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Mittwoch, 19. August 2020

Dunkle Flecken christlichen Handelns

Ein Gedanke
Statue von John Wesley vor der Wesley-Chapel in London
Foto © Jörg Niederer
"Wenn du Gott darum bittest, Berge zu versetzten, gibt er dir vielleicht eine Schaufel." Shane Claiborne

Ein Bibelvers - Johannes 8,31.32.34-36
"Da sagte Jesus zu den Juden, die ihm Vertrauen geschenkt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen... Amen, amen, ich sage euch: Jeder, der tut, was die Sünde will, ist ein Sklave der Sünde. Der Sklave aber bleibt nicht auf ewig im Haus, der Sohn bleibt auf ewig. Wenn also der Sohn (Gottes) euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein."

Eine Anregung
Wenn heute Menschen argumentieren, dass die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen - etwa von vielen TextilarbeiterInnen und Erntehelfern - zwar bedauerlich, aber leider in einer globalisierten Wirtschaft unumgänglich seien, dann ist das kein neues Argument. So sahen in der Zeit der Entstehung der Methodistenkirchen in den USA viele die Sklaverei - als ein notwendiges Übel.
Dabei darf nicht vergessen gehen, dass die ersten Methodistinnen und Methodisten die Sklaverei ablehnt und klare Worte gegen sie gefunden haben. Pfarrer William B. Lawrence fasst die Fakten unter https://www.umnews.org/en/news/slavery-and-the-founders-of-methodism gut zusammen. Hier das Wichtigste daraus:
1774 veröffentlichte John Wesley seine Haltung zur Sklaverei, die "Thoughts Upon Slavery". Darin beschreibt er das Elend der Sklaven in allen Details. Nur schon die Duldung eines Systems der Sklaverei bezeichnete er als Übel, und jede Person in einem solchen System mache sich daran schuldig. https://docsouth.unc.edu/church/wesley/wesley.html
1780 wurden die amerikanischen Methodistenprediger in den Staaten dazu angehalten, gegen die Sklaverei zu predigen. Sklaven sollten von ihren Besitzern unverzüglich freigelassen werden. Alles andere stehe im Widerspruch zum Gesetz Gottes. Die Methodisten in North Carolina und Virginia hielten dies auch schriftlich verbindlich fest.
In der ersten methodistischen Kirchenordnung von 1785 wird festgehalten, dass wer Slaven kaufe oder verkaufe, sofort aus der Mitgliedschaft der Kirche zu entlassen sei, es sei denn, der Kauf geschehe, um Slaven zu befreien.
Im Jahr 1800 veröffentlichte die Generalkonferenz der Methodisten einen Hirtenbrief, unterzeichnet von Thomas Coke, Francis Asbury und Richard Whatcoat, in dem die Versklavung von Schwarzen "das grösste nationale Übel" genannt wird. Das ganze Neue Testament spreche in klarster Weise gegen die Sklaverei. Die Jährlichen Konferenzen (Synoden) wurden angewiesen, die Gesetzgeber in ihren jeweiligen Staaten aufzufordern, die Sklaverei abzuschaffen. Weltweit solle diese "schreienden Sünde" ausgerottet werden.
55 Jahre später kam es dann jedoch zu einer Kirchenspaltung. Methodisten in den US-Staaten, welche die Sklaverei weiterhin guthiessen, bildeten eine eigene Kirche, in der die Sklaverei erlaubt war. Die staatlichen Rahmenbedingungen bestimmten also die Haltung und Ethik der Kirche in der Sklavenfrage.
Im Rückblick kann ich diese vorübergehende Rechtfertigung der Sklaverei nur schwer verstehen angesichts des Menschenbilds von Jesus und der klaren Haltung der Gründerinnen und Gründer der Methodistenkirchen. Es scheint mir ausser Frage zu stehen, dass Menschen andere Menschen nicht besitzen und in Abhängigkeit halten, sie verstümmeln oder töten dürfen.
Zugleich hoffe ich, dass man nicht auch über Bereichen meines Denkens und Handelns dereinst den Stab brechen wird, und sich fragt, wie man als Christ nur eine solche Haltung und Lebensgestaltung vertreten konnte.

Dienstag, 11. August 2020

Ausgrenzung in der Bibel - Wie damit umgehen?

Ein Gedanke
Der einzige dunkelhäutige Heilige an der Decke der Dorfkirche St. Niklausen
Foto © Jörg Niederer
"Weil Christ*innen an den gleichen Gott glauben, von dem die Bibel berichtet, suchen viele darin auch eine Relevanz für heute. Nicht jeder Text bietet das." Eveline Baumberger

Ein Bibelvers - Ruth 4,13.14.21+22
"So heiratete (der Israelit) Boas (die Moabiterin) Rut, und sie wurde seine Frau. Und er ging zu ihr, und der HERR liess sie schwanger werden, und sie gebar einen Sohn. Und die Frauen sprachen zu Noomi: Gelobt sei der HERR... Boas zeugte (mit Ruth) Obed, und Obed zeugte Isai, und Isai zeugte (den späteren König) David."

Eine Anregung
Wie umgehen mit schwierigen Bibelstellen? Etwa mit ethnischen Säuberungen? Eveline Baumberger, Blogerin bei RefLab, hat sich der Stellen im Esrabuch angenommen, in welchen Ehen von Juden mit nichtjüdischen Frauen getrennt und diese mit ihren Kindern fortgeschickt wurden.
In 5 Schritten führt Baumberger durch diese Bibelstelle hindurch. So wird es möglich, das damalige Vorgehen besser zu verstehen.
1. Erst mal in Ruhe nachlesen (In diesem Fall Esra 9+10)
2. Was steht da sonst noch?
3. Nachdenken und kombinieren
4. Ein Blick in die Sekundärliteratur (Bibelkommentare, Lexiken etc.)
5. Fazit: Jetzt ergibt es mehr Sinn
All das kann nachgelesen oder verkürzt als Videopodcast angehört werden unter https://youtu.be/w0CEKlqdUfw und https://www.reflab.ch/how-to-schwierige-bibelstellen/

Kritisch fügt Baumberger zum Schluss, an, dass wir zum Glück heute in einer anderen Zeit leben, in der z.B. Frauen nicht als Besitz ihrer Väter oder Ehemänner gelten. Und positiv könne man sich bei diesem Text fragen, wie viel Gemeinsamkeiten es in Beziehungen brauche.

Ich kann zwar nachvollziehen, warum diese Scheidungen interkultureller Ehen damals vollzogen wurden. Doch dass ich es verstehen kann, macht eine Handlung nicht gut oder moralisch akzeptabel. Auch wenn dieser Text in der Bibel steht, widerspricht er grundsätzlichen anderen Aussagen der Bibel (z.B. der von Jesus postulierten Unauflöslichkeit der Ehe) der Vernunft (Biblischer Rassismus ist nicht besser als Rassismus überhaupt), der Erfahrung (von kulturverschiedenen Ehen) und der Tradition (Ethnische Säuberungen in allerjüngster Zeit). Nur weil etwas in der Bibel steht, ist es noch nicht gut. Verstehen heisst noch nicht, dass etwas richtig ist. 
Wie siehst du das?


Donnerstag, 27. Dezember 2012

Nächstenliebe, ganz alltäglich?


Rolf Wüthrich, Philipp Kohli und Christian Hagen haben für den Fachbereich "Spezielle Homiletik" an der Theologischen Hochschule Reutlingen ein Youtube-Video gedreht. Es ist sehenswert und hilfreich, um wieder einmal über ein Dauerthema nachzudenken: Wie gelingt Nächstenliebe im Alltag, unter wildfremden oder wohlbekannten Menschen. 

Die Theologische Hochschule Reutlingen findet man hier.

 Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich



Dienstag, 2. Oktober 2012

Ein-Wurf von Ursula Brunner

Schwangerschaft und UltraschallbildAbtreibung - wie bitte? Meine Meinung dazu? Als Sozialarbeiterin? Ah, nein, für ein christliches Magazin, ja dann! Aber bitte, das ist ja klar: Ich bin Christin, und auch das ungeborene Leben ist absolut schützenswert! Sicher, mit der Zeugung fängt das Leben an, und Gott hat ja sogar schon einen Plan für jedes Leben, bevor das Kind gezeugt ist!
Aha - Sie meinen, dass ich gut reden habe, in meiner sicheren Position, mit drei gesunden Kindern, einer gesicherten finanziellen Grundlage und einem intakten sozialen Umfeld? Naja, was kann ich dafür, dass es mir so gut geht...?
Wie? Ob wir in unserer Gemeinde eine alleinerziehende junge Frau unterstützen, finanziell und mit viel praktischer Hilfe, ohne ihr dauernd gutgemeinte Ratschläge zu geben? Ob es bei uns Leute gibt, die diese Frau seelsorgerlich begleiten? Und wie es denn mit den Blicken der Gottesdienstbesucher am Sonntag ist, wenn der Bauch dieser Frau sichtlich gewachsen ist und kein zärtlich dreinschauender Ehemann an ihrer Seite sitzt?
Nein, und nun fragen sie noch so konkret, wie ich es denn hätte, ob ich mir zum Beispiel vorstellen könnte, das Kind zwei Tage in der Woche zu hüten, damit die Mutter einer Arbeit nachgehen konnte...
Nun, ich sehe, ich werde einige Zeit brauchen, um über diese Fragen ernsthaft nachzudenken...

Erschienen in "Kirche und Welt", 10/2012 Ursula Brunner ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich