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Freitag, 15. Januar 2021

"Schau mir nicht in die Augen, Kleines"

Ein Gedanke

Anschauen, Auge
Foto © Jörg Niederer
"Schau mir in die Augen, Kleines!" Berühmtes, falsch übersetztes Zitat von Humphrey Bogart zu Ingrid Bergman im Film "Casablanca".

Ein Bibelvers - Matthäus 6,22

"Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib von Licht erfüllt sein."

Eine Anregung

Es gibt Eigenheiten bei Videokonferenzen, die mich immer wieder irritieren. So gilt: Wenn ich die Person auf dem Bildschirm anschaue, dann schaue ich für diese gesehen nicht in ihre Augen, sondern irgendwo anders hin. Und wenn ich sie nicht anschaue, sondern direkt ins Kameraobjektiv, dann sieht es für diese Person so aus, als würde ich sie direkt anschauen.

Weil die Kamera leicht oder auch stark verschoben zu den Augen des Gegenübers auf dem Bildschirm angebracht ist, kehren sich normale Sehgewohnheiten und Anstandsregeln um, zumindest für Westeuropäerinnen und Westeuropäer.

Bei Videogesprächen gilt also: Schau mich nicht an, dann schaust du mich an. und: Wenn du mich ansiehst, sieht du mich nicht an.

Mit andern Worten. Die Blicke überkreuzen sich. Dann aber entsteht mitunter der Eindruck, dass man sich ansieht. Allerdings, wenn beide Seiten in die Kamera blicken, sehen beide nicht, wie der Eindruck entsteht, dass man sich gegenseitig anschaut. Und wenn sich beide Seiten auf dem Bildschirm in die Augen schauen wollen, dann sieht es so aus, als sehe man aneinander vorbei. Es ist ein Kreuz mit der Wahrnehmung per Bildschirm.

Was bedeutet es wohl, wenn wir uns in diesen Tagen immer weniger in die Augen schauen können?

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Montag, 30. November 2020

Adventlicher Ereignishorizont

Ein Gedanke

Alpstein von Köbelisberg aus gesehen
Foto © Jörg Niederer
"Am Fuss des Leuchtturms herrscht Dunkelheit." Japanisches Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 6,15+16

"...der selige und alleinige Herrscher, der König der Könige und Herr der Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der im unzugänglichen Licht wohnt, den kein Mensch je gesehen hat noch zu sehen vermag. Ihm sei Ehre und ewige Macht, Amen."

Eine Anregung

Der Begriff "Ereignishorizont" kommt aus der Astrophysik. Ein Ereignis wird dort einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zugewiesen. Schön beschrieben wird der Ereignishorizont in einem Video für Jugendliche über Schwarze Löcher: https://youtu.be/ayKQe9fUrLI. Lichtwellen werden durch die Anziehungskraft von massenreichen Körpern abgelenkt. Schwarze Löcher sind derart massenreich, dass sich die Geschwindigkeit von Licht und die entgegenwirkende Anziehungskraft die Waage halten. Der Ort, an dem dies geschieht, nennt man Ereignishorizont. Was hinter diesem Horizont liegt, können wir nicht sehen.

Allerdings macht das, was wir bisher "sehen" konnten mittel Licht-, Gamma- und Radiowellen nur gerade 0,4% von dem aus, was es im Universum gibt. Mit 0,4% Sehkraft würden wir mit dem Blindenstock herumtastend den Weg suchen. Folglich macht es Sinn, an mehr zu glauben als nur an das, was der Mensch sehen kann.

Wo aber liegt im übertragenen Sinn dein adventlicher Ereignishorizont? Was von der Weihnachtsgeschichte kannst du "sehen" und was kannst du "nicht sehen"? Welche Inhalte der Geburt von Jesus erschliessen sich dir, und zeigen sich dir als schöne Komposition, sind wie ein Ausblick über das Nebelmeer bis zu den Bergen am Horizont? Und was von der Weihnachtsgeschichte ist dir hinter dem Horizont abhanden gekommen?

Noch einmal anders gefragt: An welche frühesten Weihnachtsereignisse kannst du dich noch erinnern? Bei mir liegt die Erinnerungsgrenze wohl so im Alter von drei oder vier Jahren. Ab dann kann ich mich unter dem Weihnachtsbaum sehen. Was davor geschah, weiss ich nicht mehr, ist hinter meinem adventlichen Ereignishorizont verschwunden - und dennoch geschehen.

Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Donnerstag, 3. September 2020

Vom Kleinen, das aufs Grosse verweist

Ein Gedanke
Pilze auf dem Hügelzug Blauen
Foto © Jörg Niederer
Das grösste Lebewesen der Erde ist mit 150.000 Quadratmetern Ausdehnung und 100 Tonnen Gewicht ein Pilz, ein Hallimasch.

Ein Bibelvers - Matthäus 6,4
"Aber (Gott) dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen."

Eine Anregung
Winzige Pilze äugen zwischen Steinen und Pflanzen aus dem Boden und zeigen ihre verletzlichen Hüte. Diese Fruchtkörper sind der sichtbare, und meist kleinste Teil des Pilzes. Das unterirdische Myzel verzweigt sich dagegen weit, wirkt zersetzend und bodenanreichernd.
Da ist eine Sache, die zwar klein ist aber oberflächlich sichtbar. Genau diese Winzigkeit fällt auf, stört, irritiert. Und nur diese Winzigkeit wird ganz wichtig, und all die verborgene, unsichtbare Sorgfalt und Umsicht spielt keine Rolle mehr.
Anders herum: An dieser kleinen Sache, ob nun gut oder nicht, erahne ich in der Tiefe verborgen die eigentlichen Schätze.

Was siehst du? Heute Donnerstag, 3. September 2020, 18.00 - 20.00 Uhr findet eine ökumenische Auftaktveranstaltung zur Schöpfungszeit im Botanischen Garten St. Gallen an der Stephanshornstrasse 4 statt. Hier geht es zum Flyer https://emk-st-gallen.ch/wp-content/uploads/sites/9/2020/07/GFS-Sch%C3%B6pfungsauftakt_Flyer_A5.pdf

Dienstag, 1. September 2020

Es ist Schöpfungszeit

Gemaltes Auge auf Kiesel an einem Baum
Foto © Jörg Niederer
Dieses Jahr macht oeku: Kirche und Umwelt auf unsere Augen aufmerksam. Wie wunderbar unsere Augen sind, merke ich jedes Mal, wenn ich fotografiere: die Mischung aus Weite, Fokus, Schärfe, Tiefe, Kontrast und Farbe übersteigt das, was meine Kamera schafft, bei Weitem.
Was wir mit dem Auge sehen, beeinflusst unser inneres Auge, die Bilder die in uns leben und wirken. Was wir sehen, bestimmt also, was wir denken und wie wir handeln. 
Es gibt Dinge, die wir immer wieder sehen, wie geliebte Gesichter oder den Frühling. Dann schärft die Wiederholung unser Sehen. Bei anderen Bildern, zum Beispiel von überfüllten Flüchtlingsbooten oder sterbenden Wäldern, werden wir allmählich "blind". Das hat damit zu tun, dass wir nicht nur mit dem Auge sehen, sondern auch mit dem Herzen und dem Verstand. Sie bestimmen den Rahmen, durch den wir sehen.
Eine Kamera zeigt auch schön, wie ein Rahmen das, was wir sehen, beeinflusst. Der Rahmen verändert sich durch die Einstellung der Grösse oder mit einem neuen Winkel. So steht etwas neu im Zentrum oder der Hintergrund wird deutlicher.
Alltäglich bieten Nachrichtensendungen, politische Kampagnen, und der Dorftratsch uns Bilder in bestimmten Rahmen. Wir haben wenig Einfluss auf diese Bildern, die vor unsere Augen auftauchen. Wir können jedoch Einfluss nehmen auf den Rahmen, durch den wir schauen, und damit auf das, was wir sehen und was unser Handeln bestimmt. 
Wenn Jesus von der kommenden Gottesregierung spricht, wenn er diese mit Bildern von Lilien und Vögeln beschreibt, bietet er uns einen Rahmen fürs Sehen. Den Rahmen, durch den er sieht, stellt Menschen neu ins Zentrum und stellt auch unerwartete Menschen ins Zentrum. Mit seinem Rahmen würdigt er die Erde, auf der er unterwegs ist. Das, was er so wahrnimmt, bestimmt sein Handeln. Es könnte auch unser Handeln bestimmen, mit ihm hinzuschauen.
Marietjie Odendaal, Kirche und Gesellschaft

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 9/2020