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Freitag, 28. Mai 2021

Zum letzten Mal

Ein Gedanke

Einige der Produkte von der Fattoria La Vialla
Foto © Jörg Niederer
"Ich wünsche mir eine Kirche, in der Menschen konträr denken und gemeinsam glauben können. Ich wünsche mir eine Kirche, in der niemand ausgegrenzt wird, sondern alle die Liebe erfahren dürfen, die Christus uns Menschen entgegengebracht hat." Jörg Niederer

Ein Bibelvers - Micha 6,8

"Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen."

Eine Anregung

Seit etwa 1988 arbeitet ich mit im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz: https://www.emk-schweiz.ch/action/kirche-und-gesellschaft/

Heute findet nun Online meine letzte Sitzung statt. Noch einmal schreibe ich das Protokoll. An den sozialen und ethischen Themen werde ich weiter im Privaten dranbleiben.

Gestern erhielt ich vom Ausschuss ein besonderes Paket zugestellt, ein Geschenk der ganz feinen Art. Eine Kiste voller erlesener Speisen von der Fattoria La Vialla: https://www.lavialla.it/de/

Was für ein schönes, passendes Abschiedsgeschenk. Danke, danke, danke.

Übrigens: Ich kann die Mitarbeit im Ausschuss Kirche und Gesellschaft allen empfehlen, die sich für soziale, ethische und politische Themen interessieren und in christlicher Verantwortung etwas tun möchten. Kontaktmöglichkeiten zu den Ausschussmitgliedern gibt es hier: https://www.emk-schweiz.ch/action/kirche-und-gesellschaft/mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Dienstag, 1. Dezember 2020

Kelle voller Hoffnung

Kelle voller Hoffnung
Foto © Jörg Niederer
Der Soziologe Stephan Marks zeigt in seinem Buch "Die Kunst nicht abzustumpfen", wie wir Hoffnung schöpfen können. Er schreibt: 

"Stellen wir uns eine Schöpfkelle und eine Quelle vor. Solange die Kelle nicht in das Wasser eingetaucht wird, bleibt sie leer. Das bedeutet: Solange wir uns nur kognitiv mit den Nachrichten über die Welt auseinandersetzen und die damit verbundenen Emotionen ausklammern, kann es keine Hoffnung geben. Im Unterschied dazu wird die Schöpfkelle voll, wenn wir sie in die Quelle eintauchen: d.h. wenn wir in die 'Dunkelheit' der Schmerzen über die Welt hinabgehen. Damit ist aber noch wenig gewonnen, solange die Kelle unten eingetaucht bleibt. Notwendig ist es vielmehr, die Kelle nach unten und dann wieder nach oben zu bewegen, vom Dunkel zurück ins Licht des Bewusstseins." 

Das erinnert mich an die Arbeitsweise von "Kirche und Gesellschaft". Der Ausschuss schöpft Hoffnung. Die Mitarbeitenden bleiben aber nicht dabei stehen die Finger in die wunden Punkte der Schöpfung zu legen, sondern sie im Licht der Liebe Gottes zu sehen, zu selbstständiger Auseinandersetzung anzuregen und für Veränderung einzustehen. 

Im vergehenden Jahr fokussierte sich die Schwerpunktarbeit auf die Schöpfung und das damit verbundene Engagement gegen den Klimawandel, auf eine persönlich angeregte Debatte mit Handlungsimpulsen in Bezug auf systemisch verankerten Rassismus und auf die konkreten Unterstützung von Menschenwürde und Umweltschutz in der Konzernverantwortungsinitiative. Ob Engagement sichtbar von Erfolg gekrönt, - oder wichtig, weil richtig, - bleibt in manchem Ungewiss.

Kirche und Gesellschaft lädt aber dazu ein, dass wir als Kirche auch im Jahr 2021 die Hoffnungskelle nicht aus der Hand geben, sondern mutig damit schöpfen.

Ein Beitrag für "Kirche und Welt", 12/2020

Mittwoch, 3. Juni 2020

Solidarität in Zeiten von Corona und auch sonst

Connexio-Grafik
Von Connexio, dem Hilfswerk der EMK Schweiz-Frankreich
gibt es diese Grafik, welche eindrücklich Solidarität darstellt.
Ich höre immer wieder, wir sollen jetzt solidarisch sein. Ich darf also nicht nur an mich denken, sondern ich muss vor allem an meine Mitmenschen denken. Das würde bedeuten, dass ich mich füge und nicht nur die Verordnungen und Empfehlungen befolge, sondern noch mehr: Ich mache nichts, was jemand anderes vielleicht nicht machen könnte: mich frei bewegen, weil ich gesund bin, einkaufen oder in den Ferien gehen, weil ich Geld habe, zusammen musizieren, weil mein Geist danach dürstet.

Ich höre es und stimme zu, denn ich will mitmenschlich sein. Das hat einen grossen Wert. Und doch frage ich mich, was es bedeutet, solidarisch zu sein? Was bedeutet es jetzt, während des Lockdowns, aber auch an jedem Tag, an dem kein Lockdown ausgerufen ist, z. B. wegen der weltweiten Armut (Ist das keine Pandemie?) oder dem Flüchtlingssterben am Mittelmeer und in Zentralamerika? Was bedeutet Solidarität, wenn ich lebe, mich bewege und gesund bin, während andere Menschen am Sterbebett die Wache halten, wenn ich esse und trinke, während Millionen von Kindern ständig der Hunger und Durst quälen. Was bedeutet Solidarität, wenn ich Gottesdienst feiere und eine andere Person lieber joggen geht oder bettlägerig zu Hause bleibt?

Im Duden finde ich diese Synonyme zum Wort «Solidarität»:

  • Affinität, Bindung, Einigkeit, Einmütigkeit, Geistesverwandtschaft, geistiges Band, Gemeinsamkeit, Gemeinschaft, Gemeinschaftsgefühl, Geschlossenheit, Gleichgesinntheit, Miteinander, Partnerschaft, Sympathie, Teamgedanke, Übereinstimmung, Verbundenheit, [Wesens]verwandtschaft, Wirgefühl, Zusammengehörigkeit, Zusammenhalt; (gehoben) Einklang; (bildungssprachlich) Konsens
  • Gerechtigkeit, Kameradschaftlichkeit, Kollegialität

Ich bin nicht überzeugt, dass Solidarität bedeutet, dass ich nur das mache und machen darf, was mein Nachbar auch macht und machen darf. Ich bin nicht überzeugt, dass es solidarisch ist, keinen Gottesdienst zu feiern, weil andere Personen dem Gottesdienst fern bleiben (aus Bequemlichkeit, aus Schwäche oder, wie in diesen Wochen, aus Angst).

Bestünde Solidarität mit denen, die nicht kommen können oder wollen, nicht gerade darin, das Beten und den Lobpreis aufrechtzuhalten? Sind wir nicht gerade als Menschen, die von der Auferstehung Christi her und auf unsere Auferstehung hin leben, dazu berufen, wirklich so lebendig zu sein, wie wir es nur können? Müssen wir nicht im Namen des Auferstandenen, der zur Rechten Gottes sitzt, das Leben beanspruchen – umso mehr, wenn andere Menschen selber nicht dazu imstande sind?

Wäre es nicht vielleicht solidarisch, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Handlungsmöglichkeiten zu entdecken und zu erweitern, zu erkennen, was sie brauchen und Möglichkeiten zu finden, dies zu erreichen? Auch wenn sie nicht in den Gottesdienst kommen. Auch wenn sie sich nicht zu anderen Menschen getrauen.

Ich bin nicht solidarisch mit den Flüchtlingen am Mittelmeer, wenn ich mich auch auf die Flucht mache. Bin ich es vielleicht, wenn ich mich für mehr Gerechtigkeit einsetze: wenn ich Menschen vor Ort, die helfen und versuchen Leben zu retten, unterstütze oder wenn ich protestiere, weil diese Helfenden und Rettenden rechtlich verfolgt werden?

Ich bin nicht solidarisch mit denen, die nicht gehen und leben wie ich, wenn ich aufhöre zu gehen und zu leben, wie ich kann. Aber vielleicht wohl, wenn ich meinen Gang und meine Lebensmöglichkeiten so einrichte, dass ich Menschen einlade, mitzukommen und dadurch wieder ihre Lebendigkeit spüren?

Ich will nicht nur solidarisch sein mit denen, die, ob berechtigt oder nur eingeschüchtert, Angst haben, sondern auch mit denen, die leiden, weil ihre Grundrechte wieder und weiter eingeschränkt und verletzt werden. Ich will nicht nur solidarisch sein mit der Nachbarschaft vor Ort, sondern auch mit unseren globalen Nachbarn in anderen Ländern und Kontinenten.

Ich will mit denen solidarisch sein, die ihr Wissen kundtun, auch wenn sie dafür missachtet und verleumdet werden, indem ich ihnen zuhöre. Ich will mit denen solidarisch sein, die andere Ansichten wagen und mit ihnen entdecke, was aus ihrer Perspektive zu sehen ist.

Ich will so handeln, weil ich dazu berufen bin, hinter dem her, der sich mit allen Menschen solidarisch gemacht hat, der lebt und regiert.