Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Donnerstag, 21. Juni 2018

Warum ich meinen Regenbogen-Pin auch an der Konferenz tragen werde


Regenbogen-PIN
Ich sitze im Zug und spiele mit dem kleinen Pin an meiner Jeans-Jacke rum. Es ist eine kleine Schleife in den Farben des Regenbogens, dem internationalen Zeichen der LGBTQ-Bewegung [LGBTQ: Lesbian – Gay – Bi – Transgender – Queer (dt. Lesbisch – Schwul – Bisexuell – Transsexuell – Queer)]. Der Monat Juni gilt als der sogenannte «Pride»-Monat, ein Monat, der den Anliegen der LGBTQ-Gemeinschaft gewidmet ist und der einen Stolz (engl. «Pride») auf die Zugehörigkeit zu dieser Bewegung ausdrücken soll, anstatt der gesellschaftlich (und kirchlich?) oft geforderten Scham oder sogar Schuld. So sollen im Juni vermehrt Aktionen und Demonstrationen zu den entsprechenden Anliegen veranstaltet werden. Beispielsweise letzten Samstag fand die Schweizer Ausgabe einer solchen «Pride»-Demonstration in Zürich unter dem Motto «Same Love – Same Rights» (dt. «Gleiche Liebe – Gleiche Rechte») statt. 


Seit einigen Tagen beschäftigt mich die Frage: soll ich meinen Regenbogen-Pin für die Jährliche Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Jacke lassen oder wegnehmen? Dabei geht es mir um mehr, als nur eine Frage des Stils oder der allgemeinen Kleidervorschrift für solche Veranstaltungen. Im Grundsatz geht es um die Frage: will ich öffentlich Stellung beziehen zu meiner Position um die Frage der Homosexualität in der Kirche, oder will ich es mir vorenthalten, diese Position nur in ausgewählten Privatgesprächen kundzutun? Ein solcher Pin, mag er auch noch so unscheinbar wirken, zeigt ein Bekenntnis an. Ein Bekenntnis zu einer aktuell viel diskutierten Lage in der weltweiten Kirche, aber auch zu einem Thema, das in meinem privaten Umfeld vielerorts nicht abschliessend diskutiert ist. Ich bin hin und her gezogen, zwischen jenen Menschen in meinem Umfeld, die in ihrer Meinung zu diesem Thema noch nicht festgelegt sind und jenen Freunden, die der LGBTQ-Gemeinschaft angehören und in mir eine Verbündete in ihrem Kampf um Gleichstellung sehen.

Was, wenn ich es tue?
Was werden die Leute denken? Was wird die Kommission für ordinierte Dienste oder das Kabinett denken? Wie werden jene Menschen reagieren, die mich schon lange auf dem Weg meiner Berufung zur Pfarrerin begleiten? 
Ich habe Angst – nicht so sehr vor den Reaktionen, die ich zu hören bekommen werde, sondern vor jenen, die sich hinter meinem Rücken abspielen werden. Ich habe keine Angst davor, keine Antwort auf Anfragen oder Reaktionen zu haben, sondern davor, keine Möglichkeit auf Antwort oder Reaktion zu erhalten.  

Ich stocke in meinen Gedanken und realisiere, wie privilegiert ich mich anhöre.
Viele meiner Freunde haben eine solche Wahl nicht. Ihr «Coming Out» - also der Moment in dem sie vor ihrem Umfeld bekennen, dass sie homo-, bi-, transsexuell oder schlicht «queer» [Queer: alles, was nicht als «heteronormativ» verstanden wird, wird häufig unter dem Begriff «Queer» zusammengefasst. Man kann den Begriff als «Platzhalter» verstehen – für alles, was noch nicht definiert ist oder nicht definiert werden will (nach Maggie Nelson)] sind – ist ein Moment des nicht bloss privaten, sondern auch politischen Bekenntnisses. Meine Freunde hatten keine Wahl, ob ihre Sexualität zu einem politischen Thema ihres Umfeldes wird oder nicht. Sie mussten lernen, damit umzugehen, dass man hinter ihrem Rücken über sie redet. Über sie debattiert. Sie mussten zusehen, wie ihre Partnerwahl zu einer politischen Diskussion wurde. Sie mussten zusehen, wie sie zu einer kirchlichen Diskussion wurden.

Meine Freunde haben keine Wahl. Also habe ich, die ich in Solidarität mit ihnen stehe, keine Wahl.

Hier ist mein Bekenntnis: 
Ich unterstütze die LGBTQ-Gemeinschaft in ihrem Bestreben für Gleichstellung in der Gesellschaft und der Kirche.
Ich unterstütze die Kirche in ihrer Suche nach Einheit. 
Ich bin für Gespräche offen. Fragt mich nach meiner Meinung und nach meinen Beweggründen. Lasst uns ins Gespräch kommen. 

Ich bekenne Farbe  - oder sollte ich sagen: Farben?
Was ist dein Bekenntnis?

Dienstag, 8. Mai 2018

«Wir hatten Wichtigeres zu tun»

Kriegsgräber aus dem 1. Weltkrieg in Verdun Frankreich
Die internationale Debatte, ob die EMK gleichgeschlechtliche Paare segnen oder schwule und lesbische PfarrerInnen ordinieren sollte, droht die methodistische Kirche zu spalten. Manche argumentieren, dass Heterosexualität zur Schöpfung gehört. Andere sagen, dass die Gerechtigkeit die Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und die Ordination schwuler und lesbischer Pfarrer verlangt. Aber wieso ist das so wichtig? ChristInnen sind angesichts vieler ethischer Fragen unterschiedlicher Meinung, aber keine dieser Meinungsverschiedenheiten bedroht die Zukunft der EMK!
Jedes Jahr gibt es bestätigt 6000 tote MigrantInnen auf der Flucht nach Europa - die eigentliche Zahl der Opfer ist viel höher. Schätzungsweise 140000 Menschen starben 2016 in bewaffneten Konflikten. Ungefähr 9 Millionen verhungern jedes Jahr.
Der Herr wird sagen: «Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich nicht als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleider gegeben. Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt euch nicht um mich gekümmert.» (Matthäus 25,42-44, BasisBibel) Dann werden wir antworten: «Wir haben uns um Homosexualität gestritten!»


Erschienen in "Kirche und Welt", 5/2018

Mittwoch, 4. April 2018

Eigenbrötler in der Kirche

Eigenbrötler in der Kirche
Eigenbrötler darf es in der heutigen Zeit nicht geben. Zusammenarbeit ist in der Arbeitswelt zwingend. Teamfähigkeit macht sich in jedem Bewerbungsschreiben gut.
Aber es gibt sie noch, die einsamen Wölfe im sozialen Geflimmer der realen Zivilisation. Der Störgärtner, der sich allein über Blumenrabatten beugt. Der Bäcker in der nächtlichen Backstube. Die Putzfrau in den menschenleeren Büros.
Wieviel Platz ist in den Kirchen für die, die am liebsten für sich selbst sind? Ich habe die Unbeholfenheit der Gemeinden mit den Unverheirateten, den Ruhigen, den Unauffälligen erlebt. Im erträglichen Fall waren die "Alleinstehenden" unsichtbar. Oft aber misstraute man ihnen. "Mit dem stimmt doch etwas nicht. Warum findet er keine Frau, sie keinen Mann?"
Allein leben wollen, das ist unverständlich für Menschen, die nicht allein leben können, die andere brauchen, damit es ihnen gut geht.
Meine Fragen dazu: Haben Eigenbrötler Platz in unseren Gemeinden? Und was unterscheidet diese Einzelgänger von Solochristen? Und sind die Gemeinschaftschristen vielleicht eher an der Gemeinschaft als an Christus interessiert?



Donnerstag, 1. März 2018

Weil du mir Vertrauen schenkst - ein Gebet

Migrant in CalaisSei willkommen, Fremder! Erhole dich von deiner langen Flucht. Lege ab deine schwere Last, dein Trauma, heile deine Wunden. 
Ich sage JA zur dir, du bist eine Bereicherung mit deiner Kultur, deinem Glauben und deiner Lebenserfahrung. Und manchmal sage ich NEIN, wenn ich an meine Grenzen stosse. 
Ich übe mich in Gastfreundschaft. 
Denn du, Gott, öffnest mein Herz, himmelweit, und bietest mir Raum in deinem Gebet.

Ein Spaziergang in der Natur bringt mich zum Staunen. Die versponnenen Blüten, die mächtigen Bäume und das reife Korn sind Zeichen deiner grossen, unendlichen Liebe. Selbst der Regen macht mir nichts aus, auch wenn ich mich leise ärgere, weil ich den Schirm zuhause vergessen habe. Es ist lebendiges Wasser, das Leben bringt. 
Denn du, Heiliger Geist, bist der kreative Schöpfer, schenkst uns Atem und Lebenskraft.

Ich trete ein für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Du Nazarener gehst voran, deinen Fussspuren folge ich gerne. Einige Wege führen mich an den Rand der Gesellschaft. Und manchmal bin ich verzweifelt über diese vielen Ungerechtigkeiten, doch nie resigniert. 
Denn du, Jesus, wirfst geduldig immer wieder dein Netz nach mir. Ich darf fallen und werde von dir getragen.

Amen

Erschienen in "Kirche und Welt" 03/2018

Montag, 5. Februar 2018

Wie ein Baum: stark und fest

Baum im Botanischen Garten St. GallenIch mag Bäume. Gerade in diesem winterlichen Stürmen beeindruckt mich so mancher Baum mit seiner Standfestigkeit. Fest verwurzelt steht er in seinem Grund. Die tief gefurchte Rinde hat so manche Blessur hartnäckig wieder überwachsen und schützt zuverlässig den starken Stamm.
Beim Bibellesen hat der Text von Maleachi 3,5 (selber lesen!) etwas in mir angestossen oder besser: zurechtgerückt. Wenn Gott richten - das heisst auch: neu ausrichten - will, sind dieser ernsten Mahnung sozusagen auf der "Rückseite" positive Werte abzugewinnen: Gott ehren bedeutet, auf verdeckte Beeinflussung zu verzichten, Treue und Verlässlichkeit zu leben in den Beziehungen, ein ehrliches Wort zu führen, anderen angemessenen Lohn zu gönnen sowie den Fremden die gleichen Rechte zu gewähren, die ich mir auch wünsche.
Wie ist eine solche Lebenseinstellung in der heutigen Zeit überhaupt möglich? Wie ist sie durchzuhalten? Das "Zauberwort" ist Treue. Gott hat es vorgemacht. Mit Zuneigung, mit Gunst trotz all dem, was wir Erdenbürger so anstellen. Auf dieser Grundlage leben wir. Treue ist eng verwandt mit Trost und (sich) trauen - und meint ursprünglich: stark und fest wie ein Baum. - Brauchen wir innere Festigkeit als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit?

Erschienen in "Kirche und Welt", 2/2018

Mittwoch, 10. Januar 2018

"No-Funkstille"

Die älteren Semester unter uns erinnern sich vielleicht noch an den 20. Juli 1969: Die erste Mondlandung wurde live im Fernsehen übertragen und 900'000 Zuschauer und Zuschauerinnen verfolgten gespannt das Geschehen, das von Bruno Stanek kommentiert wurde. 
Aber auch andere Sendungen, wie «Dopplet oder nüüt» und «Wer gwünnt», die vom Frauenschwarm Mäni Weber moderiert wurden oder die legendären Hörspiele mit Ruedi Walter und Margrith Rainer waren Gassenfeger. Immer wieder schaffen es unsere staatlichen Medien, Menschen verschiedensten Alters und Geschlechts zusammen zu bringen, auch heute noch. Bei der Fussball-EM vor zwei Jahren fieberten bei den entscheidenden Spielen 2.2 Millionen Menschen mit. 
Nein zu No-Billag, Ja zu BillagDoch vor allem wird das Schweizer Fernsehen und Radio (SRG) für seine Nachrichtensendungen geschätzt. Über eine halbe Million Personen schauen sich regelmässig die Tagesschau an. Unaufgeregt werden die Ereignisse gezeigt, Politiker und Politikerinnen streiten sich, doch meistens geht es gesitteter zu und her als in unseren Nachbarländern. 
Gewiss, es gibt Sendungen, die sind nicht nach jedermanns Geschmack. Sollen sie auch nicht, die SRG hat den Anspruch, für jeden etwas zu bieten. Während private Medien genau auf ihr Zielpublikum abgestimmt sind, um so den Marktanteil zu erhöhen, kann es sich unser staatlicher Sender dank den Gebühren leisten, Sendungen abseits des Mainstreams zu senden. Dies nützt auch den Randregionen, die explizit durch unsere staatlichen Medien gefördert werden. Und nicht nur sie - die SRG baut Brücken zwischen den Sprachregionen, zwischen den ländlichen und den urbanen Orten. Mit swissinfo haben sogar die Auslandschweizer und -schweizerinnen ihren eigenen Kanal. 
Menschen mit einer Seh-oder Hörbehinderung profitieren von Untertiteln, Sendungen in Gebärdensprachen und Audiodeskription. 
Wenigen ist bewusst, dass die SRG auch Schweizer Literatur und Film fördert. Ohne diese staatlichen Mittel wäre heimisches Schaffen kaum möglich. 

Dies alles ist nur möglich, weil SRG Gebühren erhält. Das Geld wird trotz allen Unkenrufen wirtschaftlich eingesetzt. So werden Synergien genutzt, von denen auch die privaten Medien profitieren. Viele beziehen bereits ihre Informationen von der SRG und verbreiten diese dann auf ihrem eigenen Kanal weiter.
Die „No-Billag-Initiative“, über die am 4.März 2018 abgestimmt wird, verlangt die Abschaffung dieser Gebühren. Für die Initianten sind sie zu hoch, die SRG verschleudere nur Geld.  Sie fordern, sie müsse sich selber finanzieren können. 
Bezeichnenderweise befürworten Medienhäuser, Politiker und Politikerinnen diese Initiative, die gerade durch die Abschaffung am meisten profitieren würden. Doch sie würden die Rechnung ohne den Wirt machen. Nicht SRG ist ihr grosser Konkurrent im Werbemarkt, sondern die globalen Player wie Google und Facebook, die über unsere Meinungshoheit bestimmen. 

Der Ausschuss für Kirche und Gesellschaft lehnt diese Initiative klar ab. Sie gefährdet den Zusammenhalt im Land, die kulturellen Leistungen würden beschnitten. Ohne Gebühren wäre Lichterlöschen bei der SRG. Wer jetzt aus Trotz ein „JA“ einlegt, ist sich nicht bewusst, dass es einem selber trifft. Sehr viele Lokalfernsehen und -radios müssten schliessen, auch christliche Sender. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Und - nehmt den alten Menschen nicht ihren Sender weg, er ist oft noch der einzige Kontakt zur Aussenwelt.  
Wir wollen kein privates, von Milliardären finanziertes Fernsehen. Untersuchungen haben gezeigt, dass gut funktionierende Demokratien in der Regel mit starken staatlichen Medien einhergehen. 
Wir treten ein für die Vielfalt dieses Land und wünschen uns einen Austausch zwischen den Regionen, Sprachen und Generationen.

Siehe auch:
https://kircheundgesellschaft.blogspot.ch/2017/12/vielfalt-und-miteinander-bewahren.html



Montag, 1. Januar 2018

Lebendiges Wasser - Sterbendes Wasser

Jahreslosung 2018 - Offenbarung 21,6Wer von uns, der je schon Durst gelitten hat, bleibt unberührt von der Vorstellung, dass Durstige das Wasser, das Leben nährt, bekommen – kostenlos?
Wenn wir das Bild von einer Quelle, aus der das Lebenswasser sprudelt, betrachten, sind wir mitten in der Politik und in der Wirtschaft gelandet. 
In der Schweiz gibt es Arbeitsplätze, die am Geschäft mit Wasser beteiligt sind: „Pure Life“ - reines Leben, so nennt Nestlé sein aufgekauftes und abgefülltes Leitungswasser aus Dürregebieten.
Die Schweiz hat zu tun mit Wasser und Böden, die von sogenannten „Pflanzenschutzmitteln“ wie Roundup, die in Wahrheit Pflanzen und Bodenleben abtöten, verunreinigt sind.
Wenn der Thronende (aus der Offenbarung des Johannes) uns lockt mit lebendigem Wasser, wie können wir sagen, es sei uns egal, wenn Gewässer sterben und selbst todbringend werden? Wie dürfen wir sagen, es gehe uns nichts an, wenn Durstige nicht das Geld haben, aufgekauftes und verarbeitetes Wasser zurück zu kaufen?
Müssen wir nicht im Namen des Thronenden, der den Durstigen lebendiges Quellwasser umsonst gibt, roundup-freie Gemeinden stiften und Nestlés tödliche Geschäfte mit Wasser blockieren? Müssen Menschen, die vom lebendigen Wasser trinken, nicht Alternative bedenken können, um sinnvolle, lebensfördernde Arbeitsplätze zu schaffen?

Erschienen in "Kirche und Welt" 01/2018