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Montag, 5. Juni 2023

Wandlung

So ein schönes Predigtthema: Cantate – lobet Gott! So heisst der 4. Sonntag nach Ostern in der Kirche. Und im vorgeschlagenen Text geht es um die Berufung des Hirten David an den Königshof von Saul. David soll mit seiner Musik das niedergedrückte Gemüt des Königs erhellen. Ich sehe schon einen wunderbaren Zielgedanken: Eine Saite in jemandem zum Klingen bringen. Möchte mich in die heilsame Kraft der Musik vertiefen. 

Doch da steht in meiner Bibel als Ursache für die depressive Verstimmtheit, dass Gott den Saul verworfen habe. Weil er Gottes strenges Gericht, den Bann, nicht gnadenlos am ganzen feindlichen Volk inklusive König und Vieh vollzog. Die Sonntagsidylle ist dahin. Unerbittlich ruft der Prophet Samuel zum Gehorsam auf (1. Sam 15 und 16). Ein paar Jahrhunderte später beschreibt Jesus in derselben Bibel seinen Auftrag ganz anders. Gleich zweimal zitiert Matthäus diese Aussage: Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! (Mt 9,13 und ähnlich 12,7!) 

Vom Kriegsgott zum barmherzigen Vater! Oder sind es nicht eher die Empfänger seiner Weisungen, die ihn anders gehört und von ihm gesprochen haben? Diese Wandlung könnte so manches unter uns tatsächlich verändern! Doch noch eine heilsame Musik?

Ernst Hug

Sonntag, 28. Mai 2023

Kriegskosten

In den US-amerikanischen Medien läuft im Moment eine Geschichte, die ich
hier in Europa sehr vermisse. An der renommierten Brown University
untersucht ein Institut die Kosten des von den USA angeführten "Krieges
gegen Terror" (WATSON INSTITUTE FOR INTERNATIONAL AND PUBLIC
AFFAIRS, Brown University;
https://watson.brown.edu/costsofwar/papers/summary)
Einige Ergebnisse:

  • Mindestens 929,000 Menschen sind direkt durch kriegerische Gewalt von allen Konfliktseiten gestorben, unter anderem Zivilisten und Journalisten.
  • Noch viel mehr Menschen sind durch die Folgen dieser Kriege gestorben, wie Unterernährung, beschädigte Infrastruktur und Umweltschäden.
  • 38 Millionen Menschen wurden in den Kriegen nach 9/11 in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Libyen, Yemen, Somalia und den Philippinen zu Flüchtlingen.
  • Diese Kriege haben merklich zum Klimawandel beigetragen, da das US-amerikanische Verteidigungsministerium zu den weltgrössten Verursachern von Treibhausgasen zählt.
  • Die Kriege werden begleitet vom Zerfall von Bürgerrechten und -freiheiten und Menschenrechten, sowohl in den USA wie in anderen Weltregionen.

Diese Liste ist keine Überraschung. Denn diese Folgen von Kriegen sind schon
lange bekannt. Die Studie drückt nur in konkreten Zahlen aus, was zu erwarten
ist. Sie zählen auch noch nicht was der Einsatz von abgereicherten Uranwaffen
hinterlässt.
Verwunderlich ist, wie diese und ähnliche Studien und Darstellungen in fast
allen europäischen Leitmedien ignoriert werden. (Ich habe zumindest keinen
Hinweis darauf entdecken können.) Scheinbar gilt noch immer die ganz
unrealistische Einschätzung, Menschen mit Kriegen zu Freiheit und Leben
führen zu wollen.
Ich hoffe sehr, dass zumindest Christinnen und Christen sich bewegen lassen,
realistisch und faktenbasiert über die angeblichen Versprechen von Kriegen
und ihre tatsächliche Wirkung zu denken und sich zu engagieren. Das könnte,
im Namen Jesu Christi und um Gottes Willen, nur bedeuten, sich dafür
einzusetzen, jeden Krieg baldmöglichst zu Ende zu bringen.

Marietjie Odendaal

Sonntag, 14. Mai 2023

Religion und Sicherheit

In der Gesellschaft ist zunehmend ein Gefühl der Unsicherheit zu spüren, sei es aufgrund von Gesundheitsbedenken im Zusammenhang mit der Pandemie, der geopolitischen Unsicherheit nach der Invasion in der Ukraine oder der Sorge um die finanzielle Stabilität nach der CS-Pleite. 

Interessanterweise besagt eine soziologische, wenn auch umstrittene Ausgangsthese, dass Religiosität negativ mit sozialer Sicherheit korreliert. Als historisches Beispiel wird angeführt, dass z.B. die Entdeckung von Keimen und Antibiotika dazu führte, dass Krankheit als ein lösbares Problem angesehen wurde. 

Die Erfahrung von einer zunehmend garantierten Sicherheit würde demnach die Bedeutung religiöser Fragen zurückdrängen. Umgekehrt liesse sich folgern, dass es aber gerade in unsicheren Zeiten das Bedürfnis nach Orientierung, Zugehörigkeit und Krisenbewältigung wieder zunimmt. 

Dieses wird heute vielleicht nicht mehr ausschliesslich religiös aufgefangen, dennoch hat gerade die Kirche in ihrer Botschaft und Praxis dafür eine Kompetenz und Entsprechung, die sie gerade jetzt in Zeiten der Unsicherheit aktiv wahrnehmen sollte.

Milan Weller

Mittwoch, 18. Januar 2023

Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Sozialethische Arbeitsgruppe der evangelisch-methodistischen Kirche in Solothurn

Martin Roth, Loretostrasse 25, 4500 Solothurn



Frau

Bundesrätin K. Keller-Sutter

Bundeshaus West 

3003 Bern


Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Vielen Dank für Ihren grossen Einsatz rund um die schwierigen Fragen der Flüchtlinge. Ganz besonders freut uns, wie schnell sie den Status ‘S’ für die Flüchtenden aus der Ukraine in Kraft gesetzt haben. So fanden die Frauen und Männer schnell einen Ort, der ihnen Schutz bot. Dass Sie mitverantwortlich waren dafür, dass der Bundesrat diesen Schutzstatus jetzt um ein Jahr verlängert hat, freut bestimmt nicht nur die Geflüchteten, sondern auch uns. Nochmals vielen Dank.

Allerdings sind die Menschen aus der Ukraine nicht die Einzigen, die sich vor Krieg und Verfolgung fürchten und deshalb flüchten. Die Medien berichten fast täglich über Demonstrationen und Repressionen in verschiedenen Ländern der Welt. Und viele Menschen, gerade auch Frauen, flüchten, weil sie befürchten müssen, verfolgt, verhaftet oder gar getötet zu werden. Wäre die sichere Schweiz für solche Menschen nicht ein Ort, der ihnen Schutz bieten könnte?

Dazu schaffte die Schweiz das ’humanitäre Visum’. Nun hat am 17. 11. 2022 die Sendung ‘Rendez-vous am Mittag über das humanitäre Visum berichtet: «Das humanitäre Visum soll Verfolgten den Zugang zur sicheren Schweiz ermöglichen. Jetzt zeigen aktuelle Zahlen: Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und den Protesten in Iran ist es fast bedeutungslos». Die Hürden, ein solches Visum zu erhalten sind laut diesem Bericht viel zu hoch. Es scheint, dass viele Betroffene es aus Angst vor Ablehnung gar nicht erst versuchen, ein solches Visum zu beantragen. 

Uns scheint diese abwehrende, ängstliche Haltung der humanitären Tradition der Schweiz unwürdig. Zudem ist diese Haltung der Schweiz sehr diskriminierend und ungerecht. Was unterscheidet denn die Schutzsuchenden aus der Ukraine von jenen aus dem Iran, Afghanistan oder anderen Ländern? Wir bitten Sie daher sehr, allen gefährdeten Menschen den Zugang zum Schutz in der Schweiz zu ermöglichen. Bitte zeigen Sie gegenüber den Flüchtenden aus dem Iran, Afghanistan oder Eritrea die gleiche Offenheit und den gleichen Mut, ihnen Schutz zu bieten, wie jenen aus der Ukraine.

Freundlich grüssen Sie


Kirche in einem dynamischen Umfeld

In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird gesamtschweizerisch von einem Bedeutungsrückgang von Religion ausgegangen. Neuste Studien erklären dies insbesondere mit einer Säkularisierung via Kohorten. Religiosität wird demnach in der Schweiz immer weniger von einer Generation zur nächsten weitergegeben (Religionstrends in der Schweiz, 2022). Dieser Trend zeigt sich vor allem bei den beiden Landeskirchen in der Schweiz, wo die katholische Kirche ihren Mitgliederrückgang (aktuell noch) durch Personen mit Migrationshintergrund (hauptsächlich Italien, Portugal, Spanien und Kroatien) etwas ausgleichen kann (Rückgang von 46.7% 1970 auf 33.8% in 2020), wohingegen er bei der evangelisch-reformierten Kirche deutlicher ausfällt (Rückgang von 48.8% 1970 auf 21.8% in 2020). Abgesondert davon hat sich in der Schweiz ein freikirchliches Milieu (ca. 1.5-2.5% der Schweizer Bevölkerung) etabliert, wo die Säkularisierung weniger stark zu wirken scheint. In diesem Sozialmilieu ist jedoch ein gewisser interner Wettbewerb erkennbar.

Für die EMK sind diese gesellschaftlichen Gegebenheiten auch hinsichtlich einer generellen Identitätsfrage von zentraler Bedeutung. Es muss vermutlich entlang der Frage einer gewissen Anpassung (zugunsten der sozialen Identität Religion) oder einer stärkeren Abgrenzung nach Aussen (zugunsten einer Stützung der eigenen religiösen Identität) verhandelt werden. Diese Unterscheidung ist auch für einen Strategieprozesses zur Mitgliedergewinnung dahingehend relevant, wenn man sich überlegt, welche Personen dieser beiden gesellschaftlichen Gruppen man wie am besten erreichen kann oder möchte. Einerseits bietet ein Fokus auf das freikirchliche Milieu den Vorteil, dass dort bereits eine konsistente Nachfrage für Religiosität existiert, da dort die Säkularisierung gemäss aktueller Forschung weniger stark wirkt. So könnte man von dort Mitglieder*innen gewinnen, falls man in Konkurrenz mit anderen Freikirchen tritt. Dies schafft man vor allem, indem man auf lokaler Ebene durch individuelle religiöse Angebote überzeugt und damit besser als andere Institutionen die religiösen Bedürfnisse dieser Anspruchsgruppe befriedigt und diese dabei auch gezielt anspricht und einlädt. Dies könnte jedoch als Nullsummenspiel aufgefasst werden, da gesamtschweizerisch dadurch die Anzahl an Christen nicht vergrössert, sondern nur einige «Player im religiösen freikirchlichen Markt» erfolgreicher oder weniger erfolgreicher agieren. Möchte man Personen aus der säkularen Welt (Anspruchsgruppe: ehemalige Reformiert, junge Menschen ohne Religionszugehörigkeit, etc.) erreichen, geht es vor allem darum, dass die Einstiegshürden in den Gemeinden bei diesen Personen nicht zu hoch gesetzt werden, indem beispielsweise bereits erwartet wird, dass man in seinem Glauben gefestigt sein muss oder regelmässige religiöse Praxis betreibt. Es müsste sich eher um einen Schritt für Schritt Prozess (Nudging) handeln. Insgesamt bietet die Unterscheidung zwischen diesen beiden Anspruchsgruppen den Vorteil, dass man die Bedürfnisse der jeweiligen potenziellen Mitglieder gezielter erreichen kann. Eine fehlende Differenzierung birgt zudem die Gefahr einer möglichen Irritation, da unterschiedliche Erwartungen innerhalb der Kirche aufeinandertreffen und keine klare Position besteht (Stuck in the Middle Problematik). 

Konkret stellt sich also die Frage, ob die EMK den Fokus daraufsetzen möchte, brückenbauend in die säkulare Welt hinein zu agieren, oder eher versuchen möchte, im religiösen freikirchlichen Markt mit anderen freikirchlichen Akteure zu konkurrieren und dort durch individuelle religiöse Angebote zu überzeugen. Eine bewusste Differenzierung dieser Anspruchsgruppen ist zentral und wirft wichtige weiterführende Fragen auf, die wir in unserer Kirche bearbeiten sollten.

Milan Weller

Freitag, 4. November 2022

Habt ihr schon von Gertrud Woker gehört?

 Habt ihr schon von Gertrud Woker gehört?
Ich habe vor kurzem in einem besonderen Dokumentarfilm zum ersten Mal von
ihr erfahren. Eine eindrückliche Person muss sie gewesen sein. Eine
bahnbrechende Wissenschaftlerin. Eine Frau, die sich klar und deutlich für
Frieden eingesetzt hat.
Und doch eine Person, die von ihrem Umfeld als komisch, verrückt,
lebensuntauglich bis gefährlich eingestuft wurde. Verleumdet und missachtet,
machte sie ohne aufgeben weiter.
Wie ist das möglich? Wie konnte so etwas nur passieren?
Und wenn ich dieser berührende und teils auch bedrückende Film anschaue,
merke ich, wie auch heute Ähnliches möglich bleibt und geschieht.
Ich empfehle ganz herzlich selber zu schauen.
https://www.youtube.com/watch?v=ys4yMosacqA&list=PLpNi0Wmi7L823WvEk
tvkX1xT-fSxBJkE8&index=23


Marietjie Odendaal

Einseitig?

Uns im Konfliktfall auf Frieden auszurichten, bedeutet eine andere Seite oder eine andere Perspektive anzuerkennen, weil auch auf der anderen Seite gültige Interessen vorhanden sind.

Dazu müssen wir die andere Seite anhören. Dies zu tun, schliesst keineswegs aus, parteiisch zu sein. Doch eine Seite zu wählen, ohne beide Seiten im Blick zu haben, lässt uns zu kurz greifen. Zu meinen, ich verstehe einen Konflikt, ohne mich, mein Verhalten und mein Wirken anzuschauen, ist eine Fehleinschätzung.

Vielleicht darum sagt Jesus in seiner grossen Friedensanleitung, "Entferne erst den Balken aus dem eigenen Auge. Dann wirst du besser sehen, das Körnchen aus dem Auge deines Gegenübers zu nehmen."

Wie Eltern lernen nachzufragen, wenn die Kinder weinend über das Missverhalten von anderen berichten, "Und was hast du gemacht und gesagt?", müssen wir vorsichtig und sorgfältig schauen und einfordern, dass wir mehr als eine Seite präsentiert bekommen. Es ist oft am schwersten, sich selber im Ganzen wahrzunehmen. Dafür brauchen wir Rückmeldungen von anderen Menschen, sogar von der Gegenpartei.

Jesus will uns nicht einschüchtern, als ob wir immer Balken bei uns wittern sollten. Er erkennt jedoch, dass ein dauernder, lebensfördernder Frieden nie einseitig geschlossen wird.

Sind wir als Nachfolgende Jesu es nicht die Welt schuldig, das zu lernen und zu leben?

Marietjie Odendaal, Kirche und Gesellschaft