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Montag, 23. Mai 2016

Eine etwas andere Betrachtung zum bedingungslosen Grundeinkommen

Mit seinem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20.1-15 in der Übersetzung von Hoffnung für alle) mutet Jesus einem sehr viel zu:

"Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit einem Weinbauern, der frühmorgens Arbeiter für seinen Weinberg anwarb. Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn und ließ sie in seinem Weinberg arbeiten. Ein paar Stunden später ging er noch einmal über den Marktplatz und sah dort Leute herumstehen, die arbeitslos waren. Auch diese schickte er in seinen Weinberg und versprach ihnen einen angemessenen Lohn. Zur Mittagszeit und gegen drei Uhr nachmittags stellte er noch mehr Arbeiter ein. Als er um fünf Uhr in die Stadt kam, sah er wieder ein paar Leute untätig herumstehen. Er fragte sie: 'Warum habt ihr heute nicht gearbeitet?' 'Uns wollte niemand haben', antworteten sie. 'Geht doch und helft auch noch in meinem Weinberg mit!', forderte er sie auf.
Am Abend beauftragte er seinen Verwalter: 'Ruf die Leute zusammen, und zahl ihnen den Lohn aus! Fang beim Letzten an, und hör beim Ersten auf!' Zuerst kamen also die zuletzt Eingestellten, und jeder von ihnen bekam den vollen Tageslohn. Jetzt meinten die anderen Arbeiter, sie würden mehr bekommen. Aber sie erhielten alle nur den vereinbarten Tageslohn. Da beschwerten sie sich beim Weinbauern: 'Diese Leute haben nur eine Stunde gearbeitet, und du zahlst ihnen dasselbe wie uns. Dabei haben wir uns den ganzen Tag in der brennenden Sonne abgerackert!' 'Mein Freund', entgegnete der Weinbauer einem von ihnen, 'dir geschieht doch kein Unrecht! Haben wir uns nicht auf diesen Betrag geeinigt? Nimm dein Geld und geh! Ich will den anderen genauso viel zahlen wie dir. Schließlich darf ich doch wohl mit meinem Geld machen, was ich will! Oder ärgerst du dich, weil ich großzügig bin?'"

Bei diesem Gleichnis sind sich der Gerechtigkeitsfanatiker und der Wirtschaftsliberale für einmal einig: Das geht nicht! Wo kämen wir denn hin, wenn Leistung nicht gerecht entlöhnt wird. Wo bestände da der Anreiz zum Arbeiten, das ganze wirtschaftliche Erfolgsrezept würde über den Haufen geworfen. 

Es braucht einen Perspektivenwechsel, um die Geschichte verstehen zu können. Es tauchen Arbeiter auf, die arbeitslos waren, die aus Gründen, die hier nicht stehen, beim ersten Mal nicht zum Zuge kamen. Vielleicht waren es ältere, die zu langsam waren, um in der ersten Reihe zu stehen oder sie hatten andere, für sie wichtigere Aufgaben zuerst zu erledigen. Und die Arbeiter, die der Verwalter am späten Nachmittag vorfindet, erklären, niemand wolle sie haben. Sie tönen resigniert, vielleicht ist es nicht das erste Mal, sie sind, um es neudeutsch zu sagen, schwer vermittelbar, die Gründe sind vielseitig. Aber Jesus meint, sie würden in dieser kurzen Zeit gleich viel leisten, als die anderen, ja möglicherweise sogar mehr. Wer schon einmal einem körperlich behinderten Menschen zugeschaut hat, wie schwer ihm selbst das Schuhe binden fällt, weiss, was hier gemeint ist. Wie schnell disqualifizieren wir Menschen, die gar nichts dafür können.

Szenenwechsel: Am 5. Juni stimmen wir über das bedingungslose Grundeinkommen ab. Jede und jeder soll einen Betrag erhalten, man spricht von 2500.- Franken, so will es die Initiative, einfach so. Und auch hier sind sich Gewerkschafter und Wirtschaftsturbos für einmal einig: Das geht doch nicht! Die einen fordern, man müsse den Menschen Arbeit geben, statt Almosen, in diesem Falle, einen bedingungslosen Betrag. Die andern fürchten einen Zusammenbruch der Wirtschaft. Das geht nun wirklich nicht, dass man fürs Nichtstun noch Geld erhält. 

Doch auch in der reichen Schweiz gibt es Menschen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Sie beziehen eine IV-Rente, sind zu jung oder zu alt für die Arbeit. Zwar haben wir im Vergleich zu Europa eine tiefe Arbeitslosigkeit, aber auch nur, weil die Statistik schöngefärbt wird. Ausgesteuerte tauchen in dieser Statistik zum Beispiel nicht auf, wer nur in einem kleinen Pensum arbeitet, obwohl er mehr möchte, ebenfalls nicht. 

Sicher, das bedingungslose Einkommen ersetzt die ganzen Renten nicht, aber sie schafft fürs erste eine Erleichterung. Wer schon einmal mit den IV- und Arbeitslosenbehörden zu tun gehabt hat, weiss, wie mühsam der Umgang mit der Behörde ist. Es kommt oft auch auf den Berater an, ob man mehr oder weniger erhält. Mit diesem Grundeinkommen werden die ersten Ungleichheiten bekämpft.

Und auch der Vorwurf an diese Initiative, niemand wolle dann mehr arbeiten, zeugt von einer kurzfristigen Denkweise. Eher müsste man sich in diesem Falle überlegen, die Mindestlöhne zu erhöhen, die Arbeit attraktiver zu gestalten. 

Auch hier braucht es einen Perspektivenwechsel, um die Vorteile dieser Initiative zu erkennen: Das bedingungslose Grundeinkommen verschafft einem Zeit, und plötzlich tauchen kreative Ideen auf, wie man diese sinnvoll einsetzen kann. Nicht nur der Kirche, auch viele anderen Institutionen fehlen die freiwilligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Es ist doch so, viele wählen heute aus wirtschaftlichen Gründen die Arbeit an der Kasse statt die Mithilfe an einem Altersnachmittag, um es einmal salopp zu sagen. Es wäre auf alle Fälle eine Anerkennung an die Freiwilligenarbeit. 

Gewiss, diese Initiative hat noch viele Fragezeichen, ist mehr ein Denkanstoss, denn eine ausgegorene Idee. Aber ich finde sie wichtig. Wir brauchen, gerade aus christlicher Sicht immer wieder Visionen, neue Ideen für eine gerechtere Welt. Viele regen sich auf, weil die Initianten ein bedingungsloses Einkommen fordern; wo bleiben diese Stimmen, wenn es um Steuerhinterziehung, Waffenhandel und andere dubiosen Geschäfte geht?

Und vielleicht wird das Grundeinkommen schneller eingeführt, als es den meisten Gegner lieb ist. Führende Wirtschaftsökonomen prophezeien einen rapiden Arbeitsplatzverlust in den nächsten Jahrzehnten. Immer mehr Maschinen übernehmen die Arbeit: Selbstfahrende Autos ersetzen Taxis, Computer dringen in Bereiche ein, von denen wir heute glauben, das können nur Menschen erledigen. Wie gehen wir mit dieser Herausforderung um?


Donnerstag, 1. Mai 2014

Eine reiche Schweiz ohne Working Poor anstreben

Ja zum Lohnschutz - Ja zum MindestlohnHeute, am 1. Mai 2014, erinnert mich eine E-Mail aus den USA daran, dass auch in den Vereinigten Staaten der Mindestlohn ein Thema ist, etwa bei den Staatsangestellten, die oft weniger als 10 Dollar die Stunde verdienen.

Methodisten setzen sich auf der ganzen Welt schon sehr lange für existenzsichernde Löhne ein.

Bereits im allerersten methodistischen Sozialen Bekenntnis von 1908 steht:
„Die Bischöfliche Methodistenkirche tritt ein…
- für einen zum Lebensunterhalt ausreichenden Lohn in allen Industriezweigen.
- für einen dem jeweiligen Industriezweig höchstmöglichen Lohn…“

In den Sozialen Grundsätzen (www.soziale-grundsaetze.ch) der Evangelisch-methodistischen Kirche unter „163 C Arbeit und Freizeit“ kann man weiter lesen: „Jede Person hat das Recht auf Arbeit zu einem existenzsichernden Lohn.“
Unter „163 E Armut“ steht weiter: „Da niedrige Löhne oft eine Ursache der Armut sind, sollten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber ihren Arbeitskräften einen Lohn zahlen, der diese nicht von staatlicher Unterstützung wie zum Beispiel Vergünstigungen für Lebensmittel oder Sozialhilfe zur Sicherung ihres Lebensunterhalts abhängig macht.“

Nun gehört die Schweiz nicht zu den armen Ländern. Und einen Mindestlohn von CHF 4000.-/Monat mag astronomisch hoch erscheinen angesichts von vielen Millionen Menschen, die nicht einmal einen Dollar pro Tag verdienen.

Ich selbst habe immer mehr verdient als der gesetzliche Mindestlohn. Das ist auch jetzt so. Und doch erhalte ich bis heute staatliche Unterstützung in Form von Krankenkassenrückerstattung. Zeitweise überstieg diese Rückerstattung sogar die jährlich zu entrichtenden Steuern.
Ich kann mir daher nicht vorstellen, wie eine Verdienende oder ein Verdienender mit unter CHF 4000.- Lohn pro Monat davon im Hochpreisland Schweiz eine mehr als drei Personen umfassende Familie ernähren kann. Alleinstehende mögen wohl mit weniger zurechtkommen. Paare ohne Kinder sind als Doppelverdiener meist auch nicht betroffen. Familienväter oder Familienmütter aber brauchen mindestens CHF 4000.- im Monat.

Ich glaube, die Schweiz ist insgesamt zu reich, als dass sie sich Working Poor leisten darf und kann. Da ist nicht nur der Staat gefordert, sondern auch die Privatwirtschaft. Und darum empfehle ich, bei der Mindeslohninitiative (http://www.mindestlohn-initiative.ch/) ein Ja einzulegen.


Sonntag, 10. November 2013

1:12 – Ein Selbstversuch und seine Folgen – oder wie in der Schweiz Manager zur Volksgesundheit beitragen.

UNIA-Plakat 1zu12Man muss alles ausprobieren. Nur dann versteht man wirklich etwas davon. Schon als ich das Plakat mit den Hamburgern gesehen habe, war mir das klar. Und so ging ich also eines freien Tages zu McDonalds – oder war es Burger King – egal. Ich wollte herausfinden, wie es ist, wenn man 12 Hamburger pro Tag verdrücken muss, und nicht nur einen, oder vielleicht zwei.
Eines kann ich jetzt sagen. Es mag Menschen geben, die zwölf Hamburger pro Tag vertilgen können – ich kann es nicht. Nach zwei hatte ich eigentlich schon genug. Den dritten brachte ich gerade noch runter. Und beim vierten brach ich nach einigen Bissen ab. Es ist unmöglich. Für mich wäre 1:4 schon mehr als genug.
Dann kam mir in den Sinn, dass ich von Grossverdienern gelesen habe, die nicht nur 12-mal mehr Hamburger verarbeiten müssen, sondern 400-mal mehr als ein normaler Arbeiter. Waaahnsinn! Mein Respekt vor den Managern ist gewaltig gestiegen. Das ist schon eine Leistung, pro Tag 400 Burger zu essen. Unglaublich. Dabei sehe ich bei den Fastfoodketten eigentlich kaum jemand aus der Chefetage sein Tagwerk vertilgen. Nun, wahrscheinlich lassen sie nach Hause liefern.
Wobei, ich kenne nicht so viele Topmanager, denen man den Einsatz zur Hamburgerverarbeitung ansieht. Mit wenigen Ausnahmen sind das doch meist recht drahtige Typen. Vermutlich hilft die ganze Familie beim Verspeisen der Burger mit. Und was dann noch übrig bleibt, wird fürs Altenteil eingefroren. Nun wird mir auch klar, warum Manager oft vorzeitig in den Ruhestand gehen. Sie wollen dann noch etwas auf freiwilliger Basis tun für die Gesundheit der Gesellschaft, und arbeiten dann ihre Rückstände unbelastet vor weiteren Zugewinnen ab.
Ist es nicht so? Eigentlich setzen die Manager ihre Gesundheit, ja ihr Leben aufs Spiel, damit Leute wie ich sich nicht jeden Tag überessen an all dem Fastfood. Man müsste sie für den Einsatz zur Erhaltung der Volksgesundheit in den Adelsstand erheben.
Also für mich wäre das nichts. Darum bin ich ganz froh darüber, dass da, wo ich im Management mitarbeite, Das Hamburgerverhältnis bei nicht einmal 1:2 liegt.

Jörg Niederer ist Mitglied im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der EMK Schweiz-Frankreich

Dienstag, 5. November 2013

Die 1:12-Initiative weckt falsche Hoffnung

Was will die Initiative.
Erich von SiebenthalSie verlangt, dass in einer Unternehmung der höchste Lohn nicht mehr als 12 mal höher sein darf als der tiefste Lohn.
Auf den ersten Blick mag das verlockend erscheinen; aber wollen wir wirklich vom Staat die Löhne bestimmen lassen?
Bis heute hatten wir die Sozialpartnerschaft von Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die sich immer wieder einigten. In diesen Tagen wurde gerade mit den Berner Oberländer Bergbahnen einen Mindestlohn von CHF 4000.- ausgehandelt.
Wenn wir z.B. die Solidarität der Altersvorsorge näher betrachten, so bezahlen alle mit Einkommen einen Beitrag von 8,4% ein. Und alle, auch Zahler, die Beiträge von mehreren CHF 100'000.- einzahlen, erhalten nicht mehr als CHF 2'340.- Maximalrente pro Monat. Die 1:12-Initiative greift diese Solidarität direkt an, denn unser Sozialstaat ist auf hohe Einkommen angewiesen.
Wir wissen das es immer noch Arbeitgeber gibt, die schwächere Arbeitnehmer anstellen zu einem angemessenen Lohn. Wenn wir dieser Initiative zustimmen, werden diese Arbeitsplätze unter Druck kommen, denn die Mehrleistung für den Lohn anzupassen wäre nicht gegeben. Die Folge wäre also, das solche Arbeitsplätze gestrichen würden.
Auch ein Wegzug von Unternehmungen ins Ausland als Folge der Initiative darf nicht unterschätzt werden.
Dass es zu hohe Lohnzahlungen gibt, wissen wir alle, aber das der Staat dies regeln soll, ist der falsche Weg.

Erich von Siebenthal


Der Autor ist Nationalrat der SVP und Mitglied der Evangelisch-methodistischen Kirche.
Zu der Abfassung dieses Beitrags wurde er vom Ausschuss Kirche und Gesellschaft eingeladen.

Freitag, 1. November 2013

Mit 1:12 zu Gottes Gerechtigkeit?

Philipp Hadorn
Die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit gehören nicht nur in den heissen Lohnherbst, während dem Lohnangebote und -forderungen diskutiert werden.

Es stellt sich generell die Frage nach der Haltung von uns Christen zu Einkommensverteilung, Abgaben an Staat und Werke, sowie unseren Umgang mit Geld und Wohlstand. Entspricht es einer christlichen Haltung, wenn wir uns bemühen, unser Herz nicht an Materielles zu hängen und dabei unseren Besitz einfach geniessen? Oder wie gilt es die biblischen Beispiele zu verstehen? Die Gemeindeglieder in Jerusalem verkauften ihr Eigentum und legten den Erlös zusammen. Jesus lehrte den reichen Jüngling, seinen Besitz zu verteilen und fordert auf, Benachteiligte zu versorgen.

Am 24. November haben wir mit der 1:12 Initiative Gelegenheit, einen kleinen Schritt zu mehr Lohntransparenz und –gerechtigkeit zu wagen. Ein JA wird zwar weder die Wirtschaftsordnung grundlegend verändern noch zu voller Lohngerechtigkeit führen. Ein JA wird aber die Zunahme von Working Poor (das sind Menschen, die trotz voller Arbeitskraft mit ihrem Lohn ihre Versorgung nicht wahrnehmen können) hemmen, der gelebten Gier die Stirn bieten, Lohnexzesse eindämmen und damit die Vorahnung auf die Gerechtigkeit Gottes auf Erden etwas sichtbarer werden lassen. Nutzen wir die Chance aus Liebe zu Gott und den Menschen!

Philipp Hadorn


Der Autor ist Nationalrat der SP, Gewerkschafter des Verkehrspersonals SEV, engagiert sich in der Evangelisch-methodistischen Kirche Gerlafingen SO, wo er mit seiner Frau und den drei Söhnen ein und ausgeht.
Zu der Abfassung dieses Beitrags wurde er vom Ausschuss Kirche und Gesellschaft eingeladen.