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Montag, 18. März 2024

Konstruktive Finanzierungsvorschläge sind fällig

 Ist dieses Parlament fähig zu konstruktiven Lösungen? Ein wesentliches Argument, um die 13. AHV-Rente anzunehmen, war in meinen Augen, dass das Parlament es nicht schaffte – oder gar nicht für nötig hielt – dem Stimmvolk einen griffigen Gegenvorschlag vorzulegen. Ein guter Vorschlag, die untersten Renten anzuheben, wäre wohl mehrheitsfähig gewesen. Nun: Vertreter der verschiedenen Parteien, rauft euch endlich zusammen! Findet für die Finanzierung eine Lösung für die nun breit angenommene Rentenerhöhung, die nicht via Mehrwertsteuererhöhung wieder die untersten Einkommen am stärksten belastet oder via Lohnprozente den Mittelstand! Realisiert bitte auch für die Schweiz eine Transaktionssteuer! Sie funktioniert bereits heute in etlichen europäischen Staaten.

Ernst Hug

Dampf machen für Lösungen

 Wie in der Presse berichtet, hat eine Schweizer Firma eine Technik realisiert, welche CO2 in neu hergestelltem Beton bindet. Notabene in wiederverwertetem Abbruchbeton. Das Verfahren ist erprobt, nun muss es im grossen Stil angewendet werden. Ein bisschen Nachdruck von der Politik hilft. Die Stadt Zürich hat bestimmt, dass in Neubauten nur noch solcher CO2-angereichterter Abbruchbeton verbaut werden darf. Bravo! Wann ziehen die Kantone (oder noch besser der Bund) nach?

Apropos: Wie wäre es, künftig nur noch die Fundierung zu betonieren, CO2-verbessert versteht sich, und den Aufbau neuer Gebäude weitestgehend mit Holz aus eigenen Wäldern zu gestalten?

Ernst Hug

Schall und Rauch im Ständerat

 Der Ständerat weigert sich, ein C02-Reduktionsziel festzulegen. Seine Mitglieder wollen keine verbindlichen Ziele definieren. Das wäre jedoch dringend gefordert. Nun leistet sich der Rat noch eine scheinbare «Budget»-Lösung bei konkreten Umsetzungen: Er will CO2 im Ausland kompensieren. Zu diesem Zweck subventioniert er Elektro-Busse in Thailand. Diese wären zwar auch ohne Schweizer Hilfe angeschafft worden. Die Räte scheinen mehrheitlich der Meinung zu sein, sich auf eine billige Weise ein weisses CO2-Mäntelchen umlegen zu können. – Nicht mit uns: Wir protestieren gegen diesen Ablasshandel! Als Alternative stünde die sukzessive Umstellung der Postautos auf elektrische Fahrzeuge an. (Dieselben Leute sind doch sonst immer dafür, kein «unnötiges Geld» im Ausland zu investieren?!)

Ernst Hug

Montag, 5. Juni 2023

Wandlung

So ein schönes Predigtthema: Cantate – lobet Gott! So heisst der 4. Sonntag nach Ostern in der Kirche. Und im vorgeschlagenen Text geht es um die Berufung des Hirten David an den Königshof von Saul. David soll mit seiner Musik das niedergedrückte Gemüt des Königs erhellen. Ich sehe schon einen wunderbaren Zielgedanken: Eine Saite in jemandem zum Klingen bringen. Möchte mich in die heilsame Kraft der Musik vertiefen. 

Doch da steht in meiner Bibel als Ursache für die depressive Verstimmtheit, dass Gott den Saul verworfen habe. Weil er Gottes strenges Gericht, den Bann, nicht gnadenlos am ganzen feindlichen Volk inklusive König und Vieh vollzog. Die Sonntagsidylle ist dahin. Unerbittlich ruft der Prophet Samuel zum Gehorsam auf (1. Sam 15 und 16). Ein paar Jahrhunderte später beschreibt Jesus in derselben Bibel seinen Auftrag ganz anders. Gleich zweimal zitiert Matthäus diese Aussage: Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! (Mt 9,13 und ähnlich 12,7!) 

Vom Kriegsgott zum barmherzigen Vater! Oder sind es nicht eher die Empfänger seiner Weisungen, die ihn anders gehört und von ihm gesprochen haben? Diese Wandlung könnte so manches unter uns tatsächlich verändern! Doch noch eine heilsame Musik?

Ernst Hug

Sonntag, 28. Mai 2023

Kriegskosten

In den US-amerikanischen Medien läuft im Moment eine Geschichte, die ich
hier in Europa sehr vermisse. An der renommierten Brown University
untersucht ein Institut die Kosten des von den USA angeführten "Krieges
gegen Terror" (WATSON INSTITUTE FOR INTERNATIONAL AND PUBLIC
AFFAIRS, Brown University;
https://watson.brown.edu/costsofwar/papers/summary)
Einige Ergebnisse:

  • Mindestens 929,000 Menschen sind direkt durch kriegerische Gewalt von allen Konfliktseiten gestorben, unter anderem Zivilisten und Journalisten.
  • Noch viel mehr Menschen sind durch die Folgen dieser Kriege gestorben, wie Unterernährung, beschädigte Infrastruktur und Umweltschäden.
  • 38 Millionen Menschen wurden in den Kriegen nach 9/11 in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Libyen, Yemen, Somalia und den Philippinen zu Flüchtlingen.
  • Diese Kriege haben merklich zum Klimawandel beigetragen, da das US-amerikanische Verteidigungsministerium zu den weltgrössten Verursachern von Treibhausgasen zählt.
  • Die Kriege werden begleitet vom Zerfall von Bürgerrechten und -freiheiten und Menschenrechten, sowohl in den USA wie in anderen Weltregionen.

Diese Liste ist keine Überraschung. Denn diese Folgen von Kriegen sind schon
lange bekannt. Die Studie drückt nur in konkreten Zahlen aus, was zu erwarten
ist. Sie zählen auch noch nicht was der Einsatz von abgereicherten Uranwaffen
hinterlässt.
Verwunderlich ist, wie diese und ähnliche Studien und Darstellungen in fast
allen europäischen Leitmedien ignoriert werden. (Ich habe zumindest keinen
Hinweis darauf entdecken können.) Scheinbar gilt noch immer die ganz
unrealistische Einschätzung, Menschen mit Kriegen zu Freiheit und Leben
führen zu wollen.
Ich hoffe sehr, dass zumindest Christinnen und Christen sich bewegen lassen,
realistisch und faktenbasiert über die angeblichen Versprechen von Kriegen
und ihre tatsächliche Wirkung zu denken und sich zu engagieren. Das könnte,
im Namen Jesu Christi und um Gottes Willen, nur bedeuten, sich dafür
einzusetzen, jeden Krieg baldmöglichst zu Ende zu bringen.

Marietjie Odendaal

Sonntag, 14. Mai 2023

Religion und Sicherheit

In der Gesellschaft ist zunehmend ein Gefühl der Unsicherheit zu spüren, sei es aufgrund von Gesundheitsbedenken im Zusammenhang mit der Pandemie, der geopolitischen Unsicherheit nach der Invasion in der Ukraine oder der Sorge um die finanzielle Stabilität nach der CS-Pleite. 

Interessanterweise besagt eine soziologische, wenn auch umstrittene Ausgangsthese, dass Religiosität negativ mit sozialer Sicherheit korreliert. Als historisches Beispiel wird angeführt, dass z.B. die Entdeckung von Keimen und Antibiotika dazu führte, dass Krankheit als ein lösbares Problem angesehen wurde. 

Die Erfahrung von einer zunehmend garantierten Sicherheit würde demnach die Bedeutung religiöser Fragen zurückdrängen. Umgekehrt liesse sich folgern, dass es aber gerade in unsicheren Zeiten das Bedürfnis nach Orientierung, Zugehörigkeit und Krisenbewältigung wieder zunimmt. 

Dieses wird heute vielleicht nicht mehr ausschliesslich religiös aufgefangen, dennoch hat gerade die Kirche in ihrer Botschaft und Praxis dafür eine Kompetenz und Entsprechung, die sie gerade jetzt in Zeiten der Unsicherheit aktiv wahrnehmen sollte.

Milan Weller

Mittwoch, 18. Januar 2023

Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Sozialethische Arbeitsgruppe der evangelisch-methodistischen Kirche in Solothurn

Martin Roth, Loretostrasse 25, 4500 Solothurn



Frau

Bundesrätin K. Keller-Sutter

Bundeshaus West 

3003 Bern


Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Vielen Dank für Ihren grossen Einsatz rund um die schwierigen Fragen der Flüchtlinge. Ganz besonders freut uns, wie schnell sie den Status ‘S’ für die Flüchtenden aus der Ukraine in Kraft gesetzt haben. So fanden die Frauen und Männer schnell einen Ort, der ihnen Schutz bot. Dass Sie mitverantwortlich waren dafür, dass der Bundesrat diesen Schutzstatus jetzt um ein Jahr verlängert hat, freut bestimmt nicht nur die Geflüchteten, sondern auch uns. Nochmals vielen Dank.

Allerdings sind die Menschen aus der Ukraine nicht die Einzigen, die sich vor Krieg und Verfolgung fürchten und deshalb flüchten. Die Medien berichten fast täglich über Demonstrationen und Repressionen in verschiedenen Ländern der Welt. Und viele Menschen, gerade auch Frauen, flüchten, weil sie befürchten müssen, verfolgt, verhaftet oder gar getötet zu werden. Wäre die sichere Schweiz für solche Menschen nicht ein Ort, der ihnen Schutz bieten könnte?

Dazu schaffte die Schweiz das ’humanitäre Visum’. Nun hat am 17. 11. 2022 die Sendung ‘Rendez-vous am Mittag über das humanitäre Visum berichtet: «Das humanitäre Visum soll Verfolgten den Zugang zur sicheren Schweiz ermöglichen. Jetzt zeigen aktuelle Zahlen: Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und den Protesten in Iran ist es fast bedeutungslos». Die Hürden, ein solches Visum zu erhalten sind laut diesem Bericht viel zu hoch. Es scheint, dass viele Betroffene es aus Angst vor Ablehnung gar nicht erst versuchen, ein solches Visum zu beantragen. 

Uns scheint diese abwehrende, ängstliche Haltung der humanitären Tradition der Schweiz unwürdig. Zudem ist diese Haltung der Schweiz sehr diskriminierend und ungerecht. Was unterscheidet denn die Schutzsuchenden aus der Ukraine von jenen aus dem Iran, Afghanistan oder anderen Ländern? Wir bitten Sie daher sehr, allen gefährdeten Menschen den Zugang zum Schutz in der Schweiz zu ermöglichen. Bitte zeigen Sie gegenüber den Flüchtenden aus dem Iran, Afghanistan oder Eritrea die gleiche Offenheit und den gleichen Mut, ihnen Schutz zu bieten, wie jenen aus der Ukraine.

Freundlich grüssen Sie


Kirche in einem dynamischen Umfeld

In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird gesamtschweizerisch von einem Bedeutungsrückgang von Religion ausgegangen. Neuste Studien erklären dies insbesondere mit einer Säkularisierung via Kohorten. Religiosität wird demnach in der Schweiz immer weniger von einer Generation zur nächsten weitergegeben (Religionstrends in der Schweiz, 2022). Dieser Trend zeigt sich vor allem bei den beiden Landeskirchen in der Schweiz, wo die katholische Kirche ihren Mitgliederrückgang (aktuell noch) durch Personen mit Migrationshintergrund (hauptsächlich Italien, Portugal, Spanien und Kroatien) etwas ausgleichen kann (Rückgang von 46.7% 1970 auf 33.8% in 2020), wohingegen er bei der evangelisch-reformierten Kirche deutlicher ausfällt (Rückgang von 48.8% 1970 auf 21.8% in 2020). Abgesondert davon hat sich in der Schweiz ein freikirchliches Milieu (ca. 1.5-2.5% der Schweizer Bevölkerung) etabliert, wo die Säkularisierung weniger stark zu wirken scheint. In diesem Sozialmilieu ist jedoch ein gewisser interner Wettbewerb erkennbar.

Für die EMK sind diese gesellschaftlichen Gegebenheiten auch hinsichtlich einer generellen Identitätsfrage von zentraler Bedeutung. Es muss vermutlich entlang der Frage einer gewissen Anpassung (zugunsten der sozialen Identität Religion) oder einer stärkeren Abgrenzung nach Aussen (zugunsten einer Stützung der eigenen religiösen Identität) verhandelt werden. Diese Unterscheidung ist auch für einen Strategieprozesses zur Mitgliedergewinnung dahingehend relevant, wenn man sich überlegt, welche Personen dieser beiden gesellschaftlichen Gruppen man wie am besten erreichen kann oder möchte. Einerseits bietet ein Fokus auf das freikirchliche Milieu den Vorteil, dass dort bereits eine konsistente Nachfrage für Religiosität existiert, da dort die Säkularisierung gemäss aktueller Forschung weniger stark wirkt. So könnte man von dort Mitglieder*innen gewinnen, falls man in Konkurrenz mit anderen Freikirchen tritt. Dies schafft man vor allem, indem man auf lokaler Ebene durch individuelle religiöse Angebote überzeugt und damit besser als andere Institutionen die religiösen Bedürfnisse dieser Anspruchsgruppe befriedigt und diese dabei auch gezielt anspricht und einlädt. Dies könnte jedoch als Nullsummenspiel aufgefasst werden, da gesamtschweizerisch dadurch die Anzahl an Christen nicht vergrössert, sondern nur einige «Player im religiösen freikirchlichen Markt» erfolgreicher oder weniger erfolgreicher agieren. Möchte man Personen aus der säkularen Welt (Anspruchsgruppe: ehemalige Reformiert, junge Menschen ohne Religionszugehörigkeit, etc.) erreichen, geht es vor allem darum, dass die Einstiegshürden in den Gemeinden bei diesen Personen nicht zu hoch gesetzt werden, indem beispielsweise bereits erwartet wird, dass man in seinem Glauben gefestigt sein muss oder regelmässige religiöse Praxis betreibt. Es müsste sich eher um einen Schritt für Schritt Prozess (Nudging) handeln. Insgesamt bietet die Unterscheidung zwischen diesen beiden Anspruchsgruppen den Vorteil, dass man die Bedürfnisse der jeweiligen potenziellen Mitglieder gezielter erreichen kann. Eine fehlende Differenzierung birgt zudem die Gefahr einer möglichen Irritation, da unterschiedliche Erwartungen innerhalb der Kirche aufeinandertreffen und keine klare Position besteht (Stuck in the Middle Problematik). 

Konkret stellt sich also die Frage, ob die EMK den Fokus daraufsetzen möchte, brückenbauend in die säkulare Welt hinein zu agieren, oder eher versuchen möchte, im religiösen freikirchlichen Markt mit anderen freikirchlichen Akteure zu konkurrieren und dort durch individuelle religiöse Angebote zu überzeugen. Eine bewusste Differenzierung dieser Anspruchsgruppen ist zentral und wirft wichtige weiterführende Fragen auf, die wir in unserer Kirche bearbeiten sollten.

Milan Weller

Freitag, 4. November 2022

Habt ihr schon von Gertrud Woker gehört?

 Habt ihr schon von Gertrud Woker gehört?
Ich habe vor kurzem in einem besonderen Dokumentarfilm zum ersten Mal von
ihr erfahren. Eine eindrückliche Person muss sie gewesen sein. Eine
bahnbrechende Wissenschaftlerin. Eine Frau, die sich klar und deutlich für
Frieden eingesetzt hat.
Und doch eine Person, die von ihrem Umfeld als komisch, verrückt,
lebensuntauglich bis gefährlich eingestuft wurde. Verleumdet und missachtet,
machte sie ohne aufgeben weiter.
Wie ist das möglich? Wie konnte so etwas nur passieren?
Und wenn ich dieser berührende und teils auch bedrückende Film anschaue,
merke ich, wie auch heute Ähnliches möglich bleibt und geschieht.
Ich empfehle ganz herzlich selber zu schauen.
https://www.youtube.com/watch?v=ys4yMosacqA&list=PLpNi0Wmi7L823WvEk
tvkX1xT-fSxBJkE8&index=23


Marietjie Odendaal

Einseitig?

Uns im Konfliktfall auf Frieden auszurichten, bedeutet eine andere Seite oder eine andere Perspektive anzuerkennen, weil auch auf der anderen Seite gültige Interessen vorhanden sind.

Dazu müssen wir die andere Seite anhören. Dies zu tun, schliesst keineswegs aus, parteiisch zu sein. Doch eine Seite zu wählen, ohne beide Seiten im Blick zu haben, lässt uns zu kurz greifen. Zu meinen, ich verstehe einen Konflikt, ohne mich, mein Verhalten und mein Wirken anzuschauen, ist eine Fehleinschätzung.

Vielleicht darum sagt Jesus in seiner grossen Friedensanleitung, "Entferne erst den Balken aus dem eigenen Auge. Dann wirst du besser sehen, das Körnchen aus dem Auge deines Gegenübers zu nehmen."

Wie Eltern lernen nachzufragen, wenn die Kinder weinend über das Missverhalten von anderen berichten, "Und was hast du gemacht und gesagt?", müssen wir vorsichtig und sorgfältig schauen und einfordern, dass wir mehr als eine Seite präsentiert bekommen. Es ist oft am schwersten, sich selber im Ganzen wahrzunehmen. Dafür brauchen wir Rückmeldungen von anderen Menschen, sogar von der Gegenpartei.

Jesus will uns nicht einschüchtern, als ob wir immer Balken bei uns wittern sollten. Er erkennt jedoch, dass ein dauernder, lebensfördernder Frieden nie einseitig geschlossen wird.

Sind wir als Nachfolgende Jesu es nicht die Welt schuldig, das zu lernen und zu leben?

Marietjie Odendaal, Kirche und Gesellschaft

Samstag, 20. August 2022

Traumhaft

Normalerweise träume ich nicht sehr viel. Zumindest erinnere ich mich, sobald ich aufgewacht bin, meist nicht mehr an meine Träume. Vor kurzem erlebte ich es aber ganz anders. Ich durchlebte während eines Traums viele sehr lebendige und klare Situationen, welche mir eindrücklich in Erinnerung geblieben sind. Einige Situationen im Traum erlebte ich als sehr beängstigend, aber mitten in alledem geschah mir eine Traumsequenz, die unglaublich war, kurz, aber sehr intensiv und betörend schön. Ich flog wie ein Vogel durch die Lüfte über eine vielfältige und schöne Natur mit Bergen und Flüssen und alles war sehr grün. 

Diese Traumerfahrung kann ich für mich sehr gut mit dem hebräischen Wort Schalom verbinden. «Schalom» bringt etwas in mir zum Klingen, ähnlich wie mein Traum. «Schalom» bedeutet nicht einfach nur Friede. «Schalom ist mehr als Friede, es ist Zufriedenheit – Zu-Frieden-heit. Nicht der Zustand, sondern der Weg dahin.» 

Vielleicht waren die vielen Beschäftigungen über die Kriege und Krisen dieser Welt und die grossen und kleinen Unversöhnlichkeiten der Auslöser dieses schönen Traumes. 

Ich wünsche mir aber, dass ich mich nicht nur an den Schalom-Erfahrungen von Träumen erfreue, sondern dass gerade unsere Kirchen und Religionen unterwegs sind zu diesem Schalom. 

Indem wir Ort schaffen und bewahren, wo alle willkommen sind, unabhängig von Religion, Ethnie, Geschlecht und Besitz. 

Dass hier gerne geteilt wird mit denen, die weniger haben. Wissend, dass wir alle Beschenkte sind.

Ich wünsche mir, dass in den grossen und kleinen Meinungsverschiedenheiten unserer Tage Polarisierung überwunden wird und nach guten und gangbaren Kompromissen gesucht wird. Ich wünsche mir, dass bei uns in unseren Kirchen und Häusern erzählt wird von diesem  Schalom.

Markus Nagel


Samstag, 7. Mai 2022

Gedanken zur Frontex-Abstimmung

Wenn ich an die Abstimmung vom 15. Mai über die Beteilung an Frontex denke, kommen mir mehrere Erinnerungen.

Das ist zuerst einmal der Film „Der „Marsch“ aus den Jahr 1990. Ich weiss nicht mehr vieles von diesem Film, den ich damals gesehen habe. Tausende von Afrikanern versuchten verzweifelt nach Europa zu gelangen. Aufgrund der Klimaerwärmung waren weite Teile von Afrika unbewohnbar geworden. Der Marsch ging über die ausgetrockneten Ozeane. Zum Schluss standen die Marschierenden den Grenzwächtern mit gezogenen Waffen gegenüber. Ich meine, der Film endete damit. Dieses Bild hat sich in meine Erinnerung eingebrannt.

Im Jahr 2002 haben meine Frau und ich Ferien in Andalusien gemacht. Eine Station unsere Ferien war die malerische Küstenstadt Tarifa, an der Costa de la Luz gelegen. Der südlichste Punkt Spaniens und des europäischen Festlandes ist nur 14 Kilometer vom afrikanischen Kontinent entfernt. Von den historischen Hafenanlagen hat man bei klarem Wetter einen guten Blick nach Afrika hinüber. Auf einmal erklang die Sirene. Es seien Flüchtlinge auf dem Meer vor Tarifa aufgegriffen worden, meinte ein Reiseführer auf unsere Frage nach der Sirene. Ungefähr 500 Flüchtlinge wären das ungefähr, pro Woche, wusste er weiter. Dabei sei das Meer hier an der Meerenge äusserst wild und unberechenbar. Wir haben dann die ungefähr zwanzig Männer, welche gestrandet sind, gesehen. Sie waren trotz der Wärme in Handtücher gehüllt und wurden zu fensterlosen Containern geleitet.

Dass Tarifa heute wegen seiner starken Winde als Paradies für Kidesurfer gilt, zeigt die grossen Gefahren, denen sich die Menschen aussetzen, bei ihrer Flucht über das Mittelmeer hier vor Tarifa. Unzählige sterben im Mittelmeer, beim Versuch ins sichere und reiche Europa zu gelangen.

Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise habe ich im deutschen Fernsehen eine Talkshow mit Günter Jauch gesehen. Eine Frau erzählte von ihren Erfahrungen in einem Schlepperboot, unterwegs im östlichen Mittelmeer. Sie sass an Deck eines kleinen Bootes mit ihren beiden Kindern im Arm. Es herrschte Sturm mit grossen Wellen. Sie meinte, dass sie sie panische Angst hatte und sie nicht wusste, nach jeder Welle, ob ihre beiden Kinder nicht von Bord geflogen wären. Der Moderator fragte, wie sie ihre Kinder in so eine grosse Gefahr bringen konnte. Die Frau schaute den Moderator an und fragte ihn, was sie angesichts der fehlenden Perspektive für eine Wahl hätte. Der Moderator und alle Talkgäste waren irgendwie sprachlos und ich auch.

Für mich ist Frontex ein wichtiges Instrument zur Abschottung Europas. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Festung Europa. Trotz der immer höheren Hürde und grossen Gefahren, lassen sich viele Menschen angesichts ihrer Perspektivlosigkeit nicht von ihrer Flucht über das Mittelmeer abhalten.

Mit der stärkeren Unterstützung von Frontex, wie es gefordert wird, würden wir uns viel stärker beteiligen am Ausbau der Festung Europa. Und das kann nicht der richtige Weg sein.

Markus Nagel

Mittwoch, 6. April 2022

Das soziale Kapital der Kirche

 In Zeiten der aktuellen Ungewissheit können gerade die Kirchen eine Ressource für die Gesellschaft stellen. Ihre etablierten Netzwerkstrukturen schaffen zivilgesellschaftliches Potential, schnell und effektiv zu unterstützen, wie dies momentan für die Ukraine getan wird: (https://emk-schweiz.ch/ukraine/). 

Auch hat die Kirche aufgrund ihrer Werte eine spezielle Kompetenz für Anteilnahme und Versöhnung, durch die sie einen Beitrag zum Frieden durch Dialog leisten kann. Ihre ethischen Bestandteile und religiösen Überzeugungen hinsichtlich der Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwachen und der Sorge für die Mitmenschen können gerade durch ihre transzendente Verwurzelung besonders zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen. 

Demnach ist es naheliegend, sich als Gesellschaft das besondere Potenzial der Kirche zu Nutze zu machen und deren Initiativen zu unterstützen. 

So gibt es beispielsweise viele Möglichkeiten, momentan in der Ukraine zu helfen, sei es durch einen offenen Dialog, Gebet (https://nx5186.your-storageshare.de/s/Xi3bd7QZbJATkHz), Spenden (https://connexio-develop.ch/index.php/raisenow/) oder private Unterbringungen (https://kirchen-helfen.ch/).

Milan Weller

Sonntag, 20. März 2022

'S ist Krieg

 Ich überlege hin und her, was ich Schlaues zum Krieg in der Ukraine schreiben kann. Es wird vieles gesagt, geschrieben in den Medien, Kluges, weniger Kluges, Erhellendes, Dummes und Schlimmes. Nach all meiner Beschäftigung mit diesen Informationen bleibt stattdessen bei mir die Hilflosigkeit zurück.

Es gibt Krieg, nah bei uns in Europa und ich dachte sogenannt konventionell Krieg führen, sei keine zu praktizierende Konfliktlösung.

Mich schreckt, dass der Krieg, weil nahe und von den Medien «bespielt wird», bei uns in aller Munde ist, wie wenn es auf der Welt, in letzter Zeit, keine Kriege gegeben hätte. Die Ukraine-Hilfeaktionen, die überall gestartet werden, zeigen das eindrücklich. Wo war die Zivilgesellschaft bei den vergangenen Kriegen frage ich mich?

Mich schreckt auch das «Säbelgerassel» allerorts. Nachdem von der Coronakrise vor allem die grossen IT-Firmen und die Pharmaindustrie profitiert haben, sehen jetzt wohl Rüstungsfirmen ihre Zeit des Profitierens gekommen.

Mich schreckt es, dass das «Säbelgerassel» auf grosse Zustimmung stösst, wenn Waffen an eine Kriegspartei geliefert werden. Was bis vor kurzem ein absolutes Tabu war, scheint ein Gebot der Stunde. Rüstungsexporte in Kriegsgebiete wird gefordert und gleich auch umgesetzt. Obwohl klar ist, dass mit mehr Rüstung nicht für den Frieden gearbeitet wird.

Mich schreckt auch, wie im Zuge der Sanktionen gegen Russland, ein Hass auf alles Russische aufkommt, manche sagen sogar, dass der Hass geschürt wird. So wurden zB. russische Prominente, wie Waleri Gergijew, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker entlassen, weil er sich nicht "eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine distanziert hat".

Mich schreckt, dass in unserer globalisierten Welt viele so miteinander verknüpft, ja verwirrt, dass gesagt werden kann, dass unser Gasbedarf in der Schweiz mithilft, Putins Krieg zu finanzieren.

Ich wünsche mir, dass wieder miteinander gesprochen wird, einander zugehört und Kompromisse erarbeitet werden.

Das klingt furchtbar banal und naiv, ich weiss. Aber nur so kann man zurück zum Frieden finden.

Das folgende Gedicht von Matthias Claudius entstammt aus einer längst vergangenen Zeit. Claudius schrieb es im Jahr 1778. Aber es bringt den Schrecken des Kriegs, sei es in der Ukraine, in Syrien, im Jemen, in Afghanistan und an den vielen anderen Orten, und unsere eigene Betroffenheit darüber, zur Sprache. 

 Markus Nagel

 

'S ist Krieg 

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!

O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

‘s ist leider Krieg -

und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

 

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig, bleich und blaß,

Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,

Und vor mir weinten, was?

 

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,

Verstümmelt und halb tot

Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten

In ihrer Todesnot?

 

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,

So glücklich vor dem Krieg,

Nun alle elend, alle arme Leute,

Wehklagten über mich?

 

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten

Freund, Freund und Feind ins Grab

Versammelten und mir zu Ehren krähten

Von einer Leich herab?

 

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?

Die könnten mich nicht freun!

‘s ist leider Krieg - und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

Matthias Claudius 1778 

Christliches Engagement

 

Ich teile gerne Auszüge aus zwei Verlautbarungen, die ich für zutiefst christlich halte, weil sie an Menschlichkeit festhalten und das wahre, zerstörerische Gesicht des Krieges benennen. Mögen wir in diesem Sinne auf Frieden hin arbeiten.

Marietjie Odendaal

 

Der jüngste Krieg in Europa führt uns in aller Deutlichkeit und Brutalität vor Augen, dass bewaffnete Konflikte unsägliches Leid und sinnlose Zerstörung verursachen. Krieg hat immer auch genderspezifische Auswirkungen, und betrifft marginalisierte Gruppen besonders.

Auch wenn die mediale Aufmerksamkeit fast ausschliesslich beim Krieg in der Ukraine ist: Auch in Gaza, Syrien, Somalia und im Jemen wurden in den letzten Wochen schwere Luftangriffe und Gewalt gegen zivile Einrichtungen verübt.

Die Schweizer Zivilgesellschaft ruft seit langem zu einer verstärkten zivilen Friedensförderung und gegen den Export von Kriegsmaterial auf. Im Jahr 2020 hat die Schweiz jedoch Waffen im Wert von mindestens 900 Millionen Franken exportiert, ein absoluter Rekord. Parallel zum weltweit zunehmenden Geschäft mit Waffen und Kriegsmaterial beobachten wir eine Zunahme kriegerischer Rhetorik, die eine militaristische und patriarchale Haltung auf internationaler und nationaler Ebene fördert. Sie dient dazu, Gewalt zu legitimieren und Militärausgaben weiter zu erhöhen. Frieden und Friedensbemühungen werden durch Investitionen in und Handel mit Waffen und Kriegsmaterial und durch einen militaristischen Diskurs unterlaufen und sabotiert.

Aktuell wird der Krieg in der Ukraine dazu missbraucht, Rüstungsausgaben zu erhöhen. Deutschland hat angekündigt, 100 Milliarden Euro zusätzliche in die Aufrüstung zu investieren.

Auch im Schweizer Parlament werden die Rufe nach Aufrüstung lauter. Doch: Waffen schaffen Krieg statt Frieden.

Wir begrüssen die grosse Solidarität gegenüber Flüchtenden aus der Ukraine und die Bereitschaft zu unbürokratischer Aufnahme und Schutz. Wir fordern, dass diese Solidarität für alle Geflüchteten gilt!

(Aus: Appell für Frieden und Entmilitarisierung, https://www.cfd-ch.org/de/news/appell-fuer-frieden-und-entmilitarisierung-566.html)

 

Für Verständigung - Gegen die Kriegstreiberei

In diesen Zeiten, in denen sich die Erregungen überschlagen und wir emotional überflutet werden ist es wichtig, an einigen einfachen Wahrheiten festzuhalten:

1. Jeder Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Krieg traumatisiert Täter und Opfer. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Kriege das Erleben einer oder sogar mehrerer Generationen schmerzlich verändern.

2. Ein Krieg endet immer mit Verhandlungen, mit Verständigung und mit Kompromissen. Daher ist es wichtig, mit allen im Gespräch zu bleiben, auch mit dem Feind, dem „Bruder Wolf“ (Franz v. Assisi). Eine Verteufelung des Gegners ist nicht hilfreich. Wir bestehen darauf, dass auch der Gegner ein Mensch ist und ein Mensch bleibt, mit dem Gespräch möglich ist.

3. Widerstand mit Waffen ist Gewalt: Er verlängert und verschlimmert den Krieg und kostet Menschenleben. Die Unterstützung von Dritten durch Waffen verleitet dazu, sich stark zu fühlen, nährt unrealistische Siegesphantasien, erhöht die Gewaltspirale und verhindert die Bereitschaft zum Gespräch und Kompromiss. Nicht um Sieg geht es, sondern um die Rettung möglichst vieler Menschenleben. Deshalb muss eine Situation angestrebt werden, in der alle Konfliktparteien unter Wahrung ihres Gesichts den Krieg beenden können. Vermittlung und Ausgleich von Interessen sind zentral, nicht weitere Aufrüstung. Im Zeitalter der Atomwaffen gibt es zu Verständigung und Ausgleich keine denkbaren Alternativen mehr. Wer eine atomare Macht militärisch besiegen will, provoziert den atomaren Einsatz.

Was können wir tun, was ist jetzt wichtig?

1. Wir treten jeder Entmenschlichung, jeder Ausgrenzung entgegen und lehnen jedes pauschale Verurteilen („die Russen“) ab.

2. Wir fordern: Keinen Abbruch, sondern Fortführung und Intensivierung zivilgesellschaftlicher Kontakte- sowohl zu Russland als auch zur Ukraine.

(Internationaler Versöhnungsbund,https://www.versoehnungsbund.de/2022-03-10-fuer-verstaendigung-erklaerung)