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Samstag, 7. Mai 2022

Gedanken zur Frontex-Abstimmung

Wenn ich an die Abstimmung vom 15. Mai über die Beteilung an Frontex denke, kommen mir mehrere Erinnerungen.

Das ist zuerst einmal der Film „Der „Marsch“ aus den Jahr 1990. Ich weiss nicht mehr vieles von diesem Film, den ich damals gesehen habe. Tausende von Afrikanern versuchten verzweifelt nach Europa zu gelangen. Aufgrund der Klimaerwärmung waren weite Teile von Afrika unbewohnbar geworden. Der Marsch ging über die ausgetrockneten Ozeane. Zum Schluss standen die Marschierenden den Grenzwächtern mit gezogenen Waffen gegenüber. Ich meine, der Film endete damit. Dieses Bild hat sich in meine Erinnerung eingebrannt.

Im Jahr 2002 haben meine Frau und ich Ferien in Andalusien gemacht. Eine Station unsere Ferien war die malerische Küstenstadt Tarifa, an der Costa de la Luz gelegen. Der südlichste Punkt Spaniens und des europäischen Festlandes ist nur 14 Kilometer vom afrikanischen Kontinent entfernt. Von den historischen Hafenanlagen hat man bei klarem Wetter einen guten Blick nach Afrika hinüber. Auf einmal erklang die Sirene. Es seien Flüchtlinge auf dem Meer vor Tarifa aufgegriffen worden, meinte ein Reiseführer auf unsere Frage nach der Sirene. Ungefähr 500 Flüchtlinge wären das ungefähr, pro Woche, wusste er weiter. Dabei sei das Meer hier an der Meerenge äusserst wild und unberechenbar. Wir haben dann die ungefähr zwanzig Männer, welche gestrandet sind, gesehen. Sie waren trotz der Wärme in Handtücher gehüllt und wurden zu fensterlosen Containern geleitet.

Dass Tarifa heute wegen seiner starken Winde als Paradies für Kidesurfer gilt, zeigt die grossen Gefahren, denen sich die Menschen aussetzen, bei ihrer Flucht über das Mittelmeer hier vor Tarifa. Unzählige sterben im Mittelmeer, beim Versuch ins sichere und reiche Europa zu gelangen.

Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise habe ich im deutschen Fernsehen eine Talkshow mit Günter Jauch gesehen. Eine Frau erzählte von ihren Erfahrungen in einem Schlepperboot, unterwegs im östlichen Mittelmeer. Sie sass an Deck eines kleinen Bootes mit ihren beiden Kindern im Arm. Es herrschte Sturm mit grossen Wellen. Sie meinte, dass sie sie panische Angst hatte und sie nicht wusste, nach jeder Welle, ob ihre beiden Kinder nicht von Bord geflogen wären. Der Moderator fragte, wie sie ihre Kinder in so eine grosse Gefahr bringen konnte. Die Frau schaute den Moderator an und fragte ihn, was sie angesichts der fehlenden Perspektive für eine Wahl hätte. Der Moderator und alle Talkgäste waren irgendwie sprachlos und ich auch.

Für mich ist Frontex ein wichtiges Instrument zur Abschottung Europas. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Festung Europa. Trotz der immer höheren Hürde und grossen Gefahren, lassen sich viele Menschen angesichts ihrer Perspektivlosigkeit nicht von ihrer Flucht über das Mittelmeer abhalten.

Mit der stärkeren Unterstützung von Frontex, wie es gefordert wird, würden wir uns viel stärker beteiligen am Ausbau der Festung Europa. Und das kann nicht der richtige Weg sein.

Markus Nagel

Mittwoch, 6. April 2022

Das soziale Kapital der Kirche

 In Zeiten der aktuellen Ungewissheit können gerade die Kirchen eine Ressource für die Gesellschaft stellen. Ihre etablierten Netzwerkstrukturen schaffen zivilgesellschaftliches Potential, schnell und effektiv zu unterstützen, wie dies momentan für die Ukraine getan wird: (https://emk-schweiz.ch/ukraine/). 

Auch hat die Kirche aufgrund ihrer Werte eine spezielle Kompetenz für Anteilnahme und Versöhnung, durch die sie einen Beitrag zum Frieden durch Dialog leisten kann. Ihre ethischen Bestandteile und religiösen Überzeugungen hinsichtlich der Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwachen und der Sorge für die Mitmenschen können gerade durch ihre transzendente Verwurzelung besonders zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. 

Demnach ist es naheliegend, sich als Gesellschaft das besondere Potenzial der Kirche zu Nutze zu machen und deren Initiativen zu unterstützen. 

So gibt es beispielsweise viele Möglichkeiten, momentan in der Ukraine zu helfen, sei es durch einen offenen Dialog, Gebet (https://nx5186.your-storageshare.de/s/Xi3bd7QZbJATkHz), Spenden (https://connexio-develop.ch/index.php/raisenow/) oder private Unterbringungen (https://kirchen-helfen.ch/).

Milan Weller

Sonntag, 20. März 2022

'S ist Krieg

 Ich überlege hin und her, was ich Schlaues zum Krieg in der Ukraine schreiben kann. Es wird vieles gesagt, geschrieben in den Medien, Kluges, weniger Kluges, Erhellendes, Dummes und Schlimmes. Nach all meiner Beschäftigung mit diesen Informationen bleibt stattdessen bei mir die Hilflosigkeit zurück.

Es gibt Krieg, nah bei uns in Europa und ich dachte sogenannt konventionell Krieg führen, sei keine zu praktizierende Konfliktlösung.

Mich schreckt, dass der Krieg, weil nahe und von den Medien «bespielt wird», bei uns in aller Munde ist, wie wenn es auf der Welt, in letzter Zeit, keine Kriege gegeben hätte. Die Ukraine-Hilfeaktionen, die überall gestartet werden, zeigen das eindrücklich. Wo war die Zivilgesellschaft bei den vergangenen Kriegen frage ich mich?

Mich schreckt auch das «Säbelgerassel» allerorts. Nachdem von der Coronakrise vor allem die grossen IT-Firmen und die Pharmaindustrie profitiert haben, sehen jetzt wohl Rüstungsfirmen ihre Zeit des Profitierens gekommen.

Mich schreckt es, dass das «Säbelgerassel» auf grosse Zustimmung stösst, wenn Waffen an eine Kriegspartei geliefert werden. Was bis vor kurzem ein absolutes Tabu war, scheint ein Gebot der Stunde. Rüstungsexporte in Kriegsgebiete wird gefordert und gleich auch umgesetzt. Obwohl klar ist, dass mit mehr Rüstung nicht für den Frieden gearbeitet wird.

Mich schreckt auch, wie im Zuge der Sanktionen gegen Russland, ein Hass auf alles Russische aufkommt, manche sagen sogar, dass der Hass geschürt wird. So wurden zB. russische Prominente, wie Waleri Gergijew, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker entlassen, weil er sich nicht "eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine distanziert hat".

Mich schreckt, dass in unserer globalisierten Welt viele so miteinander verknüpft, ja verwirrt, dass gesagt werden kann, dass unser Gasbedarf in der Schweiz mithilft, Putins Krieg zu finanzieren.

Ich wünsche mir, dass wieder miteinander gesprochen wird, einander zugehört und Kompromisse erarbeitet werden.

Das klingt furchtbar banal und naiv, ich weiss. Aber nur so kann man zurück zum Frieden finden.

Das folgende Gedicht von Matthias Claudius entstammt aus einer längst vergangenen Zeit. Claudius schrieb es im Jahr 1778. Aber es bringt den Schrecken des Kriegs, sei es in der Ukraine, in Syrien, im Jemen, in Afghanistan und an den vielen anderen Orten, und unsere eigene Betroffenheit darüber, zur Sprache. 

 Markus Nagel

 

'S ist Krieg 

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!

O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

‘s ist leider Krieg -

und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

 

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig, bleich und blaß,

Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,

Und vor mir weinten, was?

 

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

Verstümmelt und halb tot

Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten

In ihrer Todesnot?

 

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,

So glücklich vor dem Krieg,

Nun alle elend, alle arme Leute,

Wehklagten über mich?

 

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

Freund, Freund und Feind ins Grab

Versammelten und mir zu Ehren krähten

Von einer Leich herab?

 

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

Die könnten mich nicht freun!

‘s ist leider Krieg - und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

Matthias Claudius 1778 

Christliches Engagement

 

Ich teile gerne Auszüge aus zwei Verlautbarungen, die ich für zutiefst christlich halte, weil sie an Menschlichkeit festhalten und das wahre, zerstörerische Gesicht des Krieges benennen. Mögen wir in diesem Sinne auf Frieden hin arbeiten.

Marietjie Odendaal

 

Der jüngste Krieg in Europa führt uns in aller Deutlichkeit und Brutalität vor Augen, dass bewaffnete Konflikte unsägliches Leid und sinnlose Zerstörung verursachen. Krieg hat immer auch genderspezifische Auswirkungen, und betrifft marginalisierte Gruppen besonders.

Auch wenn die mediale Aufmerksamkeit fast ausschliesslich beim Krieg in der Ukraine ist: Auch in Gaza, Syrien, Somalia und im Jemen wurden in den letzten Wochen schwere Luftangriffe und Gewalt gegen zivile Einrichtungen verübt.

Die Schweizer Zivilgesellschaft ruft seit langem zu einer verstärkten zivilen Friedensförderung und gegen den Export von Kriegsmaterial auf. Im Jahr 2020 hat die Schweiz jedoch Waffen im Wert von mindestens 900 Millionen Franken exportiert, ein absoluter Rekord. Parallel zum weltweit zunehmenden Geschäft mit Waffen und Kriegsmaterial beobachten wir eine Zunahme kriegerischer Rhetorik, die eine militaristische und patriarchale Haltung auf internationaler und nationaler Ebene fördert. Sie dient dazu, Gewalt zu legitimieren und Militärausgaben weiter zu erhöhen. Frieden und Friedensbemühungen werden durch Investitionen in und Handel mit Waffen und Kriegsmaterial und durch einen militaristischen Diskurs unterlaufen und sabotiert.

Aktuell wird der Krieg in der Ukraine dazu missbraucht, Rüstungsausgaben zu erhöhen. Deutschland hat angekündigt, 100 Milliarden Euro zusätzliche in die Aufrüstung zu investieren.

Auch im Schweizer Parlament werden die Rufe nach Aufrüstung lauter. Doch: Waffen schaffen Krieg statt Frieden.

Wir begrüssen die grosse Solidarität gegenüber Flüchtenden aus der Ukraine und die Bereitschaft zu unbürokratischer Aufnahme und Schutz. Wir fordern, dass diese Solidarität für alle Geflüchteten gilt!

(Aus: Appell für Frieden und Entmilitarisierung, https://www.cfd-ch.org/de/news/appell-fuer-frieden-und-entmilitarisierung-566.html)

 

Für Verständigung - Gegen die Kriegstreiberei

In diesen Zeiten, in denen sich die Erregungen überschlagen und wir emotional überflutet werden ist es wichtig, an einigen einfachen Wahrheiten festzuhalten:

1. Jeder Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Krieg traumatisiert Täter und Opfer. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Kriege das Erleben einer oder sogar mehrerer Generationen schmerzlich verändern.

2. Ein Krieg endet immer mit Verhandlungen, mit Verständigung und mit Kompromissen. Daher ist es wichtig, mit allen im Gespräch zu bleiben, auch mit dem Feind, dem „Bruder Wolf“ (Franz v. Assisi). Eine Verteufelung des Gegners ist nicht hilfreich. Wir bestehen darauf, dass auch der Gegner ein Mensch ist und ein Mensch bleibt, mit dem Gespräch möglich ist.

3. Widerstand mit Waffen ist Gewalt: Er verlängert und verschlimmert den Krieg und kostet Menschenleben. Die Unterstützung von Dritten durch Waffen verleitet dazu, sich stark zu fühlen, nährt unrealistische Siegesphantasien, erhöht die Gewaltspirale und verhindert die Bereitschaft zum Gespräch und Kompromiss. Nicht um Sieg geht es, sondern um die Rettung möglichst vieler Menschenleben. Deshalb muss eine Situation angestrebt werden, in der alle Konfliktparteien unter Wahrung ihres Gesichts den Krieg beenden können. Vermittlung und Ausgleich von Interessen sind zentral, nicht weitere Aufrüstung. Im Zeitalter der Atomwaffen gibt es zu Verständigung und Ausgleich keine denkbaren Alternativen mehr. Wer eine atomare Macht militärisch besiegen will, provoziert den atomaren Einsatz.

Was können wir tun, was ist jetzt wichtig?

1. Wir treten jeder Entmenschlichung, jeder Ausgrenzung entgegen und lehnen jedes pauschale Verurteilen („die Russen“) ab.

2. Wir fordern: Keinen Abbruch, sondern Fortführung und Intensivierung zivilgesellschaftlicher Kontakte- sowohl zu Russland als auch zur Ukraine.

(Internationaler Versöhnungsbund,https://www.versoehnungsbund.de/2022-03-10-fuer-verstaendigung-erklaerung)

Sonntag, 6. Februar 2022

Worten sollen Taten folgen - Economiesuisse drängt Unternehmen zu Klimaschutz

 Als Konsumentinnen und Konsumenten können wir ab sofort genau hinschauen, welche Firmenihre Versprechungen auch umsetzen.

Steilvorlage des Wirtschaftsdachverbandes !

Worten sollen Taten folgen - Economiesuisse drängt Unternehmen zu Klimaschutz - News SRF

Die Selbstverpflichtung von Economniesuisse ist freiwillig- und wir alle sorgen mit unserem wachen Konsumverhalten dafür, dass die anvisierten Massnahmen auch greifen! 

(Ernst Hug 6.2.2022)

Freitag, 13. August 2021

Verschiedene Beiträge zur Abstimmung "Ehe für Alle" aus dem Ausschuss Kirche und Gesellschaft

Für mich ist es Zeit, dass die Ungleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen gegenüber verschiedengeschlechtlichen Paaren aufzuheben. Diese Ungleichbehandlung ist sachlich nicht begründbar und verstösst gegen das Diskriminierungsverbot.

Das Recht auf Ehe und Familie ist ein Menschenrecht, das allen Menschen gleichermassen zusteht. Für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paaren in der Schweiz ist die Ehe für alle ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung.

Ich meine ausserdem, dass wir von Gott gewollt sind sowie wir geschaffen sind.  Wir sind von Gott zutiefst bejaht.

Die Sexualität und die sexuelle Orientierung in ihrer Vielfalt sind auch ein Ausdruck der guten Schöpfung und der geschöpflichen Fülle.

Markus Nagel



Ehe für Alle – ein Thema, das Viele bewegt – mich eingeschlossen. Ich bin dafür, dass Menschen gleichberechtigt miteinander unterwegs sein dürfen. Ich stelle mich klar gegen Diskriminierung jeglicher Art und somit stehe ich für ein JA zur Ehe für Alle. 

Vor Gott sind alle Menschen gleich! Wir alle sind aufgerufen, ein Miteinander in Liebe zu leben und (Für-)Sorge zueinander zu tragen. Wenn sich zwei Menschen in Liebe dazu entschliessen, den Bund fürs Leben miteinander einzugehen, füreinander zu sorgen in guten und in schlechten Zeiten, sich gegenseitig tragen, in Treue miteinander leben und füreinander da sind, dann kommt es nicht auf das Geschlecht an. Diesen Menschen die Ehe abzusprechen ist diskriminierend, wertend und (ver-)urteilend. 

Die aktuell gültige eingetragene Partnerschaft ist nach wie vor in etlichen Bereichen der Ehe gegenüber benachteiligt und diese Lücken gilt es zu schliessen. Ein Ja zur Ehe für Alle integriert, entstigmatisiert und schafft einen gleichberechtigen gesetzlichen Rahmen für sich liebende und sich fürsorgende Menschen!

 Pia Uhlmann



Bei der Abstimmungsmöglichkeit über die "Ehe für alle" gönne ich allen Mitmenschen die Rechte, die mir selber zustehen. Das schliesst ein, dass die Partnerschaft, in der ich lebe, juristisch und gesellschaftlich anerkannt wird. Diese Partnerschaft darf Raum einnehmen. Ich werde damit aber auch angehalten, dieser Partnerschaft gerecht zu werden. Unsere Gesellschaften gehen auf diese Weise mit verbindlichen Beziehungen um, weil sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und dienen.

Auch in der Kirche gilt es, verantwortungsvolle Beziehungen anzuerkennen, ihre Wirkung dankbar anzunehmen und die Betroffenen darin zu begleiten, in ihren Beziehungen in Hingabe und Liebe zu wachsen.

Darum würde ich es begrüssen, wenn diese Gesellschaft sich auf das Wagnis von mehr Gerechtigkeit für alle einlässt.

Marietjie Odendaal



Ich wuchs in den 1960er und 70er Jahren in Südafrika auf, in einer Gesellschaft, die nicht nur zutiefst rassistisch, sondern auch zutiefst homophob war. Ich war schüchtern und introvertiert, und meine romantischen Beziehungen endeten katastrophal, bevor sie richtig begonnen hatten. In meinen späten Zwanzigern traf ich schließlich die Frau meiner Träume. Doch die Beziehung war nicht das, was ich erwartet hatte. Ich führte das auf unerfüllbare romantische Träume zurück. Wir waren eine Zeit lang zusammen, und gerade als die Beziehung gut lief und wir an eine gemeinsame Zukunft zu denken begannen, machte sie Schluss. Ich war am Boden zerstört. Etwa ein Jahr später sagte sie zu mir: "Dave, ich muss dir etwas sagen." Dann hielt sie inne und nach einigen Versuchen sagte sie. "Ich bin lesbisch." Gefühlsmässig war das wie ein Schlag in die Magengrube, aber intellektuell machte es absolut Sinn für unsere Beziehung.

Meine Freundin und ich verbrachten viele Stunden mit Gesprächen. Sie erzählte, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben wusste, was es heisst, sich in jemanden zu verlieben und eine tiefe emotionale Bindung zu entwickeln. Sie hatte das, wonach ich suchte, aber sie hatte es in einer Beziehung mit einer anderen Frau gefunden. Sie stammte aus einer evangelikalen Familie und hatte in der Vergangenheit Probleme mit ihren romantischen Beziehungen gehabt. Sie hatte sich mit schwulen und lesbischen Menschen angefreundet und begann sich zu fragen: "Bin ich das? Sie begann zu beten, dass Gott ihr einen Mann führen würde, der ihren Idealen entsprach, und wenn es nicht funktionierte, würde sie es wissen. Ich war die Antwort auf ihre Gebete. Ich hatte mir immer gewünscht, die Antwort auf die Gebete einer schönen Frau zu sein, aber das war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich wurde sehr wütend auf Gott. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen in einem kosmischen Experiment. Meine Freundin hatte entdeckt, wer sie war, und war glücklich in einer Beziehung. Ich war am Boden zerstört, und meine Träume waren geplatzt.

Eines Tages wurde mir plötzlich klar, dass das, was Paulus in Römer 1 schrieb, nicht zu den Erfahrungen meiner Freundin passte. Es schien offensichtlich, dass Paulus sich geirrt hatte. Wenn er sich geirrt hatte, dann hatte er sich wahrscheinlich auch im Rest seiner Schriften geirrt. Vielleicht war alles in der Bibel nur ein Märchen. Existierte der christliche Gott tatsächlich? Ich war jetzt sehr wütend auf einen Gott, von dessen Existenz ich überhaupt nicht überzeugt war. Ich schwankte zwischen Glauben, Zweifeln, Unglauben und wieder zurück. Im Hinterkopf hatte ich die Herausforderung. "Wenn das Evangelium wahr ist, wird es eine gute Nachricht für Schwule und Lesben sein. "Wenn es keine gute Nachricht für sie ist, kann es nicht wahr sein.

Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass die zentrale Botschaft des Evangeliums eine Botschaft der Gerechtigkeit und der Inklusion ist. Jesus identifizierte sich mit denen, die durch die Reinheitsvorschriften des Alten Testaments ausgeschlossen worden waren, und schloss sie ein. Die Situation schwuler und lesbischer Menschen erschien mir als Parallele zur Situation derer, die Jesus einbezog und bejahte. Paulus' Botschaft der Rechtfertigung allein durch den Glauben bedeutete, dass keine weitere Bedingung für die Annahme durch Gott und damit für die volle Teilnahme an der christlichen Gemeinschaft hinzugefügt werden konnte. In den 1980er Jahren hatte mich Paulus' Tadel an Petrus im Brief an die Galater, der sich weigerte, mit den Heiden zu essen, davon überzeugt, dass die Rassentrennung in der Kirche eine Verleugnung der Rechtfertigung durch den Glauben darstellt. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Forderung an Schwule und Lesben, entweder "ihre Orientierung zu ändern" oder zölibatär zu bleiben, die sexuelle Orientierung dem Glauben als Grund für die Akzeptanz innerhalb der christlichen Gemeinschaft hinzufügt. Ein christliches Verständnis der Ehe beginnt mit 1. Mose 2,18, wo Gott sagt: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist." Daher können wir nicht sagen, dass es gut ist, wenn Schwule und Lesben allein bleiben. Gott schuf für Adam eine Person, die "eine Hilfe ... die ihn anspricht" war. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass für einen schwulen oder lesbischen Person jemand des anderen Geschlechts nicht jemand ist, der "ihn anspricht", er/sie ist nicht das Heilmittel für das "Alleinsein".

Wie steht es dann mit den Bibelstellen, die zur Verurteilung der Homosexualität herangezogen werden? Erstens bin ich davon überzeugt, dass die zentrale Botschaft der Bibel massgebend ist und nicht alle einzelnen Texte. Zweitens, dass es für alle diese Texte andere, ebenso wahrscheinliche Interpretationen gibt, die eine feste, treue gleichgeschlechtliche Beziehung nicht verurteilen.   

David Field



Es liegt mir am Herzen, dass die EMK die «Ehe für alle» aktiv unterstützt und für ein Ja wirbt. Dadurch würde sie zeigen, dass bei ihr ohne Ausnahme alle Menschen willkommen sind. Selbst für queere Menschen ohne Partner wäre das vorteilhaft: Die Ehe-Öffnung bringt ihnen zwar nicht direkt etwas, doch die zustimmende Haltung der Kirche würde auch ihnen das Gefühl geben, sich angenommen und aufgehoben zu fühlen. Ich glaube nicht an einen Gott, der die Menschen anhand der sexuellen Orientierung be- und verurteilt. Dass Liebe in irgendeiner Form als Sünde betrachtet werden kann, ist mir unverständlich. Ich stamme aus einer Freikirche, die auch heute noch über «von sexueller Abirrung betroffene Menschen» spricht. Ich fühle mich nicht betroffen von meiner Sexualität. Betroffen macht mich, wie diffamierend, diskriminierend und ausgrenzend sich manche Christen, Kleriker wie Laien, über Homosexuelle erheben.

Begründet wird diese vorgegebene Homophobie mit der Bibel. Besonders «bibeltreue» Christen haben die Tendenz, oftmals eine übervorsichtige Bibelauslegung zu praktizieren, um ganz sicher zu gehen, Gottes Willen in jedem Punkt zu erfüllen. Die Bibelstellen, welche als Begründung für Homophobie herangezogen werden, sind nun wirklich nicht eindeutig und verständlich. Durch eine Auslegung um sieben Ecken verfälscht und verzerrt sich der vermeintliche Wille Gottes – abgesehen davon, dass Gott für uns so oder so unfassbar bleibt und wir sein Denken nicht begreifen können. Eine Kirche, die offen zugibt, dass sie Gottes Meinung nicht bis ins Detail kennt, wirkt viel glaubwürdiger als eine, welche für alles nach einer klaren Haltung und Begründung sucht.

Das Festhalten an der traditionellen heterosexuellen Ehe wird oft damit begründet, dass daraus Kinder hervorgehen und sie somit als Keimzelle der Gesellschaft gilt. Doch es gibt auch Ehepaare, die keine Kinder zeugen können oder gar nicht erst welche wollen. Konsequenterweise müsste dann auch solchen Paaren die Ehe verweigert werden. Doch diese Paare können staatlich und in praktisch allen christlichen Konfessionen heiraten, während für homosexuelle Paare oftmals nicht einmal eine Segnungsfeier möglich ist.

Natürlich verlange ich nicht, dass kinderlose Partnerschaften nicht als Ehe gelten können – ich möchte damit nur die durch mich empfundene Ungerechtigkeit aufzeigen. Übrigens haben verschiedene Studien aus verschiedenen Teilen der Welt festgestellt, dass Kinder in Regenbogenfamilien ebenso gesund und wohlbehütet aufwachsen wie in heterosexuellen Ehen.

Bei der «Ehe für alle» geht es übrigens um mehr, als die gleichen Rechte zu haben: Eine vor kurzem veröffentlichte Studie aus den USA zeigt, dass sich die psychische Gesundheit von Queers seit der Öffnung der Ehe verbessert hat und sie glücklicher und mit ihrem Leben zufriedener sind. Der Unterschied ist bei jenen LGBTI+ sogar noch grösser, welche in US-Bundesstaaten leben, welche die Ehe vor dem Urteil des Obersten Gericht noch nicht geöffnet hatten.

Queere Rechte sind unveräusserliche Menschenrechte. Sie gehen uns alle an, denn die eine Person darf nicht mehr Menschenrechte oder grösseren Schutz geniessen als die andere. Es ist höchste Zeit, dass die Kirche ihrer menschenfeindlichen Geschlechter- und Sexualpolitik ein Ende setzt.

Zum Schluss möchte ich ein paar Worte des EKD-Landesbischofs Christian Stäblein vom April 2021 zitieren: «Wir als Kirche haben uns schuldig gemacht an gleichge­schlechtlich Liebenden. Wir haben sie über Jahrhunderte diskriminiert, abgewiesen, in Nischen und ins Abseits gedrängt, aus der Öffentlichkeit und von Ämtern ferngehalten, an vielen Stellen ihr Leben zerstört, seelisch und körperlich. Ich selber spüre Schuld über mein eigenes früheres Reden.»

Gott ist die Liebe. Und die Liebe gewinnt.

Marcel Schmidt