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Mittwoch, 10. März 2021

Glaube oder Naturwissenschaft, wie es dir gerade gefällt

Ein Gedanke

Wegkreuz mit Fuck-you-Schmiererei
Foto © Jörg Niederer
"Die Leute sagen, über das Wasser zu gehen sei ein Wunder. Aber für mich ist es ein wahres Wunder, voller Frieden über die Erde zu wandeln."  Thich Nhat Hanh

Ein Bibelvers - Psalm 67,2

"Der Herr schaut vom Himmel herab und prüft die Menschenkinder. Er möchte sehen, ob jemand da ist, der Verstand hat und nach Gott fragt."

Eine Anregung

Es ist ein Kreuz mit Glauben und Wissenschaft. Menschen misstrauen der Religion, weil sie keine naturwissenschaftliche Basis hat. Und Menschen misstrauen der Wissenschaft, weil die Konsequenzen aus deren Erkenntnis Anfragen an einen ausufernden Lebensstil stellen. Einmal sind Menschen aus Glaubensgründen gegen Schutzmasken, dann wieder rational begründet gegen die religiöse Verhüllung. Die Empirie wird gegen Urvertrauen ins Feld geführt und der Gottglauben gegen eine sich selbst erklärende Welt. Opportunistisch tendierten wir einmal zum einen, dann wieder zum andern, wie es gerade den eigenen Zielen entspricht.

Beide, Naturwissenschaft und Religion haben ein Legitimationsproblem. Umso erfrischender, wenn einer, der gut reden und erklären kann, ein Naturwissenschaftler, ohne die Widersprüche der Systeme zu beheben, der Wissenschaft und dem Glauben das Wort redet. Harald Lesch nimmt sich in einem kurzen Beitrag der Frage an, ob es Gott aus wissenschaftlicher Sicht geben kann. Und landet ganz überraschend beim Papst und der Wirkung von Religion und Wissenschaft. Man könnte fast meinen, dass beides, Glaube und Naturwissenschaft, das Potential von Hoffnung in sich tragen. Ob da wohl Gott die Hand im Spiel hat?

Hier geht es zum Youtube-Video: https://youtu.be/6fziMlDCjRE

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Mittwoch, 27. Januar 2021

Der Glaube der Andern

Ein Gedanke

Observatorium Greenwich
Foto © Jörg Niederer
Cora Seaborne zu Pfarrer William Ransome: "Ich habe die Heilige Schrift konsultiert, wie Sie es immer empfehlen, und ich stelle fest (vgl. Matthäus 18, Vers 15-22), dass Sie mir, bevor Sie mich endgültig verstossen, 489 weitere Vergehen nachsehen müssen." (in Sarah Perry: Die Schlange von Essex, München 2019, S. 266)

Ein Bibelvers - Matthäus 18,21-22 (BasisBibel)

"Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte ihn: 'Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester mir Unrecht tut, wie oft soll ich ihnen vergeben? Bis zu siebenmal?' Jesus antwortete: 'Nicht nur siebenmal! Ich sage dir: Bis zu siebenundsiebzigmal!'" (Gelegentlich wird auch "sieben mal siebzigmal" übersetzt.)

Eine Anregung

Mich fasziniert es, wie die Religion in Romanen verarbeitet wird, und wie Glaubenshaltungen verschiedener Protagonistinnen und Protagonisten einander gegenüber gestellt werden. Im Werk "Die Schlange von Essex" von Sarah Perry gibt es den versehrten Bettler Thomas Taylor, der einen ziemlich überraschenden Satz von sich gibt: "Wissen Sie, ich bin ziemlich religiös und habe keinen Sinn für das Übernatürliche." Im ersten Moment scheint das eine widersinnige Aussage zu sein. Doch in der Konsequenz sagt der Bettler, dass Religiosität etwas Natürliches ist. Eine Haltung, die ich teile.

Anders äussert sich Cora Seaborne, und beschwört (auf poetische Weise) den Widerspruch von Naturwissenschaft und Glauben herauf: "Früher einmal war ich gläubig, ich besass jenen Glauben, mit dem vielleicht jeder Mensch geboren wird. Aber ich habe gesehen, wohin der führen kann, und da habe ich ihn eingetauscht. Zu glauben ist doch eine Form von Blindheit, als hätte man beschlossen, verrückt zu werden oder sich allem zu verschliessen, was neu und wunderbar ist. Unter dem Mikroskop gibt es so viele Wunder zu entdecken wie im Gesangbuch!" (Sarah Perry: Die Schlange von Essex, München 2019, S. 156 + 260).

Ganz anders hat sich Harald Lesch, Astrophysiker, TV-Moderator und Autor geäussert. Das christliche Medienmagazin "Pro" titelte: "Harald Lesch: 'Hatte nie eine Sekunde lang ein Problem, Physiker und Christ zu sein'". Der ganze Artikel kann hier gelesen werden: 

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Samstag, 26. September 2020

Was übrig bleibt...

Ein Gedanke

Restwasser unterhalb des Rheinkraftwerks Rheinfelden
Foto © Jörg Niederer
"Wer nicht kommt zu rechten Zeit, muß nehmen, was übrig bleibt." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Korinther 13,13

"Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die grösste unter ihnen aber ist die Liebe."

Eine Anregung

Jemand zitierte gestern den folgenden Satz: "Charakter ist das, was vom Menschen übrig bleibt, wenn es schwierig wird". Und während ich versuchte, herauszufinden, wer das gesagt hatte, fand ich weitere ähnlich geartete Aussagen:

"Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist." Mark Twain

"Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn wir vergessen, was wir gelernt haben." Edward Frederick Lindley Wood

Die Wahrheit, so unwahrscheinlich sie auch ist, ist das, was übrig bleibt, wenn das Unmögliche ausgeschlossen wurde. (nach Arthur Conan-Doyle)

Was vor der Mehrzahl der Werke übrig bleibt, sind die Zitate. (nach Stanislaw Jerzy Lec)

Restwasser ist das, was übrig bleibt, wenn das Flusskraftwerk gebaut ist.

Auch von Dietrich Bonhoeffer gibt es Gedanken über das, was übrig bleibt: "Wenn wir uns in unruhigen Zeiten einmal fragen, was eigentlich von all der Aufregung, von all dem Hin und Her der Gedanken und Überlegungen, von all den Sorgen und Befürchtungen, von allen Wünschen und Hoffnungen, die wir uns machen, wirklich zuletzt übrig bleibt – und wenn wir uns dann die Antwort der Bibel geben lassen wollen, so wird uns gesagt: Es bleibt von all dem zuletzt nur eines, nämlich die Liebe, die wir in unseren Gedanken, Sorgen, Wünschen und Hoffnungen gehabt haben." https://www.dietrich-bonhoeffer.net/ 


Morgen Sonntag wird die Predigt zum Erntedankfest in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen wieder auf Youtube direktübertragen. Ab 10.30 Uhr beginnt es unter https://youtu.be/KLfggdkdH3A


Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Freitag, 19. Juni 2020

Deshalb ist Theologie skeptisch

Ein Gedanke
Labyrinth vor der Kathedrale St. Gallen
Heute fordere ich euch mit Sätzen von Stephan Jütte heraus, die er in seinem Blogbeitrag "Und der Mensch schuf Gott" formuliert. Er fragt dabei, was Glaube und Theologie je für sich sagen und wissen können.
"Deshalb ist Theologie skeptisch, wenn jemand von Gott spricht. Es könnte – und ganz oft ist es das auch! – eine weitere Projektion menschlicher Ängste und Triebe oder ein Manipulationsversuch sein. Ob es mehr ist als eine Projektion, kann man nie wissen. Glauben heisst, darauf zu hoffen. Und Theologie fragt danach, was diese Hoffnung bedeutet."

Ein Bibelvers - Prediger 7,15-18
"Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit. Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern? Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit? Gut ist es, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht."

Eine Anregung
Im Folgenden noch weitere Gedanken von Stephan Jütte:
"... theologisches Denken (ist) aber auch kritisch gegenüber den neuen Gottheiten, Fixierungen und Dogmas, die aufgezogen werden: Gegen einen szientistischen Naturalismus*, der meint, Ethik in einer Evolutionstheorie aufgehen lassen zu können. Gegen eine triviale Ökonomie, die der 'unsichtbaren Hand' mehr zutraut, als die Kirchen es dem Heiligen Geist je konnten. Und gegen ein Selbstbild des Menschen, der sich darin bis ins Infinite** steigern muss, um menschlich zu bleiben.
Und es (theologisches Denken) kämpft für ein Christentum, das weiss, dass die wahre Barbarei nicht im Unglauben, sondern in einem Fürwahrhalten ohne Nachdenken und einem Behaupten ohne Gefühl liegt."

* Der Szientismus besagt, dass mit wissenschaftlichen Methoden sich alle sinnvollen Fragen beantworten lassen. Aussagen, die sich nicht durch wissenschaftliche Methoden begründen lassen, wie z. B. in den Themengebieten Religion und Metaphysik, seien sinnlos oder sprechen über nicht existente Dinge.
** Infinite = Unendliche

Vielleicht liest du auch den ganzen Blog unter https://www.reflab.ch/und-der-mensch-schuf-gott/ . Kannst du verstehen, was Stephan Jütte sagen will? Bist du damit einverstanden? Was ärgert dich? Kannst du selbst formulieren, wie du es siehst und wie du glaubst? 

In der Live-Videomeditation vom kommenden Sonntag ab 11 Uhr denken wir nach über Distanz, Pflichterfüllung und Glauben. Siehe https://youtu.be/HOwWpAqRme0

Donnerstag, 7. Mai 2020

Ausgeglaubt

Ein Gedanke
Gekreuzigter. Madonna del Sasso
Stephan Jütte und Manuel Schmid im Podcast "Ausgeglaubt": "Ich glaube nicht, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist".

Ein Bibelvers - Römer 6,23
"Denn der Sünde Sold ist Tod, die Gabe Gottes aber ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserm Herrn."

Eine Anregung
Gerade habe ich mir den Podcast mit dem oben zitierten Titel angehört. Er findet sich auf der Plattform "RefLab" der Zürcher Landeskirchen. Es ist spannend, den beiden Theologen zuzuhören. Hört und schaut doch selbst hinein in die verschiedenen Angebote.
Podcast "Ausgeglaubt": https://www.reflab.ch/category/podcasts/ausgeglaubt/
RefLab: https://www.reflab.ch/

Donnerstag, 23. April 2020

Vom Kleinglauben und ganzheitlichen Beten

Ein Gedanke
Weinberg im Gegenlicht
In seinem jüngsten Blog über das Lachen bei Jesus schreibt Pfarrer Christian Hagen: "Auch das Wort 'Kleinglaube' bzw. 'Kleingläubige' ist eine Kreation Jesu. Es kommt außerhalb der Reden Jesu nicht vor. Was später in der Kirche zum 'Unglauben' mutierte, hatte bei Jesus, zumal der 'Kleinglaube' mit einem Senfkorn verglichen wurde, noch einen scherzhaft-hoffnungsvollen Unterton. Ein Kleinglaube, wie auch ein Senfkorn, kann noch wachsen und gedeihen. Unglaube hingegen ist am Ende."

Der ganze Blogbeitrag: https://daskoenigreichgottes.com/2020/04/17/christus-hat-nie-gelacht/

Ein Bibelvers - Matthäus 17,20
"Jesus antwortet den Jüngern: Wegen eures Kleinglaubens! Denn, amen, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, werdet ihr zu diesem Berg sagen: Bewege dich von hier nach dort, und er wird sich wegbewegen; und nichts wird euch unmöglich sein."

Eine Anregung
Diese Zeit lädt ein zum Gebet. Hier eine Hinweis, wie wir beten können:

"Gott, sei du meinem Denken und Verstehen (Berühre deinen Kopf)
Gott, sei du meine Augen und mein Sehen (Berühre deine Augen)
Gott, sei du meine Ohren und mein Hören (Berühre deine Ohren)
Gott, sei du mein Mund und mein Reden (Berühre deinen Mund)

Gott, sei du meine Arme und meine Reichweite (Umfasse mit den Händen die Arme)
Gott, sei du meine Hände und mein Schaffen (Die Händen nehmen eine gebende Haltung ein)
Gott, sei du meine Beine und mein Gehen (Berühre deine Beine)
Gott, sei du meine Füsse und meine Bodenhaftung (Berühre deine Füsse)

Gott, sei du meine Lungen und mein Atmen (Berühre den Bereich deiner Lungen)
Gott, sei du mein Herz und meine Liebesfähigkeit (Halte die Hand ans Herz)
Gott, sei du mein Leben und mein Stil (Halte die Hände auf zum Himmel)
Amen"

Siehe: https://www.upperroom.org/resources/prayer-practices-for-children-youth-and-families?/path=cvblog

Samstag, 1. April 2017

Glauben und Weltgeschehen: ein Wider-Spruch?

Glaube und Weltgeschichte
Was in der Welt geschieht ist oft so schrecklich, was an Nachrichten auf uns einstürmt so widersprüchlich. Wie kann man da noch glauben? Viele Zeitgenossen resignieren, geben ihre Hoffnungen auf. 
Doch ich finde, es macht Sinn zu glauben. Trotzdem! Ich will den Glauben unverfroren buchstabieren, immer wieder neu, wie ein Kind.  Erst recht: achtsam sein, wo Himmel und Erde sich berühren, wo die Spur des Ewigen meinen Alltag kreuzt.  Da verrät schon unsere Sprache, was viele andere vor uns gesucht und auch erlebt haben.  Unser Wort ‚glauben‘ kommt vom althochdeutschen ‚gilouben‘ und bedeutete: für lieb halten, gutheissen.  Es steht für ein freundschaftliches Verhältnis eines Menschen. 
Das Geheimnis des Glaubens besteht auch heute darin, ein freundschaftliches Verhältnis  zu finden – zur Schöpfung und unseren Mit-Geschöpfen. Alles mit Augen der Liebe betrachten. So stelle ich mir auch Gott vor: Der Schöpfer betrachtet seine geliebte Welt und spricht begeistert aus „es ist (sehr) gut“! Da ist ein Gegenüber, das sieht, ja die ganze Welt mit Liebe sieht. Das ist der Beginn von allem; damit verändert sich alles.

Erschienen in "Kirche und Welt", 4/2017

Montag, 21. März 2016

Unvollständige Liste mit Eigenschaften Jesu

Jesus ist...
Wer und wie war Jesus aus biblischer Sicht?
Christus, Gottes Sohn, der an dem Gott Wohlgefallen gefunden hat, Friedefürst, Lehrer, Freund, selbstlos Liebender, loyal und treu Gott gegenüber, der von Herzen demütige, der, der auch Frauen mit Würde behandelte, Heiler, Wundertäter ...

Wer und wie ist Jesus aus Sicht einiger meiner Freunde? 
Mein Retter, mein Freund, liebevoll, gnädig, Mensch geworden, für mich gestorben, sanftmütig, Bewohner meines Herzens, der, der auf die Welt gekommen ist, Verbindung zu Gott, fair, Quelle aller guten Eigenschaften, Kollege, Motivator ...

Wer und wie ist Jesus für mich?
Liebenswürdig, der "Unparteiische", "Mitmensch", der, der immer gerecht handelte, der, der selbst Aussätzige berührte und heilte, der, der nie ungeduldig wurde, der, der sich nicht zu schade war, den Jüngern die Füsse zu waschen, der sozial Handelnde, Vorbild ...

Wer und wie ist Jesus für dich?

Erschienen in "Kirche und Welt", 3/2016
Ursula Brunner ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Mittwoch, 17. Juli 2013

Ein-Wurf von Jörg Niederer

Sicherheit
Sicher ist sicher. - Wie gewiss ist die Sicherheit? Für meinem Glauben zentral ist die Aussage von Paulus in Römer 8,38f: "Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben ... oder sonst irgend etwas können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt." Liebe Gottes, garantiert. Ich glaube das, bin mir darin ganz sicher. Zugleich weiss ich, dass meine Glaubensgewissheit nichts Objektives ist, dass weitaus mehr Menschen diese Überzeugung nicht teilen.

Wie sicher ist sicher? - Auf den Satz: "Nur der Tod ist sicher" antwortet die Versicherungsbranche mit Lebensversicherungen - als ob man Leben auf sicher hätte. Überall werden Sicherheitsmargen eingebaut. Und doch brechen immer wieder Dächer zusammen, Brücken stürzen ein, Hänge geraten ins Rutschen, eine Lawine löst sich trotz guter Wetterprognosen, Sicherungsseile reissen.

Voll unsicher... so ist das Leben. - Und doch leben wir meist recht gut mit dem aktuellen Mass an Verunsicherung. Ich bleibe dabei, auch wenn es "nur" eine Glaubenserkenntnis ist: "Nichts kann mich trennen von der Liebe Gottes."


Erschienen in "Kirche und Welt", 07/2013.
Jörg Niederer ist Mitglied im 
Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Ein-Wurf von Jörg Niederer

Falls es im hinduistischen Sinn eine Wiedergeburt geben und ich als werdender Vater auf die Welt kommen sollte, würde ich meinen Kindern den Kirchgang verbieten. Das, weil sie sich in der Pubertät sowieso gegen mich, ihren Vater, auflehnen würden. Sie würden zu meiner Freude das Verbot übertreten und Teil einer christlichen Kirche werden. Dort würden sie aktiv mitarbeiten und Jesus Christus nachfolgen. Dann könnte ich sagen: Ziel erreicht, meine Kinder glauben richtig.
Selbst würde ich nicht in die Kirche gehen, bis mich meine Kinder von ihrem Glauben (den ich bis dahin anonym und heimlich gelebt habe) überzeugen, und ich mich zu ihrer Freude öffentlich zu Christus bekenne würde. Wieder könnte ich sagen: Ziel erreicht, wir sind aus Überzeugung eine christliche Familie.
Aus Überzeugung? Abgesehen vom manipulativen Charakter würde dieses Vorgehen nur funktionieren, wenn ich in einem nächsten Leben Familienvater, und die Reinkarnation im hinduistischen Sinn wahr sein sollte. Würde ich dann nicht eher wollen, dass meine Kinder Hindus werden?
Ach, religiöse Erziehung ist eine komplexe und schwierige Sache...

Erschienen in "Kirche und Welt", 11/2012 Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich

Dienstag, 1. Mai 2012

Ein-Wurf von Ursula Brunner

Ich weiss nicht, wie es ihnen geht, aber mich befällt beim Thema: "Glaube in der Familie leben" eine Art schlechtes Gewissen. Da meldet sich die innere Stimme und fragt: Hätten wir nicht vor jedem Essen beten sollen, anstatt je nach Situation (und Besuch) ein Lied zu singen? Müssten wir regelmässig Familienandachten halten, wenigstens am Sonntagabend oder in den Ferien? Müssten wir als Eltern unsere Kinder nachdrücklicher ermutigen, am Sonntag mit uns den Gottesdienst zu besuchen? ...

Die Kinder (alle inzwischen halb erwachsen) haben über meine Bedenken geschmunzelt, als ich ihnen beim Essen von meinem Dilemma berichtet habe. Im Gespräch mit ihnen sind Dinge herausgekommen, an die ich selbst gar nicht gedacht hatte, die sie aber als "gelebten Glauben" erleben: dass ihre Freunde bei uns willkommen sind; dass es nicht darauf ankommt, ob noch jemand mehr am Tisch sitzt und mit uns isst; dass ihr Vater sie ausnahmsweise auch mitten in der Nacht beim nächsten Bahnhof abholen kommt, wenn der letzte Bus schon abgefahren ist ...


Ich bin froh, dass sie zu diesem Thema so "gnädig" über meinen Mann und mich urteilen. Noch mehr beruhigt mich, dass unser Vater im Himmel von einer unermesslichen Barmherzigkeit und Gnade ist und mir meine Unzulänglichkeit und mein Unvermögen immer wieder neu vergibt.


Erschienen in "Kirche und Welt", 4/2012
Ursula Brunner ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich