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Sonntag, 14. Mai 2023

Religion und Sicherheit

In der Gesellschaft ist zunehmend ein Gefühl der Unsicherheit zu spüren, sei es aufgrund von Gesundheitsbedenken im Zusammenhang mit der Pandemie, der geopolitischen Unsicherheit nach der Invasion in der Ukraine oder der Sorge um die finanzielle Stabilität nach der CS-Pleite. 

Interessanterweise besagt eine soziologische, wenn auch umstrittene Ausgangsthese, dass Religiosität negativ mit sozialer Sicherheit korreliert. Als historisches Beispiel wird angeführt, dass z.B. die Entdeckung von Keimen und Antibiotika dazu führte, dass Krankheit als ein lösbares Problem angesehen wurde. 

Die Erfahrung von einer zunehmend garantierten Sicherheit würde demnach die Bedeutung religiöser Fragen zurückdrängen. Umgekehrt liesse sich folgern, dass es aber gerade in unsicheren Zeiten das Bedürfnis nach Orientierung, Zugehörigkeit und Krisenbewältigung wieder zunimmt. 

Dieses wird heute vielleicht nicht mehr ausschliesslich religiös aufgefangen, dennoch hat gerade die Kirche in ihrer Botschaft und Praxis dafür eine Kompetenz und Entsprechung, die sie gerade jetzt in Zeiten der Unsicherheit aktiv wahrnehmen sollte.

Milan Weller

Mittwoch, 18. Januar 2023

Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Sozialethische Arbeitsgruppe der evangelisch-methodistischen Kirche in Solothurn

Martin Roth, Loretostrasse 25, 4500 Solothurn



Frau

Bundesrätin K. Keller-Sutter

Bundeshaus West 

3003 Bern


Sehr geehrte Frau Bundesrätin

Vielen Dank für Ihren grossen Einsatz rund um die schwierigen Fragen der Flüchtlinge. Ganz besonders freut uns, wie schnell sie den Status ‘S’ für die Flüchtenden aus der Ukraine in Kraft gesetzt haben. So fanden die Frauen und Männer schnell einen Ort, der ihnen Schutz bot. Dass Sie mitverantwortlich waren dafür, dass der Bundesrat diesen Schutzstatus jetzt um ein Jahr verlängert hat, freut bestimmt nicht nur die Geflüchteten, sondern auch uns. Nochmals vielen Dank.

Allerdings sind die Menschen aus der Ukraine nicht die Einzigen, die sich vor Krieg und Verfolgung fürchten und deshalb flüchten. Die Medien berichten fast täglich über Demonstrationen und Repressionen in verschiedenen Ländern der Welt. Und viele Menschen, gerade auch Frauen, flüchten, weil sie befürchten müssen, verfolgt, verhaftet oder gar getötet zu werden. Wäre die sichere Schweiz für solche Menschen nicht ein Ort, der ihnen Schutz bieten könnte?

Dazu schaffte die Schweiz das ’humanitäre Visum’. Nun hat am 17. 11. 2022 die Sendung ‘Rendez-vous am Mittag über das humanitäre Visum berichtet: «Das humanitäre Visum soll Verfolgten den Zugang zur sicheren Schweiz ermöglichen. Jetzt zeigen aktuelle Zahlen: Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und den Protesten in Iran ist es fast bedeutungslos». Die Hürden, ein solches Visum zu erhalten sind laut diesem Bericht viel zu hoch. Es scheint, dass viele Betroffene es aus Angst vor Ablehnung gar nicht erst versuchen, ein solches Visum zu beantragen. 

Uns scheint diese abwehrende, ängstliche Haltung der humanitären Tradition der Schweiz unwürdig. Zudem ist diese Haltung der Schweiz sehr diskriminierend und ungerecht. Was unterscheidet denn die Schutzsuchenden aus der Ukraine von jenen aus dem Iran, Afghanistan oder anderen Ländern? Wir bitten Sie daher sehr, allen gefährdeten Menschen den Zugang zum Schutz in der Schweiz zu ermöglichen. Bitte zeigen Sie gegenüber den Flüchtenden aus dem Iran, Afghanistan oder Eritrea die gleiche Offenheit und den gleichen Mut, ihnen Schutz zu bieten, wie jenen aus der Ukraine.

Freundlich grüssen Sie


Kirche in einem dynamischen Umfeld

In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird gesamtschweizerisch von einem Bedeutungsrückgang von Religion ausgegangen. Neuste Studien erklären dies insbesondere mit einer Säkularisierung via Kohorten. Religiosität wird demnach in der Schweiz immer weniger von einer Generation zur nächsten weitergegeben (Religionstrends in der Schweiz, 2022). Dieser Trend zeigt sich vor allem bei den beiden Landeskirchen in der Schweiz, wo die katholische Kirche ihren Mitgliederrückgang (aktuell noch) durch Personen mit Migrationshintergrund (hauptsächlich Italien, Portugal, Spanien und Kroatien) etwas ausgleichen kann (Rückgang von 46.7% 1970 auf 33.8% in 2020), wohingegen er bei der evangelisch-reformierten Kirche deutlicher ausfällt (Rückgang von 48.8% 1970 auf 21.8% in 2020). Abgesondert davon hat sich in der Schweiz ein freikirchliches Milieu (ca. 1.5-2.5% der Schweizer Bevölkerung) etabliert, wo die Säkularisierung weniger stark zu wirken scheint. In diesem Sozialmilieu ist jedoch ein gewisser interner Wettbewerb erkennbar.

Für die EMK sind diese gesellschaftlichen Gegebenheiten auch hinsichtlich einer generellen Identitätsfrage von zentraler Bedeutung. Es muss vermutlich entlang der Frage einer gewissen Anpassung (zugunsten der sozialen Identität Religion) oder einer stärkeren Abgrenzung nach Aussen (zugunsten einer Stützung der eigenen religiösen Identität) verhandelt werden. Diese Unterscheidung ist auch für einen Strategieprozesses zur Mitgliedergewinnung dahingehend relevant, wenn man sich überlegt, welche Personen dieser beiden gesellschaftlichen Gruppen man wie am besten erreichen kann oder möchte. Einerseits bietet ein Fokus auf das freikirchliche Milieu den Vorteil, dass dort bereits eine konsistente Nachfrage für Religiosität existiert, da dort die Säkularisierung gemäss aktueller Forschung weniger stark wirkt. So könnte man von dort Mitglieder*innen gewinnen, falls man in Konkurrenz mit anderen Freikirchen tritt. Dies schafft man vor allem, indem man auf lokaler Ebene durch individuelle religiöse Angebote überzeugt und damit besser als andere Institutionen die religiösen Bedürfnisse dieser Anspruchsgruppe befriedigt und diese dabei auch gezielt anspricht und einlädt. Dies könnte jedoch als Nullsummenspiel aufgefasst werden, da gesamtschweizerisch dadurch die Anzahl an Christen nicht vergrössert, sondern nur einige «Player im religiösen freikirchlichen Markt» erfolgreicher oder weniger erfolgreicher agieren. Möchte man Personen aus der säkularen Welt (Anspruchsgruppe: ehemalige Reformiert, junge Menschen ohne Religionszugehörigkeit, etc.) erreichen, geht es vor allem darum, dass die Einstiegshürden in den Gemeinden bei diesen Personen nicht zu hoch gesetzt werden, indem beispielsweise bereits erwartet wird, dass man in seinem Glauben gefestigt sein muss oder regelmässige religiöse Praxis betreibt. Es müsste sich eher um einen Schritt für Schritt Prozess (Nudging) handeln. Insgesamt bietet die Unterscheidung zwischen diesen beiden Anspruchsgruppen den Vorteil, dass man die Bedürfnisse der jeweiligen potenziellen Mitglieder gezielter erreichen kann. Eine fehlende Differenzierung birgt zudem die Gefahr einer möglichen Irritation, da unterschiedliche Erwartungen innerhalb der Kirche aufeinandertreffen und keine klare Position besteht (Stuck in the Middle Problematik). 

Konkret stellt sich also die Frage, ob die EMK den Fokus daraufsetzen möchte, brückenbauend in die säkulare Welt hinein zu agieren, oder eher versuchen möchte, im religiösen freikirchlichen Markt mit anderen freikirchlichen Akteure zu konkurrieren und dort durch individuelle religiöse Angebote zu überzeugen. Eine bewusste Differenzierung dieser Anspruchsgruppen ist zentral und wirft wichtige weiterführende Fragen auf, die wir in unserer Kirche bearbeiten sollten.

Milan Weller

Freitag, 4. November 2022

Habt ihr schon von Gertrud Woker gehört?

 Habt ihr schon von Gertrud Woker gehört?
Ich habe vor kurzem in einem besonderen Dokumentarfilm zum ersten Mal von
ihr erfahren. Eine eindrückliche Person muss sie gewesen sein. Eine
bahnbrechende Wissenschaftlerin. Eine Frau, die sich klar und deutlich für
Frieden eingesetzt hat.
Und doch eine Person, die von ihrem Umfeld als komisch, verrückt,
lebensuntauglich bis gefährlich eingestuft wurde. Verleumdet und missachtet,
machte sie ohne aufgeben weiter.
Wie ist das möglich? Wie konnte so etwas nur passieren?
Und wenn ich dieser berührende und teils auch bedrückende Film anschaue,
merke ich, wie auch heute Ähnliches möglich bleibt und geschieht.
Ich empfehle ganz herzlich selber zu schauen.
https://www.youtube.com/watch?v=ys4yMosacqA&list=PLpNi0Wmi7L823WvEk
tvkX1xT-fSxBJkE8&index=23


Marietjie Odendaal

Einseitig?

Uns im Konfliktfall auf Frieden auszurichten, bedeutet eine andere Seite oder eine andere Perspektive anzuerkennen, weil auch auf der anderen Seite gültige Interessen vorhanden sind.

Dazu müssen wir die andere Seite anhören. Dies zu tun, schliesst keineswegs aus, parteiisch zu sein. Doch eine Seite zu wählen, ohne beide Seiten im Blick zu haben, lässt uns zu kurz greifen. Zu meinen, ich verstehe einen Konflikt, ohne mich, mein Verhalten und mein Wirken anzuschauen, ist eine Fehleinschätzung.

Vielleicht darum sagt Jesus in seiner grossen Friedensanleitung, "Entferne erst den Balken aus dem eigenen Auge. Dann wirst du besser sehen, das Körnchen aus dem Auge deines Gegenübers zu nehmen."

Wie Eltern lernen nachzufragen, wenn die Kinder weinend über das Missverhalten von anderen berichten, "Und was hast du gemacht und gesagt?", müssen wir vorsichtig und sorgfältig schauen und einfordern, dass wir mehr als eine Seite präsentiert bekommen. Es ist oft am schwersten, sich selber im Ganzen wahrzunehmen. Dafür brauchen wir Rückmeldungen von anderen Menschen, sogar von der Gegenpartei.

Jesus will uns nicht einschüchtern, als ob wir immer Balken bei uns wittern sollten. Er erkennt jedoch, dass ein dauernder, lebensfördernder Frieden nie einseitig geschlossen wird.

Sind wir als Nachfolgende Jesu es nicht die Welt schuldig, das zu lernen und zu leben?

Marietjie Odendaal, Kirche und Gesellschaft

Samstag, 20. August 2022

Traumhaft

Normalerweise träume ich nicht sehr viel. Zumindest erinnere ich mich, sobald ich aufgewacht bin, meist nicht mehr an meine Träume. Vor kurzem erlebte ich es aber ganz anders. Ich durchlebte während eines Traums viele sehr lebendige und klare Situationen, welche mir eindrücklich in Erinnerung geblieben sind. Einige Situationen im Traum erlebte ich als sehr beängstigend, aber mitten in alledem geschah mir eine Traumsequenz, die unglaublich war, kurz, aber sehr intensiv und betörend schön. Ich flog wie ein Vogel durch die Lüfte über eine vielfältige und schöne Natur mit Bergen und Flüssen und alles war sehr grün. 

Diese Traumerfahrung kann ich für mich sehr gut mit dem hebräischen Wort Schalom verbinden. «Schalom» bringt etwas in mir zum Klingen, ähnlich wie mein Traum. «Schalom» bedeutet nicht einfach nur Friede. «Schalom ist mehr als Friede, es ist Zufriedenheit – Zu-Frieden-heit. Nicht der Zustand, sondern der Weg dahin.» 

Vielleicht waren die vielen Beschäftigungen über die Kriege und Krisen dieser Welt und die grossen und kleinen Unversöhnlichkeiten der Auslöser dieses schönen Traumes. 

Ich wünsche mir aber, dass ich mich nicht nur an den Schalom-Erfahrungen von Träumen erfreue, sondern dass gerade unsere Kirchen und Religionen unterwegs sind zu diesem Schalom. 

Indem wir Ort schaffen und bewahren, wo alle willkommen sind, unabhängig von Religion, Ethnie, Geschlecht und Besitz. 

Dass hier gerne geteilt wird mit denen, die weniger haben. Wissend, dass wir alle Beschenkte sind.

Ich wünsche mir, dass in den grossen und kleinen Meinungsverschiedenheiten unserer Tage Polarisierung überwunden wird und nach guten und gangbaren Kompromissen gesucht wird. Ich wünsche mir, dass bei uns in unseren Kirchen und Häusern erzählt wird von diesem  Schalom.

Markus Nagel


Samstag, 7. Mai 2022

Gedanken zur Frontex-Abstimmung

Wenn ich an die Abstimmung vom 15. Mai über die Beteilung an Frontex denke, kommen mir mehrere Erinnerungen.

Das ist zuerst einmal der Film „Der „Marsch“ aus den Jahr 1990. Ich weiss nicht mehr vieles von diesem Film, den ich damals gesehen habe. Tausende von Afrikanern versuchten verzweifelt nach Europa zu gelangen. Aufgrund der Klimaerwärmung waren weite Teile von Afrika unbewohnbar geworden. Der Marsch ging über die ausgetrockneten Ozeane. Zum Schluss standen die Marschierenden den Grenzwächtern mit gezogenen Waffen gegenüber. Ich meine, der Film endete damit. Dieses Bild hat sich in meine Erinnerung eingebrannt.

Im Jahr 2002 haben meine Frau und ich Ferien in Andalusien gemacht. Eine Station unsere Ferien war die malerische Küstenstadt Tarifa, an der Costa de la Luz gelegen. Der südlichste Punkt Spaniens und des europäischen Festlandes ist nur 14 Kilometer vom afrikanischen Kontinent entfernt. Von den historischen Hafenanlagen hat man bei klarem Wetter einen guten Blick nach Afrika hinüber. Auf einmal erklang die Sirene. Es seien Flüchtlinge auf dem Meer vor Tarifa aufgegriffen worden, meinte ein Reiseführer auf unsere Frage nach der Sirene. Ungefähr 500 Flüchtlinge wären das ungefähr, pro Woche, wusste er weiter. Dabei sei das Meer hier an der Meerenge äusserst wild und unberechenbar. Wir haben dann die ungefähr zwanzig Männer, welche gestrandet sind, gesehen. Sie waren trotz der Wärme in Handtücher gehüllt und wurden zu fensterlosen Containern geleitet.

Dass Tarifa heute wegen seiner starken Winde als Paradies für Kidesurfer gilt, zeigt die grossen Gefahren, denen sich die Menschen aussetzen, bei ihrer Flucht über das Mittelmeer hier vor Tarifa. Unzählige sterben im Mittelmeer, beim Versuch ins sichere und reiche Europa zu gelangen.

Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise habe ich im deutschen Fernsehen eine Talkshow mit Günter Jauch gesehen. Eine Frau erzählte von ihren Erfahrungen in einem Schlepperboot, unterwegs im östlichen Mittelmeer. Sie sass an Deck eines kleinen Bootes mit ihren beiden Kindern im Arm. Es herrschte Sturm mit grossen Wellen. Sie meinte, dass sie sie panische Angst hatte und sie nicht wusste, nach jeder Welle, ob ihre beiden Kinder nicht von Bord geflogen wären. Der Moderator fragte, wie sie ihre Kinder in so eine grosse Gefahr bringen konnte. Die Frau schaute den Moderator an und fragte ihn, was sie angesichts der fehlenden Perspektive für eine Wahl hätte. Der Moderator und alle Talkgäste waren irgendwie sprachlos und ich auch.

Für mich ist Frontex ein wichtiges Instrument zur Abschottung Europas. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Festung Europa. Trotz der immer höheren Hürde und grossen Gefahren, lassen sich viele Menschen angesichts ihrer Perspektivlosigkeit nicht von ihrer Flucht über das Mittelmeer abhalten.

Mit der stärkeren Unterstützung von Frontex, wie es gefordert wird, würden wir uns viel stärker beteiligen am Ausbau der Festung Europa. Und das kann nicht der richtige Weg sein.

Markus Nagel