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Donnerstag, 24. September 2020

Skandalöser Schuldenerlass

Ein Gedanke

Abendmahl in der Wesley Chapel in London
Foto © Jörg Niederer
"Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken." Mahatma Gandhi

Ein Bibelvers - Matthäus 18,23-27

"Darum ist es mit dem Himmelreich wie mit einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Als er abzurechnen begann, wurde einer vor ihn gebracht, der ihm zehntausend Talent (34'000 kg Gold) schuldig war. Weil er sie nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kind und seiner ganzen Habe zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da warf sich der Knecht vor ihm auf die Knie und flehte: Hab Geduld mit mir, und ich werde dir alles zurückzahlen! Da hatte der Herr Mitleid mit jenem Knecht und liess ihn gehen, und die Schuld erliess er ihm."

Eine Anregung

Mein Pfarrkollege Christian Hagen stellt in seinem Blog die Frage: "Kann Gott alles vergeben?" Unter anderem beantwortet er diese Frage mit der Feststellung, dass "Gottes Vergebungsbereitschaft skandalös" sei. Am Beispiel des nationalsozialistischen Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, unter dessen Herrschaft Millionen von Juden starben, und der sich später zu Christus bekehrt haben soll, fragt er, ob es nicht auch für Gott ein Zuviel an Schuld gäbe, so dass er sie nicht mehr vergeben könne. Hier seine persönliche und gut durchdachte Antwort: https://daskoenigreichgottes.com/2020/09/22/kann-gott-alles-vergeben/

Am kommenden Sonntag wird die Predigt zum Erntedankfest in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen wieder auf Youtube direktübertragen. Ab 10.30 Uhr beginnt es unter https://youtu.be/KLfggdkdH3A


Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Donnerstag, 30. April 2020

Schulden erlassen

Ein Gedanke
Schwertlilie
Die Schwertlilie ist die Lieblingsblume meiner Frau. Und weil sie diesen Newsletter auch liest, bleibe ich ihr dieses Bild hier nicht schuldig: Apropos Schulden! Papst Franziskus sagte in der Messe zum Ostermorgen: "Alle Länder sollten in die Lage versetzt werden, die notwendigsten Massnahmen (im Zusammenhang mit der Pandemie) zu treffen, indem die Schulden, welche die Bilanzen der ärmsten Länder belasten, teilweise oder sogar ganz erlassen werden." 

Ein Bibelvers - Lukas 7,47
"Darum sage ich (Jesus) dir: Dieser Frau sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig."

Eine Anregung
Wem könntest du Schulden erlassen und Dinge nicht weiter nachtragen?  Wie wäre es, wenn du das jetzt nicht nur theoretisch überlegst, sondern es auch tust?

Donnerstag, 31. Juli 2014

"Auge um Auge, Zahn um Zahn" - das wäre geradezu fortschrittlich

Die Bibel erzählt vom Brudermörder Kain, dass Gott ihn mit folgenden Worten unter besonderen Schutz stellte. "Fürwahr, wer immer Kain erschlägt, soll siebenfach der Rache verfallen." (Genesis 4,15). Abschreckung nennt man das. Fünf Generationen nach Kain nahm Lamech, der Vater Noahs, diese Worte wieder auf und steigerte die Drohung um das Elffache: "Siebenfach wird Kain gerächt, Lamech aber siebenundsiebzigfach."

77-fache Vergeltung, grafisch dargestelltIrgendwo zwischen Kain und Lamech stehen wir heute, im 21. Jahrhundert, angesichts der Opferzahlen von Kriegen.
Im Irakkrieg starben (konservativ gezählt) auf der einen Seite 110'000 Zivilisten und 10'000 irakische Soldaten, auf der Seite der USA und ihren Verbündeten ungefähr 5000 Soldaten. Das Opferverhältnis zugunsten der USA und ihrer Verbündeten beträgt 1:24.

Im aktuellen Nahostkonflikt kommen auf einen toten Israeli 23 tote Palästinenser (Stand am 29.07.2014).

Die Tragik an dieser Situation ist, dass bereits vor 4200 Jahren eine Regel bekannt war, welche die Eskalation von Rache und Gewalt hätten eindämmen können. Ich spreche vom "ius talionis". Im Codex "Ur-Nammu" heisst es: „Wenn ein Mann einen Mord begangen hat, soll besagter Mann getötet werden.“ Gleiches wird mit Gleichem vergolten. Die Bibel greift dieses Prinzip mit den Worten auf: "Entsteht aber weiterer Schaden, sollst du Leben für Leben geben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuss, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme." (Exodus 21,23-25).

Zwischen Tätern und Opfern wird ein Ausgleich geschaffen, bei dem das Opfer in gleichem Mass Täter wird wie der Täter. Im Idealfall wird damit ein Gleichgewicht geschaffen, das zu keiner weiteren Gewalt führt.

Die oben erwähnten einseitigen Kriege hinterlassen nach ihrem Ende aber nicht ein Gefühl von Gerechtigkeit, sondern viele offenen Wunden, viel Hass und Wut, und unglaubliche Energien auf der Basis erfahrener Demütigungen und Unrechtserfahrungen bei einzelnen Menschen Familien und Völkern.

Wahrscheinlich wäre die Welt besser, würden die Kriege anders, eben im Sinne des ius talionis geführt. Doch so ist die Welt nicht. 

Das wusste auch Jesus, als er das Talionsgebot aufnahm und diesem eine Deeskalations-Anweisung gegenüber stellte: "Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand! Nein! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin." (Matthäus 5,38+39).
Den Rachegedanken bei Kain und Lamech nahm Jesus im Zusammenhang mit der Frage des Petrus auf: "Herr, wie oft kann mein Bruder an mir schuldig werden, und ich muss ihm vergeben? Bis zu siebenmal? Jesus sagt zu ihm: Ich sage dir, nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebenundsiebzigmal." (Matthäus 18,21+22).

Es geht um die Eindämmung von Gewalt und Unrecht. Und das ist nur möglich dadurch, dass Gewalt und Unrecht ertragen wird. Starke Persönlichkeiten und starke Nationen können das. Sie können in ausufernder Weise nicht vergelten und mit Nachdruck immer wieder vergeben.
Schwache Persönlichkeiten und schwache Nationen werden sich weiterhin rächen. Es wäre geradezu fortschrittlich, wenn sie es lediglich im Sinne des Talionsgebots tun.