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Samstag, 24. April 2021

Fromm ohne Kirche

Ein Gedanke

Leert Corona die Kirchen?
Foto © Jörg Niederer
"Der Vogel ist nicht nur mit äusserlich ihm angehängten Flügeln ausgestattet, sondern sein ganzer körperlicher Bau ist darauf angelegt, sich von den Flügeln durch die Luft tragen zu lassen. (…) Ganz ebenso verhält es sich mit dem Menschen. (…) Der Mensch ist seiner Natur nach auf das Leben in Gemeinschaft angelegt." Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), aus "Baugesetze der Gesellschaft – Solidarität und Subsidiarität"

Ein Bibelvers - Jeremia 15,17+18

"Nie sass ich mit anderen froh zusammen, nie konnte ich fröhlich sein. Von deiner Hand [Gott] niedergedrückt, saß ich einsam da. Du hattest mich mit Missmut erfüllt. Warum nimmt mein Leiden kein Ende? Warum ist meine Wunde so tief, dass sie nicht heilen kann? Eine Täuschung bist du für mich. Du bist wie Wasser, von dem man nicht weiß, ob es da ist oder nicht."

Eine Anregung

In den vergangenen Wochen wurden verschiedene Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche unter anderem gefragt, "...inwiefern das (Selbst-)Bild von Kirche und Glaube sich durch die Pandemie verändert."

Dazu habe ich mir folgende Gedanken gemacht. Wie schon bei früheren Seuchen besteht die Gefahr, dass religiöse Gemeinschaften weiter aufgesplittet werden. Durch die Corona-Massnahmen werden die sozialen Aktivitäten und die religiösen Bedürfnisse separiert. Was sich konsumieren lässt an der Kirche, findet problemlos online und privat statt. Der Kirchenbesuch wird damit stark auf das Soziale zurückgebunden. Der Kirchenkaffee dagegen als Begegnungsplatz kann nicht so leicht ersetzt werden. Wer diesen Begegnungsort sucht, wird auch in Zukunft in die Gottesdienste und Kirchen gehen. Wer diesen nicht braucht, weil das Private genug soziale Begegnung bietet, wird wohl in Zukunft weniger oder nicht mehr in die Kirche gehen, und sich religiös auf andere Weise versorgen. Das wiederum wir die Kirche zunehmend zu einem Ort der Einsamen, Unbeholfenen, der Randgruppen machen. Diese haben nebst den sozialen Kontakten oft gar kein oder ein nur kleines religiöses Bedürfnis.

Vielleicht kann man plakativ sagen: 'In die Kirche werden nicht die gehen, die Glauben suchen, sondern sozialen Kontakt. Wer spirituelle Erfahrungen sucht, findet sie überall, nur nicht in der Kirche.'

Das wiederum bedeutet für die Kirchen, dass sie nicht mehr zurück können hinter eine starke Online-Präsenz und zugleich eine starke Vor-Ort-Präsenz. Die kirchliche Arbeit wird irreversibel anspruchsvoller als vor der Pandemie.

Hier kann man lesen, was Pfarrerinnen und Pfarrer aus Basel, Bregenz, Schwarzenburg und Solothurn dazu meinen: https://emk-schweiz.ch/2021/04/17/die-pandemie-ein-gericht-gottes

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Montag, 5. April 2021

Diakonissen überstehen Corona-Erkrankungen

Ein Gedanke

Das Bürgerspital St. Gallen. Im Kantonsspital wirkten einst auch methodistischen Diakonissen.
Foto © Jörg Niederer
"Unser gemeinsames Ziel ist der Dienst am Mitmenschen." Diakonie Bethanien

Ein Bibelvers - Galater 6,2

"Helft einander, die Lasten zu tragen. So erfüllt ihr das Gesetz, das Christus gegeben hat."

Eine Anregung

Es ist eine kurze Notiz, die der Haushistoriker Bangerter vor 60 Jahren im Jubiläumsbericht zum hundertjährigen Wirken der Methodisten in St. Gallen schrieb: Methodistische Diakonissen führten einige Zeit lang im Kantonsspital St. Gallen eine Abteilung.

Das gemeinsame Leben der Diakonissen ist ein Markenzeichen dieser Lebensform. Wie tragfähig diese Gemeinschaft ist, hat sich in der Zeit des Jahreswechsels bei den 16 meist sehr betagten Schwestern der Diakoniegemeinschaft Bethesda in Basel gezeigt. Bis auf zwei Schwestern erkrankten alle an Corona. Wie sie diese Zeit gemeinsam bewältigt haben und warum sie alle heil davongekommen sind, davon berichtet Sigmar Friedrich im folgenden Beitrag: https://emk-schweiz.ch/2021/03/31/die-mitschwestern-waren-fuer-mich-da/

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Freitag, 5. März 2021

Begeisternde Vielfalt

Ein Gedanke

Der Guirakuckuck (östliches Südamerika) zieht seine Jungen in Gemeinschaftsnestern auf, oder legt Eier in fremde Nester ab. (Zoo Zürich)
Foto © Jörg Niederer
"Die größten Kulturen sind aus Vielfalt entstanden und an Einfalt zugrunde gegangen." Torsten Marold (geb. 1962), deutscher Spieleautor

Ein Bibelvers - 1. Korinther 12,17+18

"Wenn der ganze Körper ein Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruchssinn? Nun hat Gott aber jedem einzelnen Körperteil seinen Platz am Körper zugewiesen, so wie er es wollte."

Eine Anregung

Zuerst: Heute gedenken wir der über 9000 Toten und vielen weiteren Betroffenen der Pandemie in der Schweiz:
11.59 Uhr Schweige- und Gebetsminute
12.00 Uhr Glockengeläut während 9 Minuten

Ab heute ist die 6. Unterbrechung der methodistischen Arbeitsgruppe "Kirche und Gesellschaft" im Web.

Marietjie Odendaal weiss, wovon sie spricht, wenn sie das Separieren thematisiert. Die Rassentrennung in Südafrika hat sie selbst miterlebt. In ihrer Unterbrechung plädiert sie für die Vielfalt und fröhliche Durchmischung als lebensschaffende und geistgewirkte göttliche Ordnung. Die Vielfalt und Verschiedenheit ist, so Odendaal, durch das Beispiel in der Natur bestens legitimiert. Und auch theologisch betrachtet gibt es dazu gute Gründe. 

Der vierminütige Beitrag kann hier angeschaut werden: https://youtu.be/K8omT1H9FAQ

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Donnerstag, 4. März 2021

Vom Können in Zeiten von Corona

Ein Gedanke

Restaurantauslage in der Coronapause
Foto © Jörg Niederer
"Wir können Corona." Bundesgesundheitsminister Alain Berset

Ein Bibelvers - Philipper 2,13

"Denn Gott bringt euch dazu, dass ihr nicht nur so handeln wollt, wie es ihm gefällt. Er sorgt vielmehr dafür, dass ihr es auch könnt!"

Eine Anregung

Was können wir? Seit einiger Zeit lese ich immer öfter Sätze wie die folgenden: Wir können Immobilien. Wir können Politik. Wir können Cupcake. Wir können Alpinismus. Wir können Kirche. Wir können Kultur. Wir können Internet. All diese Sätze sind beeinflusst von einer Aussage von Bundesgesundheitsminister Alain Berset, die er am 20. Mai 2020 geäussert hatte. Vor der sommerlichen ruhigen Infektionsphase sagte er: "Wir können Corona."

Grammatikalisch scheint an diesem Satz etwas nicht zu stimmen. Und noch auf andere Art stimmt daran etwa nicht.

Doch zuerst zur Grammatik. "Können" ist ein Modalverb. Es benötigt normalerweise ein weiteres Verb im Infinitiv. Also z.B. "Wir können Deutsch sprechen". Doch es gibt Ausnahmen in der Umgangssprache. Wenn das Vollverb als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, wird es oft weggelassen. So stimmt auch der Satz: "Wir können Deutsch". 

Was aber ist umgangssprachlich selbstverständlich? Der Satz: "Wir können Corona" ist zumindest grammatikalisch grenzwertig aber möglich. So lässt sich ein passendes Vollverb anfügen: "Wir können Corona besiegen / kontrollieren / eindämmen...". Herr Berset ist sprachlich also entschuldigt. 

Fragt sich, ob wir auch wirklich Corona "können"? Dazu ein kleines, trauriges Rechenbeispiel: Seit einem Jahr sind in der Schweiz 9310 Menschen an Corona verstorben. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Viertel dieser Menschen wohl auch ohne das Virus in diesem Jahr gestorben wären, bedeutet das immer noch, dass in dieser Zeit soviel Menschen zusätzlich verstorben sind, wie wenn 32 vollbesetzte Mittelstreckenflugzeuge des Typs Boeing 737 mit je 214 Menschen an Board über der Schweiz abgestürzten wären.

Angesichts dieser Zahlen müssen wir zugestehen: Corona hat uns kalt erwischt. Bis heute können wir Corona nicht. Corona bestimmt unsern Alltag. Da ist nichts von Normalität. Da ist immer noch Angst und grosse Verunsicherung.

Bundespräsident Guy Parmelin hat für den Freitag, 5. März 2021, dem Jahrestag des ersten an Covid-19 Erkrankten in der Schweiz dazu eingeladen, eine Gedenkminute einzuhalten und die Kirchenglocken 9 Minuten lang läuten zu lassen. Ich lade euch ein, dabei mitzumachen. Zu viele Menschen haben liebe Angehörige verloren, leiden unter den Folgen einer Erkrankung oder unter den Folgen der Schutzmassnahmen. Auch wenn wir Corona nicht können - beten und trösten und mitfühlen und beistehen, das können wir.

11.59 Uhr: Schweige- und Gebetsminute
12.01 Uhr: Glockengeläut während 9 Minuten* (Trauer- oder Vollgeläut)“

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Samstag, 27. Februar 2021

Corona und die Hoffnung

Ein Gedanke

Ausweg?
Foto © Jörg Niederer
Auch schwere Türen werden mit kleinen Schlüsseln verschlossen und geöffnet. (nach Charles Dickens)

Ein Bibelvers - Sprüche 12,25

"Sorgen, die ein Mensch im Herzen trägt, drücken ihn nieder. Ein gutes Wort macht sein Herz wieder froh."

Eine Anregung

Gerade hatte der Pflegedienstleiter am Kantonsspital St. Gallen, Christian Kittel, davon erzählt, wie ein Ehepaar, beide im selben Krankenzimmer untergebracht, während der ersten Pandemiewelle wenige Stunden nacheinander an Covid 19 verstorben waren. Da erinnert Rica Brülisauer daran, wie sie und ihr Ehemann, selbst im Spital gemeinsam im Zimmer, darum gekämpft haben, die Coronaerkrankung zu überstehen.

Zu hören war dies im Café Nuit vom 23. Februar in der Kirche St. Mangen. Dort interviewte Pfarrerin Kathrin Bolt nebst den beiden schon erwähnten Personen auch den Diplompsychologen und Coach Thomas Röthemeier. Heraus kam eine eindrückliche Sendung, die keinen kalt lässt.

Natürlich fand das ganze nicht vor Livepublikum statt, sondern wurde via YouTube ausgestrahlt. Hier kann man reinhören und reinsehen: https://youtu.be/Ty358afJ35k


Der Glauben wird an den Taten gemessen. Das Handeln gehört zum Reden über Gott. Doch christlich motiviertes Handeln wir oft überschätzt.
Diesen Sonntag gibt es dazu eine Predigt in der Methodistenkirche St. Gallen. Ab 10.30 Uhr wird sie per Livestream ausgestrahlt: https://youtu.be/rhJ1_YMFgNo

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Montag, 22. Februar 2021

Wandernd zu subversiver Kunst

Ein Gedanke

Eisenplastik "Coronaflüchtling" in Ottikon
Foto © Jörg Niederer
"Wenn der Kunst kein Tempel mehr offen steht, dann flüchtet sie in die Werkstatt." Marie von Ebner-Eschenbach

Ein Bibelvers - Josua 4,20-22

"In Gilgal stellte Josua die zwölf Steine auf, die sie aus dem Jordan mitgebracht hatten. Dann sagte er zu den Israeliten: 'Wenn später eure Kinder fragen, was diese Steine bedeuten, sollt ihr es ihnen so erklären: Auf trockenem Boden hat Israel den Jordan überquert.'"

Eine Anregung

Auf ganz eigene Art hat ein Künstler verschiedene Themen zu Eisenplastik verarbeitet. Angetroffen habe ich die lustigen Skulpturen auf einer Wanderung. In Ottikon bei Kemptthal, an der Schmiedgasse 6 können die Plastiken besichtigt werde. "Trumps letzter Schrei, es ist vorbei" ist da aufgestellt, dazu der "Coronaflüchtling" und "Coronafresser". Auch der "Mutierte Boris Johnson Virus" grinst von der Stange.

Gestaltet wurden die Kunstwerke von einem älteren Mann (er ist unscharf im Hintergrund zu entdecken).
Wer sagt denn, dass man jung sein muss, um subversiv und kreativ zu sein?

Wer sich diese Gartenkunstausstellung anschauen möchte, der oder dem sei die folgende Fasten-Wanderung empfohlen. Los geht es im verbauten Effretikon, vorbei an Delikatessen (eine erste Versuchung) im türkischen Laden, der Kirche mit dem auffälligen offenen Glockenturm, einem Betonklotz von Schulhaus, weiter ins Kempttal hinunter und wieder hinauf nach Ottikon. Natürlich entdeckt man dort die Kunstwerke; vermutlich darüber hinaus Kühe und ihre Kälbern, zwei zufriedenen Esel und speisenden Menschen vor ihren schmucken Häusern. Weiter geht es auf die Anhöhe des First, dort wo Yaks, Skilangläufer, Starenschwärme und Ausflügler ihre Runden drehen. Wer will kann weiterziehen zur Kyburg bei Sennhof. Wir sind an Ameisenhaufen und Eichhörnchen vorbei durch das bewaldete Helltobel hinabgestiegen nach Kollbrunn.

Und ja, Aussicht zu den Bergen, bei guter Sicht vom Alpstein bis zu den Berner Alpen, gibt es da natürlich auch.

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Samstag, 21. November 2020

Geschmacklos

Ein Gedanke

Geschmacksexplosion beim Kaffeeduft
Foto © Jörg Niederer
"Über den Geschmack kann man streiten, solange, bis dieser Streit geschmacklos wird." Gerhard Uhlenbruck, deutscher Immunbiologe und Aphoristiker

Ein Bibelvers - Psalm 34,9

"Spürt und seht, wie gütig der Herr ist. Wohl dem, der bei ihm Zuflucht sucht."

Eine Anregung

Schon interessant, dass wir mit Geschmack oft etwas meinen, das gar nichts mit dem Geschmacksinn zu tun hat. Der schlechte Geschmack jedenfalls steht für die Weise, wie jemand sich kleidet oder die Wohnung einrichtet oder einen Text schreibt. Und das Wort "geschmacklos" verwenden wir, um etwas ästhetisch, sozial, ethisch oder moralisch zu disqualifizieren. Niemand von uns wird bei einer solchen Beurteilung das Beurteilte den Geschmacksknospen im Mund zuführen. Etwas, das Kleinkinder ja durchaus noch tun, was sie für mich zu den Geschmacksexperten schlechthin macht. Wir Erwachsenen bilden uns unter Auslassung des Geschmackssinns ein Urteil über den Geschmack der anderen (und nur der andern). 

Nun, seit Corona dem einen oder der andern meist vorübergehend den Geschmackssinn raubt, erkennen Menschen die eigene Geschmacklosigkeit. Ob das auch auf eine kulturelle Selbsterkenntnis abfärbt?

Amüsant die Erfahrung der christlichen Sängerin Anja Lehmann, die sie am vergangenen Donnerstag auf Facebook teilte. Sie schrieb: "Tag 4 in der Quarantäne- GOTT HAT ECHT HUMOR!! Erstes Mal beim Kaffee trinken den berühmt-berüchtigten Geschmacksverlust erlebt- und dann die LOSUNGEN GELESEN.... :-) Ich lieb Ihn dafür, ich hab laut gelacht (und das tat gut!)"

Und was nun stand in den Losungen: "Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem der auf in trauet. Psalm 34,9". Dazu der neutestamentliche Vers: "Kommt, alles ist schon bereit! Lukas 14,17". Der beigesellte Liedtext von unserem Kirchenvater Charles Wesley in der Übertragung von Ulrike Voigt lautet: "Kommt, nehmt an Gottes Festmahl teil, erfahrt in Christus euer Heil und schmeckt die Güte unsres Herrn; Esst Brot, trinkt Wein er gibt es gern."


Und noch ein kurzer Rückblick auf die Jährlichen Konferenz der Methodisten vom vergangenen Wochenende: Zwischenzeitlich kann man den Ordinationsgottesdienst, damals mit leichter Sprachverwirrung ausgestrahlt, ganz auf Deutsch anhören und ansehen, und zwar hier:  https://youtu.be/GfqWEmtf8z0

In der Livestream-Predigt vom Sonntag, 10.30 Uhr, in der EMK St. Gallen geht es um die Prioritätensetzung im Miteinander von Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Was kommt zuerst? Gott, Mensch oder Geld und Gut. Was einfach zu beantworten scheint, ist gar nicht so eindeutig. https://youtu.be/WfHOyAUeMNA

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Donnerstag, 20. August 2020

Kollateralnutzen - wenn ungewollt Gutes geschieht

Ein Gedanke
Abstand halten
Foto © Jörg Niederer
Die Nächstenliebe liesse sich als Kollateralnutzen der Gottesliebe verstehen, oder anders herum. Wer den Nächsten liebt, liebt unbeabsichtigt auch Gott.

Ein Bibelvers - 1. Mose 50,18-20
"Dann gingen seine Brüder selbst hin, fielen vor Josef nieder und sprachen: Sieh, wir sind deine Sklaven. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? Ihr zwar habt Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu tun, was jetzt zutage liegt: ein so zahlreiches Volk am Leben zu erhalten."

Eine Anregung
Das eine ist gut, weil es nicht eigetroffen ist. Das andere ist gut, weil es eingetroffen ist. In beiden Fällen habe ich neu Begriffe gelernt, die mit der Pandemie in Zusammenhang stehen: "Übersterblichkeit" und "Kollateralnutzen".
Beginnen wir mit der Übersterblichkeit. So ganz logisch ist dieses Wort nicht, suggeriert es doch, dass man mehr als sterblich sein könnte. Aber es geht gar nicht um Metaphysik.
Nun, die Übersterblichkeit meint etwas anderes. Beim Vergleich der Todesfallzahlen mehrerer Jahre bezeichnet die Übersterblichkeit die über den Durchschnitt hinausgehende Zahl an Verstorbenen eines Vergleichszeitraums. So sind in Europa in den ersten 7 Monate dieses Jahres 162'000 Menschen mehr als in anderen Jahren verstorben. An dieser übermässige Sterblichkeit ist wohl das Coronavirus schuld. Doch in der Schweiz gibt es diese Übersterblichkeit nicht. In den ersten sieben Monaten des Jahres sind sogar weniger Menschen gestorben als im vergangenen Jahr. Es gab zwar in einigen Kantonen über einige Monate hinweg eine coronabedingte übermässige Sterblichkeit. Aber dieses Mehr an Verstorbenen wurde kompensiert durch ein Weniger in vielen anderen Regionen der Schweiz.
Warum ist das so: Da kommt nun unter anderem der Kollateralnutzen ins Spiel. Wie z.B. im Krieg der Kollateralschaden unbeabsichtigte Opfer meint, etwa unter den eigenen Leuten oder Zivilisten, so meint der Kollateralnutzen unbeabsichtigte positive Auswirkungen von Massnahmen.
Der Lockdown war nicht nur gut beim Coronavirus, sondern hat auch zu weniger Opfern im Personenverkehr und bei Freizeitaktivitäten geführt. Das Distanzhalten war nicht nur gut bei der Coronavorbeugung, sondern hat auch dazu beigetragen, dass weniger Menschen an einer gewöhnlichen Grippe oder anderen Krankheiten verstorben sind.
Ich bin dankbar, dass es in der Schweiz (und in Deutschland, Polen, Estland, Dänemark und Tschechien) keine übermässige Sterblichkeit durch Corona gegeben hat. Und ich bin dankbar, dass dazu auch der Kollateralnutzen beigetragen hat.

Freitag, 31. Juli 2020

Stehendes Auto - Gutes Auto

Ein Gedanke
Der Autoverkehr habe sich in der Ostschweiz seit dem Lockdown mehr als verdoppelt, meldete das St. Galler Tagblatt gestern. Dabei seinen mehr Autos unterwegs als im Juli des Vorjahres.

Ein Bibelvers - 1. Mose 24,56
"Aber der Diener Abrahams sprach zu Laban und seiner Familie: Haltet mich nicht auf, da doch der HERR meine Reise hat gelingen lassen. Lasst mich ziehen, ich will zu meinem Herrn gehen."

Eine Anregung
Auto in Luftschloss-Garage in einem Garten in Washington DC
Foto © Jörg Niederer
Ach wie schön war es in der Lockdown-Zeit, als die Welt den einsamen FussgängerInnen gehörten und das einzige Brummen das der Hummeln. So gesehen ist mir das Auto in einem Garten Washingtons in seiner umweltbelastenden Luftschlossgarage nicht unsympathisch. Es fährt zumindest gerade nicht herum.
Bei der Bahn vermeldet man schweizweit 1/3 weniger Passagiere. Viele sind wegen Corona umgestiegen - aufs Auto die meisten, aufs Velo (in der Freizeit) auch viele.
Nichts gegen nötige Autofahrten. Aber wer versucht, einer Coronainfektion durch Flucht ins eigene Auto zu entgehen, gewinnt nicht unbedingt mehr Sicherheit. Im Jahr 2019 gab es 17'761 Unfälle mit Personenschäden. Das bedeutet mindestens 49 Verletzte jeden Tag, die meisten im Strassenverkehr. Dem stehen hochgerechtet für das gesamte aktuelle Jahr 85'800 Coronainfizierte gegenüber, oder 10'706 wegen COVID-19 Hospitalisierte. Die Chance, wegen eines Verkehrsunfalls ärztliche Hilfe zu benötigen, ist also deutlich höher. Allerdings sterben am Virus 22x mehr Menschen als im Strassenverkehr.
Das ganze ist aber wohl noch deutlich komplexer, als dieses einfache Gegeneinander-Aufrechnen von Zahlen. Vielleicht nutzen Touristen das Auto für die Reise ins Ausland, um so der Quarantäne im eigenen Land zu entgehen. Dann wäre das Autofahren Ausdruck eines höheren Risikoverhaltens.
Letztlich ist die Mobilität einer der treibenden Faktoren bei der Ausbreitung des Virus. Auch aus diesem Grund ist mir das Auto in einem Garten Washingtons in seiner umweltbelastenden Luftschlossgarage nicht unsympathisch.
Also: Reise mal wieder mit der Bahn, oder noch besser: Gehe zu Fuss!

Montag, 1. Juni 2020

Lärmende Grillen

Feldgrille
Um mein Zuhause im schönen Bettswil zirpen seit Anfang April hunderte, oder vielleicht gar tausende Feldgrillen. Doch ehe nun romantische Gedanken auftauchen, nein, idyllisch ist das nicht: Sie können nerven, diese Grillen. Ich bin zwischenzeitlich verwirrt, ob es mein kleiner Tinnitus ist, oder ob es die Grillen sind, die einen Ton in ähnlichen Höhenlagen absondern.

Neulich waren Freunde auf einen Corona-Abstandskaffee vorbeigekommen. Wir sassen im Garten. Irgendwann meinte jemand von uns zur Wiese gewandt: «So, jetzt ist aber Schluss!» Das bringt natürlich nichts. Die Feldgrillen verstehen uns wohl nicht. Sie lassen sich nicht stören und lärmen weiter, naja, für sie muss es der himmlischste Klang auf Erden sein.

Die Grillen wohnen in Schlupflöchern in den angrenzenden Öko-Wiesen. Diese dürfen nie gedüngt und vor dem 1. Juli nicht geschnitten werden. Damit tragen Bäuerinnen und Bauern der Region einen wichtigen Teil zur Biodiversität in unserem Land bei. Und bei längerem darüber nachdenken, fällt mir ein Zitat des bekannten Arztes und Theologen, Albert Schweitzer ein. Dieser sagte in Zusammenhang mit seiner «Ehrfurcht vor dem Leben» folgenden Satz: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.»

Und ich erkenne: Es geht nicht um meine, oder unsere menschliche Ruhe. Die Corona Zeit hat vielerorts zu einem Aufatmen der Schöpfung geführt. Die Neue Zürcher Zeitung titelte kürzlich: «Kein Smog dank Corona – der Lockdown verschafft Indiens verschmutzten Städten eine Atempause», und weiter, «Die Corona-Krise führt in Indien zu verbesserter Luftqualität: blauer Himmel und Vogelgezwitscher auch in Grossstädten.» Solche und ähnlich Schlagzeilen zeigen mir: Die Schöpfung bringt ihre Stimme in diesen für die Menschheit unfreiwillig heruntergefahrenen Wochen und Monaten wieder deutlicher zum Klingen. Viel menschgemachter Lärm ist leiser geworden. Vom Vogelgezwitscher in New Delhi bis zur Feldgrille in Bettswil gilt wahrscheinlich: Für Gott ist darin kein Lärm, sondern Klang seiner Schöpfungs-Symphonie. Ich dagegen, muss mich wieder dran gewöhnen und auch fragen: «Wo reduziere ich meinen Lärm, damit die Schöpfung zum Wohlklang des Miteinanders vor Gott und keinem möglichst lauten Ausruf der menschlichen Spezies inmitten von allem anderen Leben verkommt?»

Vielleicht ist das eine generelle Frage für die «Nach-Lockdown-Zeit»?

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 6/2020