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Dienstag, 17. Juli 2018

Auf dem Weg zu neuen Sozialen Grundsätzen (Teil 1)

Der Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika kommentiert an dieser Stelle in mehreren Blogbeiträgen den Entwurf der vollständig neu überarbeiteten Sozialen Grundsätze. Siehe http://www.umcjustice.org/sp2020!

Soziale Grundsätze der EMK 2020
Die aktuellen Sozialen Grundsätze gehen auf einen immer wieder überarbeiteten Text der weltweit organisierten Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK - englisch: The United Methodist Church) aus dem Jahr 1972 zurück. Das Dokument hat verschiedene Vorläufer. Der älteste ist das Soziale Bekenntnis der Bischöflichen Methodistenkirche aus dem Jahr 1908. Obwohl Teil der Kirchenordnung, sind die Sozialen Grundsätze nicht Kirchenrecht. Vielmehr wollen sie Richtschnur sein bei ethischen und sozialen Fragen.

Besonders in Europa wurden die Sozialen Grundsätze als zu stark auf die USA bezogen kritisiert und vielfach adaptiert. Eine Konsultation in Wien äusserte im Jahr 2006 einerseits den Willen, keine Adaptionen mehr an den Sozialen Grundsätzen vorzunehmen, andererseits sollten die Aussagen stärker an der methodistischen Theologie ausgerichtet und biblisch begründet sein. Weiter wünschte man sich deutlich präzisere Formulierungen, die dem weltweiten Charakter des Textes Rechnung tragen.

Seit etwa 8 Jahren enthält die offizielle deutschsprachige Übersetzung (www.soziale-grundsaetze.ch) keine lokalen Anpassungen mehr, mit Ausnahme einer für die EMK in Deutschland gültigen Abweichung bei den Aussagen zur Homosexualität.

Es dauerte einige Zeit, bis die Generalkonferenz 2012 beschloss, die vollständige Überarbeitung der Sozialen Grundsätze zu beginnen. Ab 2013 folgten dazu Hearings auf der ganzen Welt. Dabei wurde deutlich, dass die Sozialen Grundsätze sehr geschätzt werden, und dass man bei einer Überarbeitung keine inhaltlichen Verwässerungen von Aussagen wünscht.

Ab 2016 folgte unter der Leitung des General Board Church and Society (GBCS – https://www.umcjustice.org/) die Neubearbeitung der Sozialen Grundsätze. Sechs paritätisch zusammengesetzte Internationale Teams wurden beauftragt, den Text so zu überarbeiten, dass die Aussagen 1. präziser formuliert, 2. besser biblisch und methodistisch begründet und 3. von globaler Relevanz sind. Die inhaltliche Stossrichtung wurden nicht verändert.

Weitere Bearbeitungen vorwiegend zur sprachlichen und stilistischen Einheitlichkeit rundeten den Entwurf ab.

Seit Mitte April 2018 liegt dieser Entwurf in den Sprachen Englisch, Französisch, Portugiesisch und Suaheli öffentlich auf. Unter http://www.umcjustice.org/sp2020 kann er heruntergeladen und kommentiert werden. Es ist erwünscht, dass sich möglichst viele Arbeitsgruppen und Einzelpersonen an der Vernehmlassung beteiligen. Alle Rückmeldungen an das GBCS werden in eine erneute Weiterbearbeitung einfliessen.

In diesen Tagen und Wochen finden zudem Hearings und Interviews mit Fachpersonen aus der ganzen Welt statt.

Der Abschnitt zur menschlichen Sexualität ist noch nicht im neuen Entwurf enthalten. Er soll nach der zu dieser Thematik stattfindenden ausserordentlichen Generalkonferenz von Februar 2019 (http://www.umc.org/topics/general-conference-2019-special-session) nachgeführt werden. Die dortigen Beschlüsse werden berücksichtigt.

Der fertige Entwurf der Sozialen Grundsätze wird schlussendlich der Generalkonferenz 2020 (http://www.umc.org/events/detail/2020-general-conference) zur Annahme vorgelegt. Die Generalkonferenz kann weitere Änderungen am Text beschliessen, oder ihn auch ablehnen. In letzterem Fall würde die aktuelle Version in Kraft bleiben.

Sonntag, 1. Juli 2018

Nicht gesellschaftsrelevant

Vereinigungs-Generalkonferenz der EMK von 1968
Schaut man sich historische Filmdokumente der Vereinigungs-Generalkonferenz von 1968 an, bei der die heutige Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) entstand, dann fallen die fast ausschliesslich in schwarzen Businessanzügen gekleideten weissen Männer meist älteren Jahrgangs auf.

Schaut man sich die historischen Filmdokumente des Woodstock-Festivals von 1969 an, dann fallen die vielen Langhaarigen, bunt und leicht bekleideten weissen Jugendlichen auf, die in ausgelassener Stimmung Zeichen gegen das Establishment und den Vietnamkrieg setzten.

Schaut man die historischen Filmdokumente aus dem Jahr 1968 von der Ermordung Martin Luther Kings in Memphis, Tennessee an, dann fallen die fast ausschliesslich in Businessanzügen oder Röcken gekleideten schwarzen Frauen und Männer auf.

Da gab es vor 50 Jahren bei der Entstehung der EMK schon mehr als einen garstigen Graben zwischen der Kirche und den wichtigsten gesellschaftsbestimmenden Bewegungen. Mir scheint, schon damals war die EMK nicht mehr gesellschaftsrelevant und vermittelte ein Bild der Rückständigkeit.

Es wird Zeit, dies zu ändern. Bist du dabei?

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 7+8/2018

Donnerstag, 21. Juni 2018

Warum ich meinen Regenbogen-Pin auch an der Konferenz tragen werde


Regenbogen-PIN
Ich sitze im Zug und spiele mit dem kleinen Pin an meiner Jeans-Jacke rum. Es ist eine kleine Schleife in den Farben des Regenbogens, dem internationalen Zeichen der LGBTQ-Bewegung [LGBTQ: Lesbian – Gay – Bi – Transgender – Queer (dt. Lesbisch – Schwul – Bisexuell – Transsexuell – Queer)]. Der Monat Juni gilt als der sogenannte «Pride»-Monat, ein Monat, der den Anliegen der LGBTQ-Gemeinschaft gewidmet ist und der einen Stolz (engl. «Pride») auf die Zugehörigkeit zu dieser Bewegung ausdrücken soll, anstatt der gesellschaftlich (und kirchlich?) oft geforderten Scham oder sogar Schuld. So sollen im Juni vermehrt Aktionen und Demonstrationen zu den entsprechenden Anliegen veranstaltet werden. Beispielsweise letzten Samstag fand die Schweizer Ausgabe einer solchen «Pride»-Demonstration in Zürich unter dem Motto «Same Love – Same Rights» (dt. «Gleiche Liebe – Gleiche Rechte») statt. 


Seit einigen Tagen beschäftigt mich die Frage: soll ich meinen Regenbogen-Pin für die Jährliche Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika der Evangelisch-methodistischen Kirche an der Jacke lassen oder wegnehmen? Dabei geht es mir um mehr, als nur eine Frage des Stils oder der allgemeinen Kleidervorschrift für solche Veranstaltungen. Im Grundsatz geht es um die Frage: will ich öffentlich Stellung beziehen zu meiner Position um die Frage der Homosexualität in der Kirche, oder will ich es mir vorenthalten, diese Position nur in ausgewählten Privatgesprächen kundzutun? Ein solcher Pin, mag er auch noch so unscheinbar wirken, zeigt ein Bekenntnis an. Ein Bekenntnis zu einer aktuell viel diskutierten Lage in der weltweiten Kirche, aber auch zu einem Thema, das in meinem privaten Umfeld vielerorts nicht abschliessend diskutiert ist. Ich bin hin und her gezogen, zwischen jenen Menschen in meinem Umfeld, die in ihrer Meinung zu diesem Thema noch nicht festgelegt sind und jenen Freunden, die der LGBTQ-Gemeinschaft angehören und in mir eine Verbündete in ihrem Kampf um Gleichstellung sehen.

Was, wenn ich es tue?
Was werden die Leute denken? Was wird die Kommission für ordinierte Dienste oder das Kabinett denken? Wie werden jene Menschen reagieren, die mich schon lange auf dem Weg meiner Berufung zur Pfarrerin begleiten? 
Ich habe Angst – nicht so sehr vor den Reaktionen, die ich zu hören bekommen werde, sondern vor jenen, die sich hinter meinem Rücken abspielen werden. Ich habe keine Angst davor, keine Antwort auf Anfragen oder Reaktionen zu haben, sondern davor, keine Möglichkeit auf Antwort oder Reaktion zu erhalten.  

Ich stocke in meinen Gedanken und realisiere, wie privilegiert ich mich anhöre.
Viele meiner Freunde haben eine solche Wahl nicht. Ihr «Coming Out» - also der Moment in dem sie vor ihrem Umfeld bekennen, dass sie homo-, bi-, transsexuell oder schlicht «queer» [Queer: alles, was nicht als «heteronormativ» verstanden wird, wird häufig unter dem Begriff «Queer» zusammengefasst. Man kann den Begriff als «Platzhalter» verstehen – für alles, was noch nicht definiert ist oder nicht definiert werden will (nach Maggie Nelson)] sind – ist ein Moment des nicht bloss privaten, sondern auch politischen Bekenntnisses. Meine Freunde hatten keine Wahl, ob ihre Sexualität zu einem politischen Thema ihres Umfeldes wird oder nicht. Sie mussten lernen, damit umzugehen, dass man hinter ihrem Rücken über sie redet. Über sie debattiert. Sie mussten zusehen, wie ihre Partnerwahl zu einer politischen Diskussion wurde. Sie mussten zusehen, wie sie zu einer kirchlichen Diskussion wurden.

Meine Freunde haben keine Wahl. Also habe ich, die ich in Solidarität mit ihnen stehe, keine Wahl.

Hier ist mein Bekenntnis: 
Ich unterstütze die LGBTQ-Gemeinschaft in ihrem Bestreben für Gleichstellung in der Gesellschaft und der Kirche.
Ich unterstütze die Kirche in ihrer Suche nach Einheit. 
Ich bin für Gespräche offen. Fragt mich nach meiner Meinung und nach meinen Beweggründen. Lasst uns ins Gespräch kommen. 

Ich bekenne Farbe  - oder sollte ich sagen: Farben?
Was ist dein Bekenntnis?

Dienstag, 8. Mai 2018

«Wir hatten Wichtigeres zu tun»

Kriegsgräber aus dem 1. Weltkrieg in Verdun Frankreich
Die internationale Debatte, ob die EMK gleichgeschlechtliche Paare segnen oder schwule und lesbische PfarrerInnen ordinieren sollte, droht die methodistische Kirche zu spalten. Manche argumentieren, dass Heterosexualität zur Schöpfung gehört. Andere sagen, dass die Gerechtigkeit die Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und die Ordination schwuler und lesbischer Pfarrer verlangt. Aber wieso ist das so wichtig? ChristInnen sind angesichts vieler ethischer Fragen unterschiedlicher Meinung, aber keine dieser Meinungsverschiedenheiten bedroht die Zukunft der EMK!
Jedes Jahr gibt es bestätigt 6000 tote MigrantInnen auf der Flucht nach Europa - die eigentliche Zahl der Opfer ist viel höher. Schätzungsweise 140000 Menschen starben 2016 in bewaffneten Konflikten. Ungefähr 9 Millionen verhungern jedes Jahr.
Der Herr wird sagen: «Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich nicht als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleider gegeben. Ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt euch nicht um mich gekümmert.» (Matthäus 25,42-44, BasisBibel) Dann werden wir antworten: «Wir haben uns um Homosexualität gestritten!»


Erschienen in "Kirche und Welt", 5/2018

Mittwoch, 4. April 2018

Eigenbrötler in der Kirche

Eigenbrötler in der Kirche
Eigenbrötler darf es in der heutigen Zeit nicht geben. Zusammenarbeit ist in der Arbeitswelt zwingend. Teamfähigkeit macht sich in jedem Bewerbungsschreiben gut.
Aber es gibt sie noch, die einsamen Wölfe im sozialen Geflimmer der realen Zivilisation. Der Störgärtner, der sich allein über Blumenrabatten beugt. Der Bäcker in der nächtlichen Backstube. Die Putzfrau in den menschenleeren Büros.
Wieviel Platz ist in den Kirchen für die, die am liebsten für sich selbst sind? Ich habe die Unbeholfenheit der Gemeinden mit den Unverheirateten, den Ruhigen, den Unauffälligen erlebt. Im erträglichen Fall waren die "Alleinstehenden" unsichtbar. Oft aber misstraute man ihnen. "Mit dem stimmt doch etwas nicht. Warum findet er keine Frau, sie keinen Mann?"
Allein leben wollen, das ist unverständlich für Menschen, die nicht allein leben können, die andere brauchen, damit es ihnen gut geht.
Meine Fragen dazu: Haben Eigenbrötler Platz in unseren Gemeinden? Und was unterscheidet diese Einzelgänger von Solochristen? Und sind die Gemeinschaftschristen vielleicht eher an der Gemeinschaft als an Christus interessiert?



Donnerstag, 1. März 2018

Weil du mir Vertrauen schenkst - ein Gebet

Migrant in CalaisSei willkommen, Fremder! Erhole dich von deiner langen Flucht. Lege ab deine schwere Last, dein Trauma, heile deine Wunden. 
Ich sage JA zur dir, du bist eine Bereicherung mit deiner Kultur, deinem Glauben und deiner Lebenserfahrung. Und manchmal sage ich NEIN, wenn ich an meine Grenzen stosse. 
Ich übe mich in Gastfreundschaft. 
Denn du, Gott, öffnest mein Herz, himmelweit, und bietest mir Raum in deinem Gebet.

Ein Spaziergang in der Natur bringt mich zum Staunen. Die versponnenen Blüten, die mächtigen Bäume und das reife Korn sind Zeichen deiner grossen, unendlichen Liebe. Selbst der Regen macht mir nichts aus, auch wenn ich mich leise ärgere, weil ich den Schirm zuhause vergessen habe. Es ist lebendiges Wasser, das Leben bringt. 
Denn du, Heiliger Geist, bist der kreative Schöpfer, schenkst uns Atem und Lebenskraft.

Ich trete ein für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Du Nazarener gehst voran, deinen Fussspuren folge ich gerne. Einige Wege führen mich an den Rand der Gesellschaft. Und manchmal bin ich verzweifelt über diese vielen Ungerechtigkeiten, doch nie resigniert. 
Denn du, Jesus, wirfst geduldig immer wieder dein Netz nach mir. Ich darf fallen und werde von dir getragen.

Amen

Erschienen in "Kirche und Welt" 03/2018

Montag, 5. Februar 2018

Wie ein Baum: stark und fest

Baum im Botanischen Garten St. GallenIch mag Bäume. Gerade in diesem winterlichen Stürmen beeindruckt mich so mancher Baum mit seiner Standfestigkeit. Fest verwurzelt steht er in seinem Grund. Die tief gefurchte Rinde hat so manche Blessur hartnäckig wieder überwachsen und schützt zuverlässig den starken Stamm.
Beim Bibellesen hat der Text von Maleachi 3,5 (selber lesen!) etwas in mir angestossen oder besser: zurechtgerückt. Wenn Gott richten - das heisst auch: neu ausrichten - will, sind dieser ernsten Mahnung sozusagen auf der "Rückseite" positive Werte abzugewinnen: Gott ehren bedeutet, auf verdeckte Beeinflussung zu verzichten, Treue und Verlässlichkeit zu leben in den Beziehungen, ein ehrliches Wort zu führen, anderen angemessenen Lohn zu gönnen sowie den Fremden die gleichen Rechte zu gewähren, die ich mir auch wünsche.
Wie ist eine solche Lebenseinstellung in der heutigen Zeit überhaupt möglich? Wie ist sie durchzuhalten? Das "Zauberwort" ist Treue. Gott hat es vorgemacht. Mit Zuneigung, mit Gunst trotz all dem, was wir Erdenbürger so anstellen. Auf dieser Grundlage leben wir. Treue ist eng verwandt mit Trost und (sich) trauen - und meint ursprünglich: stark und fest wie ein Baum. - Brauchen wir innere Festigkeit als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit?

Erschienen in "Kirche und Welt", 2/2018