig erklärt hat. Gleichzeitig wird, was mich als Wahlberechtigten eines EU-Landes besonders beschäftigt, hinter verschlossenen Türen immer noch über CETA und TTIP verhandelt. Die Schlagworte Verlässlichkeit, Offenheit, Transparenz wirken in diesem Zusammenhang zwar schön, aber auch hohl. Das Vertrauen in die politische Klasse scheint heute aus guten Gründen an einem Tiefpunkt angelangt zu sein. 

Gerade deshalb fand ich es erfrischend, dass die Sozialen Grundsätze «zivilen Ungehorsam» gutheissen, sofern dieser gewaltfrei erfolgt – und die legalen Konsequenzen der Aktionen akzeptiert werden. Natürlich muss «ziviler Ungehorsam» dabei immer dem höheren Gut dienen, nämlich der Bekämpfung von Bosheit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Martin Luther King Jr. und Dorothy Day schiessen mir spontan durch den Kopf …

Da jede Regierung die Verantwortung hat, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen, stellt sich selbstverständlich auch die Frage nach dem Justizwesen eines Staates. Dass die Todesstrafe von der Kirche abgelehnt wird, ist naheliegend. Dass sie aber mit dem Werkzeug der «restaurativen Justiz» auch einen wertvollen Beitrag zur Neugestaltung unseres Justizwesens beizutragen hat, ist den meisten Menschen weniger geläufig. Viele nehmen es als gegeben hin, dass wir ein «Strafsystem» pflegen, das Opfer und Täter völlig trennt. Das Opfer hat in der Regel von der Bestrafung des Täters wenig (ausser eine gewisse persönliche Genugtuung vielleicht). Und der Täter hat kaum eine Chance, seine Tat wieder gut zu machen. Dagegen plädieren die Sozialen Grundsätze für einen Weg, der Opfer und Täter zusammenführt und für einen gewissen Ausgleich sorgt.

Der letzte Abschnitt zur politischen Gemeinschaft handelt vom Militärdienst. Hier steht die Kirche in der Spannung zwischen einerseits radikalen Pazifisten und andererseits Befürwortern eines «gerechten Krieges» im Falle des Versagens aller friedlichen Bemühungen. Beide Seiten haben ihre guten Argumente und es ist schwierig, hier eindeutig Stellung zu beziehen. Kann ein Pazifist wirklich einem Genozid tatenlos zuschauen, selbst wenn die Möglichkeit bestünde, durch militärische Intervention ein noch grösseres Blutvergiessen zu vermeiden? Andererseits: Wer entscheidet, wann ein militärisches Eingreifen angebracht ist? Ab welcher Opferzahl beispielsweise?

Ich möchte dem Leser diese Gedanken selbst überlassen, aber ein unangenehmer Stachel soll doch noch formuliert sein. Bis ins frühe 4. Jahrhundert, als das Edikt von Elvira formuliert wurde, scheinen Christen jede Art von militärischem Dienst tunlichst vermieden zu haben. Das Edikt verlangt sogar von jedem Soldaten, der neu zum Glauben kommt, sofort seinen Dienst zu quittieren. Der Pazifist würde sagen: «Gut so. Wer eine Waffe in der Hand hält, kann kein Kreuz tragen.» Ein anderer könnte sagen: «Das war eine andere Zeit. Damals hatten Christen noch keine staatstragende Verantwortung. Die heutige Situation ist viel komplexer.» Entscheiden Sie selbst!

The Political Community in der Version von 2017-2020: http://www.umc.org/what-we-believe/political-community
Die Sozialen Grundsätze (deutsch) in der Version 2017-2020: http://www.soziale-grundsaetze.ch


Donnerstag, 1. März 2018

Weil du mir Vertrauen schenkst - ein Gebet

Migrant in CalaisSei willkommen, Fremder! Erhole dich von deiner langen Flucht. Lege ab deine schwere Last, dein Trauma, heile deine Wunden. 
Ich sage JA zur dir, du bist eine Bereicherung mit deiner Kultur, deinem Glauben und deiner Lebenserfahrung. Und manchmal sage ich NEIN, wenn ich an meine Grenzen stosse. 
Ich übe mich in Gastfreundschaft. 
Denn du, Gott, öffnest mein Herz, himmelweit, und bietest mir Raum in deinem Gebet.

Ein Spaziergang in der Natur bringt mich zum Staunen. Die versponnenen Blüten, die mächtigen Bäume und das reife Korn sind Zeichen deiner grossen, unendlichen Liebe. Selbst der Regen macht mir nichts aus, auch wenn ich mich leise ärgere, weil ich den Schirm zuhause vergessen habe. Es ist lebendiges Wasser, das Leben bringt. 
Denn du, Heiliger Geist, bist der kreative Schöpfer, schenkst uns Atem und Lebenskraft.

Ich trete ein für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Du Nazarener gehst voran, deinen Fussspuren folge ich gerne. Einige Wege führen mich an den Rand der Gesellschaft. Und manchmal bin ich verzweifelt über diese vielen Ungerechtigkeiten, doch nie resigniert. 
Denn du, Jesus, wirfst geduldig immer wieder dein Netz nach mir. Ich darf fallen und werde von dir getragen.

Amen

Erschienen in "Kirche und Welt" 03/2018

Dienstag, 12. September 2017

Gott, der Kreative

Raupe auf dem Weg.
Welch ein gewaltiges Bild zeigt uns bereits der erste Abschnitt in der Bibel: Gott schafft aus dem Chaos mit seinem kreativen Geist eine fruchtbare Welt; in die Nacht hängt er funkelnde Sterne, Gott lässt es wachsen und gedeihen, er bietet Gastfreundschaft uns Menschen, seinem Ebenbild.

Es ist diese Erzählung unserer Urväter, die mich immer wieder motiviert, einzutreten für die Bewahrung der Schöpfung. Diese Liebe, die uns von Anfang begleitet, soll nicht mit Füssen getreten werden und dem Mammon geopfert werden. Es darf uns nicht gleichgültig sein, wie wir mit seinem Werk umgehen.

Nein, wir müssen uns nicht mit Askese geisseln, es reicht schon, wenn wir bewusster leben. Es braucht manchmal gar nicht so viel, vielleicht einmal das Velo statt das Auto nehmen oder auf die Erdbeeren verzichten, wenn noch nicht Saison ist.

Warum sind die Bananen aus Südamerika billiger als unser Obst aus der Region? Beschäftigt Sie als Christ diese Frage nicht? Mich schon!


Erschienen in "Kirche und Welt" 9/2017

Dienstag, 7. März 2017

Mit weichem Stock hart zugeschlagen - Lebensstil und Fastenzeit

Don Camillo
Don Camillo schleicht sich aus der Kirche. Jesus am Kreuz spricht ja bekanntlich mit ihm und fragt ihn, was er denn hinter dem Rücken habe. „Einen Stock.“ „Lass ihn hier.“ Natürlich möchte Camillo damit seinen Rivalen Peppone verhauen. So verteidigt er sich: „Es ist ganz weiches Holz, nur Linde, kein Eichenknüppel.“ 
Herrlich. Natürlich kommt er damit bei Jesus nicht durch. 
Verhalten wir uns nicht ähnlich? „So schlimm wie dieser Donald Trump, als die AfD, etc. bin ich doch nicht.“ Da bin ich im Vergleich doch „nur Linde“. 
Immer wieder erlebe ich unser rechtfertigendes Verhalten im Umgang mit den globalen Zusammenhängen von arm und reich. Wir rechtfertigen unseren Reichtum z.B. damit, dass wir auch mal Bio und nicht nur Billig-Fleisch kaufen. Doch die Hälfte des weltweiten Getreides wird an Tiere verfüttert, welche wir in den reichen Ländern essen (Massentierhaltung). Für diese Monokulturen werden Kleinbauern, z.B. in Brasilien um ihr Land gebracht, die wiederum in den Favelas der Grossstädte enden. Auf der andern Seite leiden gemäss der Vereinten Nationen rund 795 Millionen Menschen weltweit an Hunger, also etwa jeder neunte (11 %). Die könnten das Getreide auch brauchen… 
Die Beispiele liessen sich bei beliebig vielen Lebensressourcen fortführen. Der Zusammenhang zwischen Arm und Reich ist eigentlich keine neue Entdeckung. Doch wir reden immer noch lieber darüber, dass wir ja „nur Linde“ benutzen. Dass wir damit aber auf den Armen „rumhauen“, ist uns nicht bewusst. Wie sang doch einst Mani Matter: „dene wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit.“ Das könnte für die Fastenzeit ein Thema sein. Ohne „Nur-Linde-Ausreden“.

Gastbeitrag von Markus Da Rugna, Pfarrer Evangelisch-methodistische Kirche Romanshorn

Sonntag, 1. Januar 2017

Die Jahreslosung und das Soziale Bekenntnis

Jahreslosung zum Sozialen BekenntnisIm Dezember 1907 gegründet, legte die "Methodist Federation for Social Service" an der Generalkonferenz von 1908 in Baltimore die Urform des später als "Soziales Bekenntnis" benannten Textes vor. Die Kirche verpflichtete sich darin, für die Rech-te der arbeitenden Menschen einzutreten: für einen Existenzlohn, für einen arbeits-freien Tag in der Woche, für den Schutz der Gesundheit im Arbeitsprozess, und für die Abschaffung der Kinderarbeit. Dieses "Soziale Bekenntnis" bekam ökumenische Bedeutung, indem es im selben Jahr vom "Federal Council of the Churches of Christ in America" leicht verändert übernommen wurde.

Das Soziale Bekenntnis der EMK1972 wurde das bisherige Soziale Bekenntnis in zwei Teile gegliedert: Die Sozialen Grundsätze und das neue Soziale Bekenntnis. In der aktuellen Grafik zur EMK-Jahreslosung nimmt die Künstlerin Doris Schnell die vier Themenbereiche dieses Sozialen Bekenntnisses auf: Umwelt, Gemeinschaft, Gerechtigkeit und Wort Gottes. Spannend!

Mehr zum Sozialen Bekenntnis unter http://soziales-bekenntnis.ch.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 1/2017

Dienstag, 13. September 2016

Fleisch- und Schokoladenhunger


Was geschieht, wenn man in einer Stadt gefüllte Einkaufswagen herumstehen lässt?

Die Welt im EinkaufswagenIn Winterthur geschah Folgendes an der Ausstellung "Die Welt im Einkaufswagen" von der Organisation Public Eye: Obwohl alle ausgestellten Lebensmittel Imitate waren, und obwohl alle Einkaufswagen mit einer Plexiglasscheibe zusätzlich gesichert wurden, versuchten Personen an deren Inhalt zu kommen.

Besonders angetan hatten es den Leuten die beiden Wägelchen mit Schokolade und Fleisch. Bei der Schokolade verschwanden viele der in Schokoladepapier eingepackten Holztafeln. Sie wurden zwischen den Gitterstäben herausgeklaubt. Und beim Wägelchen mit den Fleischimitaten wurde gar die Plexiglasscheibe eingeschlagen und der Inhalt gestohlen.

Fleisch und Schokolade. Schweizer wissen, was gut ist. Dass Kakaobäuerinnen und -bauern einen Durchschnittslohn haben, der viermal tiefer ist als die 2 Dollar pro Tag, welche die Armutsgrenze markieren, wird meist ausgeblendet.
Und dass man mit dem Wasserverbrauch für ein Kilo Rindfleisch 486 mal Duschen könnte (für ein Kilo Getreide reicht es für 42 mal Duschen), ist einem auch wenig bewusst.

Fleisch und Schokolade lassen viele Menschen hungrig und durstig zurück, wie die geklauten Imitate aus den Einkaufswagen in Winterthur.


Zur Aktion "Die Welt im Einkaufswagen" siehe https://www.publiceye.ch/de/events/die_welt_im_einkaufswagen/



Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 10/2016

Samstag, 1. November 2014

Bestechung und Korruption

Die Sozialen Grundsätze über Korruption
Korruption kann man als Machtmissbrauch aus Eigennutz verstehen. Diese Definition ist einfach, und die Bibel verurteilt sie. Jesaja beschreibt eine gerechte Person als eine, deren Leben durch Wahrhaftigkeit geprägt ist und die nicht nur Korruption ablehnt, sondern sich auch weigert, in Vorhaben involviert zu werden, welche andere Menschen missbrauchen könnten (Jesaja 33,15). Jedoch in bestimmten Fällen wird es schwieriger. Wann wird aus einem Geschenk ein Bestechungsmittel? Wo wird aus der Unterstützung der Familie Nepotismus? Wann wird aus einer Spende an eine politische Kampagne ein illegitimer Einfluss auf das politische System? Wann wird aus dem Schutz der rechtmässigen Vertraulichkeit eines Bankkunden die Teilhabe an Betrug? John Wesley brauchte eine einfache Formel um solche Praktiken zu beurteilen: "Entsprechen sie der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und der Wahrheit? Wenn wir unsere Macht gebrauchen, gebrauchen wir sie, um Gerechtigkeit zu erwirken - besonders für die, die machtlos und ausgeschlossen sind? Gebrauchen wir unsere Macht im Dienst der Barmherzigkeit, welche das Gute jener befördern möchte, die leiden, und nicht zum Nutzen der Wohlhabenden? Stimmt unser Machtausübung mit der Wahrheit überein oder dient sie dem Betrug?"


Erschienen in "Kirche und Welt", 11/2014

Montag, 21. Oktober 2013

Ein-Wurf von Elisabeth Roser

Gerechtigkeit
Sind Sie dankbar, dass es der Schweiz wirtschaftlich gut geht? Ja, wir haben Grund dazu. Doch beunruhigt mich das Wissen, dass ein Teil unseres Reichtums mit Unrecht verknüpft ist. So haben zum Beispiel nicht nur die Banken (durch Missbrauch des Bankgeheimnisses), sondern wir alle jahrzehntelang von den Erträgen unversteuerter Vermögen profitiert. Oder Rohstoffe: Viele kommen aus den ärmsten Regionen der Welt; die Leute dort haben kaum Anteil am Geschäft, während die Schweiz als Drehscheibe des internationalen Handels viel Gewinn generiert.
Ist unser Streben nach stetigem Wachstum und Gewinn, unser Festhalten an den Vorteilen, gut? Gut ist nur, was gerecht ist. Gerechtigkeit heisst, das Recht und das Wohl beider Seiten im Blick zu haben.
Gott ist gerecht. Deshalb ist er, wie uns die Bibel zeigt, ein Anwalt der Benachteiligten. An Jesus sehen wir das unmissverständlich.
Ich darf dankbar sein, wenn es mir und unserer Schweiz wirtschaftlich gut geht. Jedoch kann niemals der Erhalt unseres Wohlstandes und die Suche des eigenen Vorteils Priorität haben, weder in meinem persönlichen Leben noch in meinem politischen Handeln. Sonst ist es ein Götze. Ich aber will eine Nachfolgerin von Jesus sein, der immer Anwalt der Benachteiligten war.

Erschienen in "Kirche und Welt", 10/2013 Elisabeth Roser ist Mitglied im