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Freitag, 2. Oktober 2020

Religionen und die Frage nach der Vorherrschaft

Ein Gedanke

Ring mit Appenzeller Motiven
Foto © Jörg Niederer
"Es ist nur eine Religion, aber es kann vielerlei Arten des Glaubens geben."
Immanuel Kant

Ein Bibelvers - 2. Samuel 12,1-7.9

"Und Natan kam zu David und sprach zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine war reich, und der andere war arm. Der Reiche besass Schafe und Rinder in grosser Zahl, der Arme aber besass nichts ausser einem einzigen kleinen Lamm... Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann, und diesen reute es, eines von seinen eigenen Schafen oder Rindern zu nehmen, um es für den Reisenden zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Und so nahm er das Lamm des armen Mannes... Da entbrannte der Zorn Davids heftig über den Mann, und er sprach zu Natan: So wahr der Herr lebt: Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes! ... Natan aber sprach zu David: Du bist der Mann! ... Urija, den Hetiter, hast du mit dem Schwert erschlagen, und seine Frau hast du dir zur Frau genommen..."

Eine Anregung

In diesen Tagen hat Finn Nina Hasler den diesjährigen Basler Theologiepreis für herausragende Maturaarbeiten gewonnen. Der Titel der Arbeit: "Drei Ringe – Drei Religionen: Entstehung und Wandel der Ringparabel". Die Arbeit kann unter https://theologie.unibas.ch/en/faculty/news-503/details/news/drei-ringe-drei-religionen-entstehung-und-wandel-der-ringparabel/ heruntergeladen werden.

Beim Überfliegen der Arbeit habe ich in kürzester Zeit Neues gelernt über die verschiedenen Varianten der Ringparabel. Einen kleinen Ausschnitt aus der Arbeit gebe ich hier wieder von einer jüdischen Version dieser für Toleranz zwischen den Religionen und Anschauungen werbenden Geschichte. In der Schebet Jehuda, geschrieben von Salomo ben Verga (1460-1554) findet sich die folgende Version: "König Don Pedro der Ältere von Aragonien stellt einem Juden die Frage, welche Religion die bessere sei, die christliche oder die jüdische. Nach einer Bedenkzeit von drei Tagen kommt der Jude verärgert zurück und erklärt dem König die Ursache seines Ärgers. Vor einem Monat sei sein Nachbar verreist und habe seinen zwei Söhnen je einen Edelstein hinterlassen. Die Söhne hätten daraufhin ihn, den Juden, aufgesucht, um ihn zu den Besonderheiten der Edelsteine zu befragen. Er habe darauf geantwortet, ihr Vater könne dies am besten tun, da er Juwelier sei. Daraufhin hätten sie ihn beleidigt und geschlagen. Der König wendet ein, dass die Brüder nicht richtig gehandelt hätten und dass sie dafür bestraft werden müssten."

In dieser Version gelingt es dem Juden, auf geschickte Weise ein Dilemma zu umschiffen. Einerseits wäre es gefährlich gewesen, gegenüber dem christlichen König die jüdische Religion als die bessere zu bezeichnen. Andererseits wäre es für den Juden demütigend gewesen, zuzugeben, dass die christliche Religion die bessere sei. Also gibt er die Frage  wieder an den König zurück, indem er deutlich macht, dass Gott, der höchste Juwelier, allein diese Frage nach der Qualität der Religion beantworten könne.

Zugleich beton er, dass der König gar nicht berechtig gewesen sei, diese Frage ihm, dem Juden zu stellen, und der König bestätigt dies indirekt mit seinem Tadel der beiden gewalttätigen Söhne.

Wirklich eine lesenswerte Arbeit. Finn Nina Hasler hat damit ganze Arbeit geleistet und für Toleranz geworben.


Jörg Niederer ist Mitglied  im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich-Nordafrika

Freitag, 11. September 2020

Toleranz oder Verfolgung - Was beflügelt den Glauben mehr?

Ein Gedanke

Blick von Burg Crest auf die gleichnamige französische Stadt
Foto © Jörg Niederer

Es ist die Toleranz, die dem Glauben zu schaffen macht, nicht die Verfolgung. Was nicht verteidigt werden muss, verliert an Anziehungskraft.

Ein Bibelvers - 2. Korinther 12,10

Paulus: "Darum freue ich mich über alle Schwachheit, über Misshandlung, Not, Verfolgung und Bedrängnis, um Christi willen. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark."

Eine Anregung

Robert Louis Stevenson denkt in seinem Bericht "Reise mit dem Esel durch die Cévennen" (Moers 2017, 3. Auflage, Seite 116) nach über die Glaubenskriege, die in den Cévennen 170 Jahre früher zwischen Katholiken und Protestanten tobten, und kommt zu einem interessanten Schluss: "Ich dachte mit einem Lächeln an den Intendanten de Bâville (der katholische königliche Oberaufseher des Languedoc) und seine Dragoner und wie man ein Jahrhundert lang eine Religion (die ansässigen Protestanten) rücksichtlos zertrampeln kann, um sie gerade wegen der Misshandlungen um so erstärkter fortleben zu sehen. Irland ist noch immer katholisch, die Cévennen noch immer protestantisch. Weder Verordnungen körbeweise noch die Hufe und Pistolenknäufe eines Reiterregiments können eines Ackermanns Ansichten auch nur ein Tüttelchen ändern. Im Freien lebende Landleute, haben nicht viele Ideen, aber wenn sie welche haben, dann sind das widerstandsfähige Pflanzen, die unter der Verfolgung prächtig gedeihen."

Auf dem Foto sieht man von der Burg Crest auf die gleichnamige französische Stadt (Département Drôme) hinunter. Im mit 52 Metern höchsten Burgturm Frankreichs waren viele Hugenotten in der Zeit der Verfolgung (1685 - ca. 1760) eingekerkert.

Wen Verfolgung die Glaubensansichten verfestigt, was geschieht dann mit dem Glauben in einer liberalen Gesellschaft?


Am kommenden Sonntag geht es in der Predigt um die royale Bildsprache in der Anbetung Gottes. Was bedeutet es, wenn Gott und Jesus als König der Könige und Herr der Herren bezeichnet werden? Die Predigt kann ab 10.30 Uhr via Youtube verfolgt werden unter: https://youtu.be/ejk0bqMowXY