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Montag, 30. November 2020

Adventlicher Ereignishorizont

Ein Gedanke

Alpstein von Köbelisberg aus gesehen
Foto © Jörg Niederer
"Am Fuss des Leuchtturms herrscht Dunkelheit." Japanisches Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 6,15+16

"...der selige und alleinige Herrscher, der König der Könige und Herr der Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der im unzugänglichen Licht wohnt, den kein Mensch je gesehen hat noch zu sehen vermag. Ihm sei Ehre und ewige Macht, Amen."

Eine Anregung

Der Begriff "Ereignishorizont" kommt aus der Astrophysik. Ein Ereignis wird dort einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zugewiesen. Schön beschrieben wird der Ereignishorizont in einem Video für Jugendliche über Schwarze Löcher: https://youtu.be/ayKQe9fUrLI. Lichtwellen werden durch die Anziehungskraft von massenreichen Körpern abgelenkt. Schwarze Löcher sind derart massenreich, dass sich die Geschwindigkeit von Licht und die entgegenwirkende Anziehungskraft die Waage halten. Der Ort, an dem dies geschieht, nennt man Ereignishorizont. Was hinter diesem Horizont liegt, können wir nicht sehen.

Allerdings macht das, was wir bisher "sehen" konnten mittel Licht-, Gamma- und Radiowellen nur gerade 0,4% von dem aus, was es im Universum gibt. Mit 0,4% Sehkraft würden wir mit dem Blindenstock herumtastend den Weg suchen. Folglich macht es Sinn, an mehr zu glauben als nur an das, was der Mensch sehen kann.

Wo aber liegt im übertragenen Sinn dein adventlicher Ereignishorizont? Was von der Weihnachtsgeschichte kannst du "sehen" und was kannst du "nicht sehen"? Welche Inhalte der Geburt von Jesus erschliessen sich dir, und zeigen sich dir als schöne Komposition, sind wie ein Ausblick über das Nebelmeer bis zu den Bergen am Horizont? Und was von der Weihnachtsgeschichte ist dir hinter dem Horizont abhanden gekommen?

Noch einmal anders gefragt: An welche frühesten Weihnachtsereignisse kannst du dich noch erinnern? Bei mir liegt die Erinnerungsgrenze wohl so im Alter von drei oder vier Jahren. Ab dann kann ich mich unter dem Weihnachtsbaum sehen. Was davor geschah, weiss ich nicht mehr, ist hinter meinem adventlichen Ereignishorizont verschwunden - und dennoch geschehen.

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Sonntag, 29. November 2020

Unter und über dem Nebelmeer

Ein Gedanke

Foto © Jörg Niederer
"Nur die Tiefe nebelt, nicht der Berg." Jean Paul

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,2+3

"Und die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht."

Eine Anregung

Sie waren schon etwas frustrierend, die letzten sechs Tage. Während ich in der Mittellandsuppe manchmal die Hand nicht vor den Augen sehen konnte, posteten andere in Facebook Bilder von ihren Wanderungen über dem Nebelmeer. So sind meine Frau und ich gestern Samstag auch hinaufgezogen, haben zweimal eine Stunde Bahnfahrt riskiert; uns über die Corona-Empfehlung, möglichst zu Hause zu bleiben, hinweggesetzt; und unsern Platz an der Sonne mit einem Aufstieg 600 Metern hinauf auf den Köbelisberg erkämpft. Es war toll, es war bewegend - leider das Nebelmeer auch, und statt dass es sich gesenkt hätte, ist es angestiegen. Aber der blaue Himmel, der Alpstein mit dem Säntis, die Churfirsten, der Speer, die imposanten Föhren, und die wundersame und explosionsartige Vermehrung der Wanderschar beim Durchschreiten der Nebelgrenze bleiben unvergesslich. Ich könnte noch lange schwärmen, aber ich will all die, welche vom Nebel bedeckt bleiben, nicht frustrieren. Und so gibt es eben auch kein Sonnenbild, sondern eines vom Nebel. Damit wünsche ich allen einen gesegneten 1. Advent.

Die Livestream-Predigt aus der EMK St. Gallen fällt an diesem Sonntag aus. Aber es gibt Alternativen!

1. Ruedi Stähli schreibt über seine Predigt: "Kuckuck und Puffer Fish bringen mich zum Staunen. Ein Kuchen hilft, das Verhältnis zwischen Glaube und Wissenschaft zu verstehen. Und durch vernünftiges Denken und mit unerwarteter 'Schützenhilfe' eines atheistischen Kosmologen glaube ich, dass die Welt entstanden ist, weil…" Zu sehen und zu hören heute um 10.00 Uhr auf https://emk-windisch.ch/LIVE/

2. Auch sehr empfehlenswert ist der Gottesdienst der EMK um 10.00 Uhr auf https://www.musig24.tv/. Thema: "Vom Warten"

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Samstag, 28. November 2020

Glaubst du an Wunder?

Ein Gedanke

Votivbilder in der Wallfahrtskapelle Maria zum Rietli in Beckenried
Foto © Jörg Niederer
"Umkehr kann Wunder wirken." Quelle unbekannt

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, damit ich geheilt werde, hilf mir, damit mir geholfen wird, denn du bist mein Ruhm."

Eine Anregung

"Eine Frage treibt mich die letzten Wochen um. Sie begegnet mir an allen möglichen Orten. Auf den ersten Blick scheint sie so einfach und klar zu sein. Man muss scheinbar nicht über sie nachdenken. Aber bei genauer Betrachtung merke ich, dass mich die Frage quält. Ich kann sie nämlich nicht einfach mit JA beantworten. Aber genauso wenig mit NEIN. Sie verwirrt mich, weil sie plötzlich so nahe ist, so unmittelbar, so grausam.
Die Frage lautet: 'Glaubst du an Wunder?'"

So beginnt der neuste Blog von Pfarrer Christian Hagen. Warum ihm die Frage nach Wunder so nahe und grausam ist, hängt mit seiner schweren Krebserkrankung zusammen. Der existenzielle Bezug macht diesen Beitrag so berührend, dass ich ihn uneingeschränkt empfehlen möchte. Mich beeindruckt, wir Christian Hagen nach Antwort sucht. Während er vom "Spagat zwischen Glaube und Zweifel" schriebt, richtet er zugleich seine Bitte an Gott: "Dass Er mir hilft, an Ihm im Glauben festzuhalten, komme, was wolle." 

Hier geht es zum Blog von Christian Hagen: https://daskoenigreichgottes.com/2020/11/25/von-wundern-und-zweifeln/ 

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Freitag, 27. November 2020

Menschenraub, Händel und die Ranze

Ein Gedanke

Zwei Schwergewichte
Foto © Jörg Niederer
"Manchmal muss man Menschen gehen lassen. In der Regel, nachdem das Lösegeld gezahlt wurde." visualstatements.net

Ein Bibelvers - Markus 10,45

"Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele."

Eine Anregung

In manchen Schweizer Dialekten bedeutete "ranzen" auch herumzerren, balgen, raufen und ringen. Das Schweizer Idiotikon zitiert dazu folgenden Satz: "Üsi Meitschi gsehd-me doch nie so ranzen, wie's die Donners Buebe treibed". Auch das aufreibende Verhandeln bei einem Kauf konnte als eine Art verbaler Ringkampf verstanden werden, so dass man dem eben auch "ranzen" sagte. Wer nicht hartnäckig feilschte, der ranzte folglich auch nicht. Dazu ein Zitat aus dem Jahr 1650, wohl aus einer Predigt: "Judas ranzet nit, begehrt nit ein sterker Bott, ist der dreissig Silberlingen zufrieden." 

Und damit kommen wir zum kriminellen Aspekt dieses vieldeutigen Begriffs. Die "Ranze" oder "Ranz(i)on" ist auch das Lösegeld bei einer Entführung: Dazu ein Zitat von Reformator Zwingli: "Sind wir um sünden willen versetzet, so ist er [Christus] unser ranzung und losgelt."

Aus politische Gründen gab es schon immer Entführungen, bei denen Lösegeld erpresst wurde. Ein berühmtes Beispiel ist die Gefangenname von König Richard Löwenherz (1157-1199) und dessen Freilassung nach einer Lösegeldzahlung von damals astronomischen 100'000 Mark. 

Bei einer Lösegeldforderung ist es wichtig, einen realistischen Betrag zu verlangen, nicht zu hoch, nicht zu niedrig. Die Festlegung der Summe nennt man "ranzen". Dazu eine Episode mit einem St. Galler: "Herzog Ludwig [der spätere französische König Ludwig XII.], ein verriefter der kron Frankreich [e]vigend, [wurde] unerkant von houptman Späting von St Gallen gvangen, ilends von den Franzosen, als inen bekant, mit ringer ranzung gelöst, höher geranzt und irem küng überantwort." Offenbar wurde Ludwig XII. von Hauptmann Späting in der damaligen Gefangenschaft so gut behandelt, dass der Monarch dem Hauptmann eine Pension zukommen lies.

Ergänzen wir den Satz aus dem gestrigen Blog: "Herr Ranz von Ranzach trug einen ausgesprochen schweren Ranzen mit ranzig gewordener Butter auf dem Buckel, gedacht als Ranze für seinen nichtsnutzigen Bruder, ein richtiger Ränzler; all das beförderte Ranz von Ranzach in gar ranzige Stimmung."

Ach ja, damit ist noch längst nicht alles gesagt: "abranzen" meint abkanzeln; ein "Ranzer" ist ein streitsüchtiger Bub oder ein streitsüchtiges Mädchen; "ranzig" ist, wer es liebt zu raufen; "ränzle" meint necken, reizen; ein "Ränzler" ist nicht nur der Bauchsprung ins Wasser sondern auch ein streitsüchtiger Mensch oder tückischer Spötter. All das, und noch mehr findet man im Schweizer Idiotikon: https://www.idiotikon.ch/

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Donnerstag, 26. November 2020

Ranzig geworden?

Ölmühle Grabenöle Lüterswil / SO
Foto © Margrit Niederer
Ein Gedanke

"Lieber 60 und würzig als 20 und ranzig." Spontispruch für Jubilare

Psalm 23,5

"Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, übervoll ist mein Becher."

Eine Anregung

Und was hat der Ranzen, dieser Rucksack der Vergangenheit (siehe Blog von gestern), nun mit dem Ranzigwerden von Speisen zu tun? Gleich vorweg: Gar nichts ausser den ersten vier Buchstaben.

Ranzig werden öl- und fetthaltige Speisen. (Auf dem Foto ist die sehenswerte Grabenöle abgebildet, eine historische Ölmühle in Lüterswil/SO. http://www.grabenoele.ch/.) Berühmt ist der tibetanische Tee mit ranzigem Yakbutter. Fettspaltende Enzyme (Lipasen) sind am schlechten Geruch und Geschmack schuld. Bei diesem Zersetzungsprozess, eine Oxidation in Verbindung mit Sauerstoff oder Wasser, die schon bei Raumtemperatur beginnt, handelt es sich nicht um einen mikrobiellen Befall durch Schimmelpilze, Hefen oder Bakterien.

Es sind gerade die Fette und Öle mit den besser verdaulichen und damit gesünderen ungesättigten Fettsäuren, welche leichter verderben. Sie enthalten einen höheren Anteil an Linolen- und Linolsäure. Darum sollte man Leinöl und Walnussöl im Kühlschrank aufbewahren und nicht erhitzen. Sonnenblumen- und Distelöl wiederum enthalten höhere Reste von Linolsäure und sind daher nur zum Dünsten bei niedrigen Temperaturen geeignet. Am stärksten erhitzen lassen sich gesättigte Fette. Sie werden kaum ranzig oder schlecht. Will man Speisen in gesünderer Weise stark erhitze, greift man zu Oliven-, Raps- oder Erdnussöl. Diese enthalten viel Ölsäure und können daher auch für das Braten und Frittieren bis 170°C verwendet werden. Gesundheitlich kritisch ist das sehr hohe (grillieren) oder mehrfache Erhitzen (in der Fritteuse) von Speiseölen. Dabei entstehen krebserregende polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe.

Ob etwas ranzig ist, stellen wir leicht über den Geruchs- und Geschmackssinn fest. Und weil es so übel schmeckt und riecht, geraten wir kaum in Gefahr, zu viel davon zu essen. Oder anders gesagt: Wenn etwas stinkt, dann merken wir es und sind gewarnt. Und genau so ist es im übertragenen Sinn bei Menschen. Wenn einer "ranzig daher kommt", dann ist das nicht schwer zu erkennen. Er kann dann noch so gut riechen, geniessbar ist er damit noch lange nicht.

Und so könnte man nun in Kombination mit den im gestrigen Blog gewonnen Erkenntnissen sagen: "Herr Ranz von Ranzach trug einen ausgesprochen schweren Ranzen mit ranzig gewordener Butter auf dem Buckel, was in selbst zunehmen in ranzige Stimmung versetzte."

Im morgigen Blog werde ich diesem Satz noch eine kriminelle Komponente beifügen. Also dranbleiben!

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Mittwoch, 25. November 2020

Ganz aus der Mode gekommen: Schulranzen und Schmerbäuche

Ein Gedanke

Erster Schultag mit Ranzen
Foto © Margrit Niederer
"Ich und mein altes Weib können gut tanzen. Sie mit dem Bettelsack, ich mit dem Ranzen." Spruch aus Einsiedeln

Galater 6,4+5

"Jeder aber prüfe sein eigenes Werk! Dann wird er nur im Blick auf sich selbst Grund haben, sich zu rühmen - und nicht im Blick auf den anderen, denn jeder wird seine eigene Bürde zu tragen haben."

Eine Anregung

"Er habe sy gefragt, wo der Mann mit dem Ranzen seie, er möchte ihne auch gern sehen, was er im Ranzen habe, welcher aber geflohen wie ein Dieb reverenter [mit Verlaub gesagt], daruss er lichtlich schliessen könne, dass er den Ranzen voller Truben müsse gefüllt haben" (1668, Dübendorf). So wird aus alten Zeiten von einer unerlaubten Nachlese im Weinberg erzählt. Mich interessiert, was es mit dem Wort "Ranzen" auf sich hat, beziehungsweise, ob es einen Zusammenhang gibt mit dem "Ranzigwerden" von Speisen.

Das Schweizer Idiotikon (Siehe https://www.idiotikon.ch/! Die Zitate von Oben sind aus diesem Standardwerk) nennt als älteste Bedeutung für Ranzen: Felleisen, Quersack, Reisetasche, Provianttasche des Ziegenhirten, lederner Rucksack aus Dachs- oder Ziegenfell, auch Schultornister.

Letzterer, mit Kuhfell (oder war es Robbenfell) überzogen, trug ich jahrelang stolz zur Schule. Schulranzen hatte damals jeder und jede.

Abgeleitet davon, so das Idiotikon, ist die zweite Bedeutung: "Derber Ausdruck für Wanst, Schmerbauch, dann für Bauch von Menschen..." Auch dafür gibt es schöne Sprüche, hier ein Beispiel: "Me schwitzt recht ordli ab dem Donners Tanze, so mit de Jare wachst Eim halt en Ranzen". Und im Tirol von 1743 lud jemand zu einem Essen ein mit den Worten: "Hiemit seidt ihr alle freundlich eingladä, mär wollen euch füllä den Ranzen und den Kragen."

Mit beiderlei Ranzen kennen ich mich aus, doch was hat es mit Flurnamen, in denen der Ranzen vorkommt, auf sich. Falsch ist, dass, die Ranzach, ein Bach bei Uznach, ranzig riecht. Das gleiche gilt für den dortigen Bauernhof Ranzach. Der Gutsbetrieb ist wohl nach dem ersten Siedler mit dem germanischen Namen "Hraban" benannt, und nach dem Wort "Aach" für Bach. Wir würden heute von "Rabenbach" reden. Durch Lautverschiebungen ist daraus Ranzach geworden.

Näher bei den beiden Bedeutungen von Ranzen ist der Flurname "Ranze", der sich in der Gemeinde Uesslingen-Buch findet, direkt an der vielbefahrenen Schaffhauserstrasse. Auch hier könnte der Platz nach seinen Besitzern benannt sein. Der Personenname Ranz ist belegt, stammt aber wohl aus Süddeutschland. "Ranz" war früher der Berufs-Übername für einen Sackhersteller oder Sackträger, ein Spottname also. Ebenso wahrscheinlich ist ein appelativer Gebrauch: Das Gelände sieht wie ein Tragsack oder Bauch aus, der aus der flachen Landschaft ragt. (Siehe https://search.ortsnamen.ch/!)

Und was hat das alles nun mit dem Ranzigwerden von Speisen zu tun? Darüber morgen mehr.

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Dienstag, 24. November 2020

Erst gestohlen, dann beschenkt, zuletzt bezahlt

Ein Gedanke

Gekochte Rüebli
Foto © Jörg Niederer
"Dem Diebe brennt die Mütze auf dem Kopf." Sprichwort

Ein Bibelvers - Matthäus 6,19

Jesus: "Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie zerfressen, wo Diebe einbrechen und stehlen."

Eine Anregung

Nachtrag zum Blog von gestern über die Nachlese auf abgeernteten Feldern. Natürlich hatte es einen Grund, dass ich dieser Sache nachgegangen bin. So habe ich mich am Tag zuvor doch selbst auf einem abgeernteten Karottenfeld bedient, und bei einem Spaziergang rund 4 kg "Rüebli" zusammengetragen. Das ohne den Bauern um Erlaubnis zu bitten, und - wie viele Gemüsediebe - beim einnachten. Zuhause dann wollte ich sicher sein, dass ich da nichts Verbotenes getan habe, und stellte fest: Ich bin ein Dieb!

Im Beruf eines Pfarrers ist eine solche Erkenntnis immer heikel, und auch sonst wurde ich zu Respekt vor dem Eigentum der Andern erzogen.

Also bin ich erneut zum Rüeblifeld marschiert, genauer zum dazugehörigen Bauernhof. Dort traf ich den Landwirt, dem ich folglich meinen Diebstahl beichtete und ihm mit dem Portemonnaie in der Hand anbot, die Karotten zu bezahlen. Da lachte er und meinte, diese Möhren müsse ich bestimmt nicht bezahlen, die könne ich gerne als geschenkt betrachten.

Bezahlt habe ich sie in gewisser Weise ja doch. Denn erstens wurden meine Schuhe auf dem Acker unglaublich schmutzig, danach wurde vom Schuhputzen das Badezimmer unglaublich schmutzig, und von den vier Kilo Ausschuss-Rüebli blieben nach 40 Minuten Küchenarbeit noch 3 Kilo übrig. Alles zusammen, bei einem normalen Freikirchenpfarrerlohn, komme ich so für ein Kilogramm selbst gepflückte Möhren auf ca. 40 Franken. Nicht gerade ein Black-Friday-Schnäppchen.

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika