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Montag, 1. April 2019

Alter Mensch - dein Lächeln bleibt jung

Die Erinnerung verblasst - Demenz
Ich singe die Lieder ihrer Jugend, begleite mit meiner Handorgel. Da kommen die Erinnerungen: Sie hätte doch auch so gerne dieses Instrument gelernt. Aber damals konnten nur die Buben ein Instrument lernen. Ich lege ihr die Handorgel in ihre Hände. Sie berührt das Instrument ganz andächtig.

Alter Mensch, in einer längst vergangenen Zeit beheimatet, und heute bist du verloren. Ein bekanntes Lied aus deiner Jugend schenkt dir Halt.


Ich massiere die Hände der dementen Frau. Sie geniesst diese Berührung, schliesst die Augen, fängt leise an zu summen.

Um dich herum ist Nacht, du bist gefangen in deinem Kokon, der Geist ist ein unruhiges Flackern. Eine leise Berührung öffnet ein kleines Fenster zum Heute.


Ich bete das «Unser Vater». Erinnerungen kommen hoch. Er erlebt sich wieder in der Geborgenheit des Glaubens. Worte aus der Vergangenheit kommen an die Oberfläche. Sätze können ausgesprochen werden, ohne dass nach den richtigen Worten gesucht werden muss.

Dein Glaube trägt und tröstet dich auf deinem letzten Weg. Vertraute Worte, die sich durch Runzeln und Nacht bahnen, um deinen innersten Kern zu erhellen.

Hanna Töngi [Aktivierungsfachfrau], Andre Töngi

Erschienen in "Kirche und Welt", 4/2019

Mittwoch, 13. März 2019

Kirche für andere

Festessen in der EMK Monospitovo, NordmazedonienDer niederländische Theologe, Jan Hendriks (Jan Hendriks, Gemeinde als Herberge. Kirche im 21. Jahrhundert - eine konkrete Utopie, Gütersloh 2001) sieht die christliche «Gemeinde als Herberge». Darin ist Gastfreundschaft keine Neben-, sondern Hauptsache. Auf Niederländisch heisst Gastfreundschaft «gastvrijheid», also «Gast» und «Freiheit». Drei Dinge sind Hendriks dabei wichtig. Erstens, eine gastfreundliche Gemeinde öffnet nicht nur ihre Türen, sondern sich selbst. Radikale Gastfreundschaft schliesst ein, andere nicht nur teilhaben zu lassen, sondern sie mitgestalten zu lassen. Ob eine Gemeinde gastfreundlich ist, entscheidet letztlich der oder die Fremde. Zum zweiten bemerkt Hendriks, dass Gäste zu Gastgebern und Gastgeberinnen zu Gästinnen werden können, indem sie einander aus dem eigenen Leben erzählen und sich so Anteil an den eigenen Fragen, Sorgen und Freuden geben. Zur gastfreundlichen Identität einer Gemeinde gehört drittens, dass die Gemeindeglieder nicht die Eigentümer der Herberge sind. Besitzer ist Jesus Christus.

So sind auch die Gemeindeglieder Gäste in der Herberge. Das Bild der «Gemeinde als Herberge» hilft mir, nicht mehr in den starren Begriffen «Kirche» und «Andere» zu denken, sondern einander im Sinne des «weder Jude noch Grieche» in der einen Kirche Gottes zu sehen.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 3/2019

Mittwoch, 30. Januar 2019

Über Klimastreiker, Jesus und überraschende Propheten

KlimastreikStell dir vor 22’000 Jugendliche gehen auf die Strasse und keiner spricht darüber. 

So geschehen die letzten Freitage in Städten der Schweiz. Die Jugendliche gingen auf die Strasse, um gegen die aktuelle Klimapolitik (national und international) zu demonstrieren. Sie fordern unter anderem den Klimanotstand und Netto 0 Treibhausgasemissionen im Inland bis 2030 – sie fordern ein «Recht auf Zukunft» (und auf Facebook unter @klimastreikschweiz). Inspiriert werden sie dabei von Greta Thunberg, der 16-jährigen Schülerin aus Schweden, die mit dem Schulstreik fürs Klima anfing. Seit August streikt sie jeden Freitag die Schule (daher der Hashtag #FridaysforFuture), sprach an der UNO-Klimakonferenz in Polen (das Video ist absolut lohnenswert) und am WEF in Davos. Ihr Anliegen stiess auf grossen Anklang und in der Schweiz wächst die Anzahl der Klimastreiker mit jedem Freitag. Am nächsten Samstag, dem 2. Februar, soll nun eine grossangelegte Klimademo in allen grösseren Schweizer Städten stattfinden, an der auch jene Jugendlichen teilnehmen können, die jeweils freitags nicht streiken können/wollen und um auch andere Generationen einbinden zu können (alle Informationen dazu auf klimademo.ch).

Die Vorgehensweise (basisdemokratisch organisiert über Whatsapp) und die Forderungen der Jugendlichen ecken an; nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Journalisten und bei uns Älteren (ja, ich zähle mich dazu).

Und es wäre ein Einfaches, sie und ihre Meinung abzutun und sie auf ihre Pubertät, ihr Unwissen oder ihre Einflüsse zu reduzieren. Sie als naive und verwöhnte «Millennials» zu bezeichnen, die sich im Leben noch nicht bewiesen haben, folgendermassen also keine Ahnung haben, wovon sie eigentlich reden.

Aber könnte es auch sein, dass sie etwas begriffen haben, was wir noch nicht erkannt oder wieder vergessen haben? Schliesslich ist es ihre Zukunft, die jeden Tag mit unserer Klima-Politik aufs Spiel gesetzt wird. Es sind ihre Ressourcen, die wir verschwenden. Sie sind es, die mit den Folgen der aktuellen Klima-Politik leben müssen.

Was würde es also bedeuten, wenn wir den Ratschlag von Jesus «Werdet wie die Kinder» (Matthäus 18,3), in dieser Situation ernst nehmen würden?

Vielleicht bedeutet es, mit ihnen diesen Samstag auf die Strasse zu gehen.
Vielleicht bedeutet es, ihre weiteren politischen Aktionen zu unterstützen.
Vielleicht bedeutet es, ihre Stimme in Politik, Bildung und Wirtschaft zu stärken.

Ganz sicher bedeutet es, ihnen zuzuhören. Sie ernst zu nehmen. 
Ich bin überzeugt, dass wir viel von ihnen lernen können, dass wir vielleicht sogar wie sie werden können. Meinen Respekt haben sie, ebenso meine Stimme.

Propheten kamen schon immer in überraschender Weise – heute vielleicht in weissen Sneakers und Crop-Tops.


Sonntag, 27. Januar 2019

Die Chance der Zersiedlungsinitiative

Zersiedlungsinitiative
Mit «Zersiedelung stoppen – für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung» (Zersiedlungsinitiative) gibt es in der nächsten Abstimmung am 10. Februar die Gelegenheit etwas zu unternehmen, damit in der Schweiz unbebaute Flächen bestehen bleiben, damit es schwerer wird, Grünflächen neu zu überbauen, aber leichter, nachhaltiges Wohnen zu planen und einzurichten.
Ich höre Schweizer immer wieder liebevoll und schätzend über ihre Heimat reden, wie reizvoll die Berge, wie lieblich die Wiesenlandschaften und wie belebend die herrlichen, sauberen Gewässer sind. Mit vielen Nicht-Schweizern kann ich bestätigen, dass dieses Stück Erde sehr anziehend ist. Jedoch frage ich mich, wie lange es diese schönen Gegenden noch gibt, weil Asphalt und Beton überall wachsen. Für diese Initiative spricht also, dass sie die wunderschöne Schweiz erhalten möchte. 
Es spricht noch mehr dafür: die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Ich fand die Jugendlichen sehr beeindruckend, die in den letzten Monaten in Kanada, Schweden, Australien und Katowice (Polen) für ihre Rechte eingetreten sind, in der Zukunft in einer Welt leben zu dürfen, in der Leben möglich ist. Sie rügen alle für ihre Feigheit und ihre kurze Sicht, welche gestern und heute gewählt wurden und entschieden haben. Ich meine, zurecht.
Jemand sagte zu mir, er würde diese Initiative nicht unterstützen, weil er liberal – freiheitsliebend – wäre. Für ihn sind politische Vorschriften also freiheitshemmend. Auf diese Weise werden politische Vorschriften, die Konsumenten und schwächere Handelsparteien beschützen, häufig schlecht geredet. Steuersenkungen und Freihandelsabkommen gelten dann nicht als freiheitshemmend, obwohl sie auch regulieren!
Ich sehe in der Geschichte viele Beispiele, bei welchen politische Entscheide Gutes bewirkt haben: saubere Gewässer, Geräte, die weniger Energie verbrauchen und gute medizinische Praktiken. Fast jedem Schritt wurde zuerst mit Unbehagen begegnet, und doch wurden genau diese Vorschriften dann zu Impulsen, Besseres zu entwickeln. Im Nachhinein gehören sie dann zu unserem erfreulichen Alltag.
So scheint mir die Zersiedlungsinitiative eine gute Chance zu sein, sich für die Zukunft einzusetzen, eine Zukunft, in der die nächsten Generationen auch noch etwas von der schönen Schweiz haben und in der Menschen gut und gerne leben können.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Dem Frieden nachjagen

Jahreslosung 2019 - Psalm 34,15Vielleicht sind wir uns alle darin einig, dass wir dem Frieden nachjagen, ihn ernsthaft suchen und ohne uns ablenken zu lassen auf seiner Spur bleiben müssen. Dennoch haben nicht alle dieselbe Vorstellung davon, wie dieser Friede aussehen soll.

Eine Testfrage wäre, was in der Welt fehlt. So könnte die Kirche ihren Beitrag erkennen, nämlich das beizusteuern, was noch nicht angeboten wird.

Ich sehe, wie es in Ost und West, Süd und Nord Einstimmigkeit darin gibt, dass Grenzen gesichert werden und Übertretende bestraft, dass Völker sich bewaffnen und Wirtschaften aus Waffenhandel gedeihen, dass fruchtbare Böden zugebaut und Lebenswelten mit langlebiger Chemie verschmutzt werden dürfen.

Es fehlen jedoch Stimmen, Äusserungen und Handlungen, durch die Menschen sich für Ausgegrenzte stark machen, Zäune einreissen, Übertretenden neue Perspektiven öffnen, Alternativen zum Waffenhandel für die Wirtschaft erfinden, Nationalismus abblitzen lassen und Bulldozer und Panzer blockieren. Es fehlt an Menschen, die den Frieden nicht nur innerlich suchen, sondern ihn mit anderen und für andere gestalten.

Wie ist die Kirche denn berufen, dem Frieden in unserer Welt nachzujagen?

Erschienen in "Kirche und Welt", 1+2/2019

Samstag, 1. Dezember 2018

Weihnachten – Geerdete Hoffnung

WeihnachtsroseDer Theologe Emil Brunner sagte einmal: «Was der Sauerstoff für die Lunge, das bedeutet die Hoffnung für die menschliche Existenz.»

Weihnachten ist für mich Ausdruck der Hoffnung, die jeden Tag in uns geboren werden kann: in einem Futtertrog in Betlehem, einem Co-Working Space in Zürich, in einer Familie in Meiringen oder in einer der vielen EMK Gemeinden.

Bevor ich Pfarrer wurde, habe ich mich in der Masterarbeit mit der christlichen Hoffnung beschäftigt. Dabei wurde klar: Christliche Hoffnung gründet in der Auferstehungsbotschaft Jesu Christi. Paulus meint dazu: «Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.»

Die Auferweckungsbotschaft formte aus einem Haufen verzweifelter JüngerInnen mutige Menschen, die bis nach Rom verbreiteten, was sie erfahren hatten. Allerdings drohte ihre Botschaft abzuheben. Daraufhin unternahmen die Evangelien den Versuch, die Lebensgeschichte Jesu aus dem Blickwinkel nach Ostern nachzuzeichnen, um herauszustellen: Was wir erzählen, hat seine Bodenständigkeit.

Es reicht nicht, bloss von der grossen Hoffnung zu reden, sie muss immer wieder klein geboren werden. So bin ich oft selbst gefordert, die Hoffnung, dass die Liebe sich am Ende durchsetzt, in mein Leben zu übersetzen. Das ist eine grosse Herausforderung. Weihnacht ist die Geschichte, dass es Gott tatsächlich geschehen lässt.

Erschienen in "Kirche und Welt", 12/2018

Donnerstag, 1. November 2018

In «seinem» Namen

Gebeine von Kriegsgefallenen in einem Ossarium in IltalienVor gut 400 Jahren begann der 30-jährige Krieg.

So wie der Krieg selbst ein riesiges Durcheinander war, so waren auch die Ursachen vielfältig. Es ging um Macht, um Einfluss, um Politik – und um Religion. Bilder von Galgenbäumen und Zeugnisse von Überlebenden mahnen uns zur Erinnerung. Was aber sollen wir zu all dem sagen mit 400 Jahren Abstand?

Manchmal findet man in der säkularen Welt die passendsten Antworten. Ich erinnere mich verschwommen an eine Folge der gelben Comicfamilie «die Simpsons». Gegen Ende dieser Folge tritt der junge Bart sehr pathetisch für Gnade, Barmherzigkeit und Versöhnung ein. Happyend, möchte man meinen!

Doch dann macht die Sendung einen Zeitsprung von einigen hundert Jahren in die Zukunft und zeigt zwei Heere, die sich gegenüber stehen. Beide tragen sie die Symbole des Bart, also seine Stachelfrisur. Die einen schreien: «Er hat uns Gnade gelehrt.» Die anderen schreien: «Nein, er hat uns Barmherzigkeit gebracht.» Und so gehen sie aufeinander los …
Für einen Krieg wird der Mensch wohl immer wieder einen Grund finden – sei es Macht, Einfluss, Politik oder Religion. Schade eigentlich.
Erschienen in "Kirche und Welt", 11/2018